/ Anstoß - Gedanken zum Tag

Martin Luther rettet den Genitiv

Bibelvers

Lass deiner sich freuen und fröhlich sein alle, die nach dir fragen.

Psalm 40,17

Ach, die Lyrik. In der gymnasialen Oberstufe, 35 Jahre ist es her, hatte ich Deutsch als Leistungskurs gewählt. Da kommt man um die Beschäftigung mit gebundener Sprache nicht herum. Auch wenn ich mich damals gerne gedrückt hätte. Aber das eine oder andere habe ich doch behalten. Zum Beispiel, warum sich Poeten beim Dichten frewillig in ein derart enges sprachliches Korsett zwängen: Sie verzichten zwar auf sprachliche Freiheitsgrade, aber dafür können sie die Wirkung dessen steigern, was sie ausdrücken wollen. Und das trifft nicht nur auf die romantische deutschsprachige Lyrik des 19. Jahrhunderts zu. Das galt auch schon knapp 3000 Jahre vorher, als ein Dichter den Königsthron Israels innehatte: David. 

Ein Beispiel. In einem seiner Gedichte, in Psalm 40, sagt David, an Gott gerichtet: "Lass deiner sich freuen und fröhlich sein alle, die nach dir fragen." Gebundene Sprache. Ein Doppelspruch, wie man ihn im poetischen Hebräisch oft findet. Klingt im Deutschen etwas geschraubt, folgt streng den poetischen Regeln, aber dafür ist die Wirkung gesteigert. "Lass deiner sich freuen und fröhlich sein alle, die nach dir fragen." In schnöder Prosa ausgedrückt dauert es doppelt so lang. Nämlich etwa so: "Gott, es lohnt sich, mit dir zu rechnen. Du gibst den Menschen, die dir vertrauen, allen Grund zur Freude." Martin Luther hat in seiner Übersetzung des Verses ganz nebenbei den Genitiv gerettet. "Lass deiner sich freuen." Klingt irgendwie eindrücklicher als "sollen sich freuen" oder gar "werden sich freuen" in anderen Bibelausgaben, und die Initiative geht erkennbar von Gott aus: Gott bringt das Lächeln und das Lob auf die Lippen.  

Cookies helfen uns, Ihr Benutzererlebnis zu verbessern. Wenn Sie die Website weiter nutzen, stimmen Sie unseren Datenschutz und Cookie Richtlinien sowie der Speicherung von Daten im Rahmen des EU-US Privacy Shield zu. Mehr erfahren