/ Anstoß - Gedanken zum Tag

Verzicht muss nicht sein!

Horst Kretschi über Jeremia 31,14

Bibelvers

"Mein Volk soll satt werden von meinen guten Gaben."

Jeremia 31,14

Verzicht, Einsamkeit, Armut. Das sind klassische Eigenschaften, die mit einem Leben im Kloster verbunden sind. Der Gedanke dahinter: Wer Gott besonders nahe sein will, der muss sich von irdischen Gütern trennen können. Für den haben Besitz und Reichtum keine Bedeutung. Es gibt natürlich auch genug Stellen im Neuen Testament der Bibel, die genau diese Einstellung unterstützen. Da schickt Jesus einen reichen jungen Mann mit den Worten weg, dass er gefälligst alle seine Habe verkaufen soll, um Gott zu finden. Doch es gibt auf der anderen Seite gerade im Alten Testament viele Stellen, die noch ein anderes Licht auf das Thema werfen. Da heißt es zum Beispiel im Buch des Propheten Jeremia: "Mein Volk soll satt werden von meinen guten Gaben." spricht der Herr. Ein Versprechen Gottes an das Volk Israel.

Wer zwei Zeilen weiter vorne ins Buch Jeremia schaut, der findet dort diesen Satz: "Sie werden ... sich freuen über die Gaben des Herrn, über Getreide, Wein, Öl und junge Schafe und Rinder." Das sind sehr praktische und weltliche Dinge, die Gott den Israeliten damals versprochen hat. Es ist ein Verständnis, das sich wie ein roter Faden durchs Alte Testament zieht: Wen Gott segnet, der lebt gut und nicht in Armut. Mit anderen Worten, wer Gott nahe ist und wem Gott nahe ist, der muss nicht Verzicht üben oder in Einsamkeit und Armut leben. Hier scheint es sich, oberflächlich betrachtet, um zwei völlig gegensätzliche Botschaften der Bibel zu handeln. Predigt Jesus nicht Armut und Verzicht? Wer sich die Mühe macht, die Bibel im Zusammenhang zu lesen und zu sehen, für den löst sich dieser scheinbare Widerspruch auf. Zum einen sollen Reichtum und Besitz den Blick auf Gott nicht verstellen. Die Frage ist ja: Woran hängt mein Herz? Wer spielt die entscheidende Rolle in meinem Leben? Für Reiche wie für Arme und alle Menschen dazwischen kann der Besitz zum Gott werden. Er kann, muss aber nicht! Auf der anderen Seite ist Reichtum auch kein sicheres Zeichen für Gottes Segen. Das Alte Testament beschreibt genug gottlose reiche Menschen. Und auch ein Wohlstandsevangelium kann ich in der Bibel nicht entdecken. Wer das predigt, verspottet Millionen Christen auf der Welt, die trotz tiefen Glaubens in Armut und Not leben müssen. Entscheidend ist: Egal wie wohlhabend ich bin und was ich mir in meinem Leben alles leisten kann: Es ist wichtig, den Ursprung dieser Gaben nicht aus den Augen zu verlieren.


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