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Schein und Sein 4.0

Schein und Sein 4.0 – unter diesem Motto ist gestern der vierte Evangelische Medienkongress in Hamburg zu Ende gegangen. Eingeladen dazu hatte die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD). Tagungsort war das Fernsehzentrum des Norddeutschen Rundfunks. Andreas Odrich war für ERF Medien vor Ort.

ERF Medien: Unsere Medien befinden sich einem rasanten Wandel. Von wem wird denn die Zukunft der neuen digitalen Welt gesteuert?

Andreas Odrich: Sicherlich wird sie nicht mehr vom öffentlich-rechtlichen Rundfunksystem gesteuert. Das ist schon lange nur noch ein Teil der schönen neuen Medienwelt, auch wenn Arnd Henze vom ARD-Hauptstadtstudio die Wichtigkeit eines öffentlich-rechtlichen Rundfunksystems mit seinen öffentlichen Kontrollmöglichkeiten beschworen hat und darauf hinwies, dass Vertreter sogenannter Schwellenländer die ARD aufsuchten, um sich dieses System genau anzuschauen, um es auf ihre Länder zu übertragen. Die neue Medienwelt liegt klar in den Händen von Weltkonzernen wie Google, Facebook, Twitter und Youtube.

ERF Medien: Welche Auswirkungen hat denn das auf unser Leben und auf unsere Mediennutzung?

Andreas Odrich: Darüber hat der USA-Korrespondent des SPIEGEL, Thomas Schulz, anhand seiner eigenen Erfahrungen sehr anschaulich berichtet. So war seine Redaktion jahrzehntelang an der Wall-Street beheimatet. Seit geraumer Zeit jedoch sitzt sie im Silicon Valley, also dort, wo die digitalen Innovationen ihren Ursprung nehmen und die Welt auf den Kopf stellen. Der Erfolg der dort ansässigen Unternehmen sei der US-amerikanischen Mentalität geschuldet, die sich aus Entdeckerfreude und dem Willen, Risikokapital zu investieren, um später eine hohe Rendite zu erwirtschaften, speisen.

Äußerlich gebe man sich dabei immer noch so, als handele es sich wie vor 10 bis 20 Jahren um studentische Internetexperimente, doch inzwischen seien dort Weltkonzerne entstanden, die unser Denken und unser Leben bestimmen, so Schulz. Man könnte das Gesagte auch auf die Formel bringen: Unser Geld fließt zu Ebay und Amazon und unsere intimsten und persönlichsten Daten überlassen wir freiwillig den sozialen Netzwerken wie Facebook, die wiederum steuern, welche Informationen uns zugänglich gemacht werden.

ERF Medien: Wie können wir denn mit der scheinbar unendlichen Macht dieser digitalen Weltkonzerne umgehen, sind wir ihnen hilflos ausgeliefert?

Andreas Odrich: In der Tat bestimmen diese neuen Medien unser Sein und unser Bewusstsein. Darauf hat der Medienwissenschaftler Prof. Bernhard Pörksen aus Tübingen hingewiesen. Anders als beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk, ist es in den sozialen Netzwerken eben nicht so ohne weiteres möglich, nachzuweisen, wer wann und wie die Daten- und Informationsströme steuert, und dadurch auch politische Haltungen befeuert. Pörksen sieht daher eine Entwicklung von der digitalen zur redaktionellen Gesellschaft. Der normale Nutzer muss darin wie ein Journalist bei jedem Beitrag, der im Internet oder in den sozialen Netzwerken erscheint, prüfen, ob das, was da steht, überhaupt stimmt, und ob die Informationsquelle seriös ist.

Diese Technik muss man regelrecht erlernen. Pörksen fordert daher die Einführung eines neuen Schulfaches. Und zwar eines, bei dem die Schüler nicht nur das Programmieren lernen, sondern vor allem den Umgang mit den Informationsströmen und ihrer Analyse. Pörksen setzt dabei übrigens auch auf etwas sehr altmodisches – eine solide, klassische Bildung, die es dem Menschen überhaupt erst ermöglicht, ein fundiertes Urteil zu fällen.

ERF Medien: Nun zeichnen sich die sozialen Netzwerke aber nicht gerade durch ein beflissenes Bildungsbürgertum aus. Im Gegenteil. Sie werden oftmals dominiert von Hassbotschaften. Hat der Kongress dafür denn eine Lösung gefunden?

Andreas Odrich: Natürlich wünscht man sich, dass die Menschen wieder zu einem normalen Ton zurückfinden. Wo dieser allerdings nicht greift, rät der Medienanwalt Prof. Christian Schertz, der gerade Jan Böhmermann verteidigt, dazu, den „Rammbock des Rechtsstaates“ anzusetzen, der mit der vorhandenen Gesetzgebung entsprechende Instrumentarien bereithielte. Sprich: Wenn ich als mehr oder weniger prominente Person unerträgliche Hassmails bekomme, dann soll ich den Absender anzeigen. Das würde bei rund 80 Prozent der Mailschreiber laut Schertz tatsächlich Wirkung zeigen.

Drei Adressatinnen solcher Shitstorms waren neben Schertz bei einer Podiumsdiskussion vertreten: Katrin Göhring-Eckardt von Bündnis 90/Die Grünen, die ZDF-Moderatorin Dunja Hayali und die Wort zum Sonntag-Sprecherin Annette Behnken. Alle haben übereinstimmend berichtet, dass einem Hasstiraden im Internet regelrecht körperlich zusetzen können. Göhring-Eckardt stimmte Schertz daher auch zu, dass die Zeiten der „Freundlichen Ansprache vorbei“ seien. Gleichzeitig wusste sie aber wie die anderen beiden Podiumsteilnehmerinnen davon zu berichten, dass es sich lohne, bestimmten Hassmailschreibern zu antworten. In einigen Fällen kämen dann Entschuldigungen zurück, und der Diskurs könne wieder sachlicher geführt werden.

ERF Medien: Das Schlagwort von der Lügenpresse ist ebenfalls behandelt worden. Wie kann sich die Presse um Glaubwürdigkeit bemühen und wie sollte sie mit dem Wort Lügenpresse umgehen?

Andreas Odrich: Der Schriftsteller Christoph Hein fand dazu eine glasklare Antwort. Die vierte Gewalt im Staat, als die sich die Medien sehen, dürfe nicht so „mimosenhaft“ sein. Schließlich sei es ihr Geschäft, täglich die Fehler anderer aufzudecken. Da dürfe die Presse umgekehrt nicht zimperlich sein, wenn ihre Nutzer ihr gegenüber jetzt kritischer sind. Hein appellierte deshalb an die Presse, sich auf eine alte Tugend des Qualitätsjournalismus vor 100 Jahren zu besinnen – damals sei es üblich gewesen, in den Zeitungen regelmäßige Rubriken mit Korrekturangaben zu falsch dargestellten Meldungen zu führen.

Dunja Hayali ist dann übrigens am Abend mit dem Ehrenpreis des evangelischen Robert Geisendörfer-Preises ausgezeichnet worden, weil sie ein TV-Format entwickelt habe, bei dem sie auf Augenhöhe kritischen Zuschauern etwa bei Pegida-Kundgebungen in Dresden mit einem Dialog-Angebot begegnet sei.

ERF Medien: Vielen Dank für das Interview!


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