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Versöhnung per Umkehr

Wenn Terroristen mit der Gesellschaft Frieden machen.

Terrorwarnung – Terrorgefahr – Terrorangst. Seit einigen Jahren beherrschen diese Begriffe unsere Nachrichtensprache. Terror – schon allein das Wort bewirkt, dass sich vielen Menschen die Nackenhaare sträuben; dass sie ein unbestimmtes, dumpfes Gefühl der Bedrohung empfinden. Das Phänomen Terrorismus ist aber nicht neu. Vor ziemlich genau 40 Jahren, Mitte der 1970er Jahre, befand sich Deutschland schon einmal in den Klauen des Terrors . Es waren damals keine irregeleiteten Glaubensfanatiker aus Nahost, sondern Söhne und Töchter aus Akademikerfamilien und Pfarrhäusern, die der Gesellschaft, die sie verächtlich als das „Establishment“ bezeichneten, den Krieg erklärten. Redakteur Michael Klein hat zu der Zeit studiert. Wir haben mit ihm über die damalige Zeit gesprochen.

ERF Medien: Hast Du diese Zeit als bedrohlich wahrgenommen?

Michael Klein: Eigentlich nicht. Es war eher lästig. Die Anschläge der so genannten Baader-Meinhof-Bande richteten sich nicht gegen die Gesamtheit der Bürger, sondern gezielt gegen Staatsanwälte, Wirtschaftskapitäne und Spitzenpolitiker. Wir haben das nur in Form verstärkter Polizeikontrollen wahrgenommen. Da ich an zwei Landesgrenzen aufgewachsen bin, war es damals besonders lästig, als junger Mann mit der damals üblichen längeren Haartracht aus Frankreich oder Luxemburg nach Deutschland einzureisen.

Die deutschen Zollbeamten waren bis an die Zähne bewaffnet und dementsprechend nervös und gereizt. An einer Gruppe lockerer Jünglinge, die ins Beuteschema passten, haben die schon ganz gern mal das gesamte Repertoire an Durchsuchungsmöglichkeiten durchgespielt. Mir ist das zweimal passiert. Jedes Mal haben die Zöllner ziemlich dumm geguckt, wenn sie unter meinen Papieren den Dienstausweis fanden, der mich als Reserveleutnant einer Fallschirmjägereinheit auswies.

ERF Medien: Damals wurde heftig darüber debattiert, wieviel Einschränkung der bürgerlichen Grundfreiheiten es geben darf, um die Sicherheit aufrecht zu erhalten. Erinnert sei an die Stichworte Rasterfahndung, Briefgeheimnis und Fernmeldegeheimnis. Wie wurde das empfunden?

Michael Klein: Gerade wir aus dem studentischen Milieu waren natürlich empört über diese staatlichen „Zwangsmaßnahmen“. Wenn wir mit den Älteren diskutierten, kam schnell deren Argument: „Wenn es damit gelingt, Verbrecher zu fangen, sollen sie uns ruhig abhören und unsere Post mitlesen. Wir haben nichts zu verbergen.“ Interessanterweise haben wir ja gerade eine ähnliche Debatte – allerdings auf dem Level der heutigen Kommunikationstechnik: Der so genannte Bundestrojaner war umstritten und die Abhörskandale der jüngeren Vergangenheit waren mit ein Grund, dass sich ein „Wutbürgertum“ gebildet hat.

ERF Medien: Immerhin hatten diese Fahndungsmethoden damals Erfolg. Die Köpfe der Terroristen wurden im so genannten „heißen Herbst“ 1977 gefasst und abgeurteilt. Gab es danach Anzeichen von Versöhnung?

Michael Klein: Ein Teil der Terroristen beging in der Haft Selbstmord. Der spätere Bundesinnenminister Otto Schily war damals ein Anwalt der Linken und es gab Indizien, dass er die Tatwaffen ins Hochsicherheitsgefängnis nach Stammheim geschmuggelt hat. Es wurde aber nie bewiesen. Er selbst schweigt bis heute beharrlich. Andere stiegen aus, schworen dem Terror ab und entschuldigten sich vor Gericht bei den Hinterbliebenen der Opfer. Für sie war dann auch nach Verbüßung langer Haftstrafen ein Neuanfang möglich.

Etliche leben noch und sind heute um die 70 Jahre alt. Der ein oder andere taucht als Zeuge in Dokumentationen auf und legt die Ideologien der Täter dar. Sie haben mit dieser Gesellschaft ihren Frieden gemacht. Immerhin ein Modell, dass man sich durchaus vorstellen könnte, wenn der islamistische Terror einmal – und hoffentlich bald – zum Auslaufmodell wird. Ich jedenfalls sehe da durchaus Parallelen und Perspektiven.

ERF Medien: Vielen Dank für das Gespräch.


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