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Nicht länger Erbfeinde

Versöhnung ist das Thema bei ERF Medien im Mai und Juni. Dazu gehört die Versöhnung mit Gott, die Versöhnung auf zwischenmenschlicher Ebene und auf politischer Ebene die Versöhnung zwischen Völkern und Staaten. Mittendrin in einem Konflikten scheint es oft aussichtlos, dass sich je etwas ändert.

Wir wollen in den kommenden Wochen zeigen, dass es dennoch eine Hoffnung gibt, dass sich auch scheinbar ausweglose Situationen ändern können. Beispiel Nummer 1 die Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich. Vor 100 Jahren standen sich die beiden Länder als Erbfeinde in den Schützengräben des ersten Weltkriegs gegenüber, heute sind wir starke Partner und die deutsch-französische Freundschaft ist seit Jahrzehnten Alltag. Der Weg dorthin allerdings war steinig. ERF Medien hat darüber mit ERF Plus Redakteur Michael Klein gesprochen, der im Saarland aufgewachsen ist.  

Die Erinnerung an Kriegsbesatzung war lange spürbar

ERF Medien: Michael, du bist im Saarland − nur ein paar Kilometer von der Grenze zu Frankreich entfernt – geboren und aufgewachsen. Und das in den ersten Nachkriegsjahren, in denen zwischen Deutschen und Franzosen noch nicht eitel Sonnenschein herrschte. Warum war das denn so?

Michael Klein: Mein Urgroßvater, mein Großvater und mein Vater waren gegen Frankreich zu Felde gezogen – alle drei überzeugt, ihre Heimat vor dem angeblichen „Erbfeind“ zu schützen. Und nur ein paar Kilometer entfernt lebten die Leute, deren Väter und Vorväter mit demselben Bewusstsein in drei Kriege gezogen waren. Die Lothringer hatten dreimal in 80 Jahren deutsche Besatzungen ertragen, wir Saarländer zweimal in 40 Jahren französische. Die letzte davon endete offiziell erst am 1. Juli 1961 mit dem Wegfall der Zollgrenze zur Bundesrepublik, die noch von meinen Eltern im Dialekt immer als „das Reich“ bezeichnet wurde. Jeder Lothringer und jeder Saarländer konnte sich in meiner Kindheit noch an gegnerische Besatzung erinnern. Da gab es noch kaum verheilte Wunden.

ERF Medien: Wie äußerte sich denn das?

Michael Klein: Das war nicht immer schön. Wir hatten zum Beispiel einen pensionierten Direktor unseres Gymnasiums, der war Vorsitzender des „cercle de Merzig“, das waren in meiner Heimatstadt die, die bei der Volksabstimmung 1955 für einen Verbleib des Saarlandes bei Frankreich votierten. Nun fiel dieses Votum eindeutig für Deutschland aus. Und als dann ganz offiziell die schwarz-rot-goldene Fahne wieder vor dem Rathaus aufgezogen wurde, zogen die Abiturienten vor das Haus dieses Mannes und nutzten seinen Vorgarten als öffentliche Bedürfnisanstalt.

Und als 14-jähriger Schüler auf Klassenfahrt in Paris ist es mir und meinen Kumpels passiert, dass am Arc de Triomphe ein älterer Herr mit Stock auf uns zutrippelte und vor uns ausspuckte, als er hörte, dass wir deutsch sprachen.

Von Kriegsfeinden zu Partnern

ERF Medien: Wie kam es nun zur Versöhnung zwischen den Menschen beiderseits der Grenze?

Michael Klein: Da muss man zwei Ebenen unterscheiden, die politisch gewollte und die zwischen den direkt Betroffenen.

Politisch ging das relativ leicht, denn auf beiden Seiten standen Staatsmänner, die erkannten, dass Deutschland und Frankreich die Kernländer Europas sind, von deren Freundschaft die friedliche Zukunft abhängt. Das waren Konrad Adenauer und Charles de Gaulle. Eine wichtige Rolle spielte dabei, dass beide praktizierende Katholiken waren.

Die Saarländer waren übrigens zunächst gar nicht so begeistert, vor allem, als bekannt wurde, dass Adenauer de Gaulle angeboten habe, er könne das Saarland um des Friedens willen haben. Bekannt wurde das 1961, vor der ersten Bundestagswahl, an der die Saarländer teilnehmen durften. Ich entsinne mich noch als Kind daran, dass zwischen meinem Vater, der zu den „Versöhnern“ gehörte, und meinem Großvater, der sich von Adenauer „verkauft“ fühlte, ganz schön dicke Luft herrschte.

ERF Medien: Das heißt, auf der privaten Ebene war das schwieriger?

Michael Klein: Na ja, da musste es schließlich umgesetzt werden. Was nützen politische Willenserklärungen, wenn die Menschen nicht mitmachen? Es gab ja auch konkretes politisches Handeln. So kam es zu einem sehr lebendigen Schüleraustausch. Wir hatten einige Jahre lang französische Gastschüler und ich war einige Male in französischen Familien. In meinem Gymnasium war Französisch erste Fremdsprache, bei den Lothringern war es Deutsch. In Saarbrücken wurde ein zweisprachiges Gymnasium eingerichtet, dessen lebhafter Vordenker übrigens einer der ganz Großen der Journalistenzunft gewesen ist, Peter Scholl-Latour.

Aber die wirkliche Versöhnung ereignete sich im Kleinen, von Mensch zu Mensch. Im damaligen Wirtschaftswunder bot das Saarland gut bezahlte Arbeitsplätze in Bergbau und Industrie. Und Lothringen war ein strukturschwaches, von der Zentralregierung vernachlässigtes Gebiet. In meiner Heimatstadt fuhren bei jedem Schichtwechsel in einer großen keramischen Fabrik Busse mit einigen hundert lothringischen Arbeitern durch die Stadt. Zunächst gab es einige Animositäten. Sie waren die „Schengelchen“ und wir waren die „boches“. Irgendwann hörte das auf, spätestens dann, wenn es bei der Brotzeit zum Tausch von saarländischem Bier gegen französisches Weißbrot kam.

Ein ganz großer Einschnitt und Fortschritt war dann der Wegfall der Grenzkontrollen durch das Schengen-Abkommen. Plötzlich war es kein Staatsakt mehr, in die Boulangerie nach Waldwies zu fahren, um Baguette zu kaufen und die Leute aus Thionville kauften in Merzig oder Saarlouis die begehrten Made-in-Germany-Produkte, die man vorher schmuggeln musste.

ERF Medien: Und wie ist das heute?

Michael Klein: Wenn man in einem Radius von 50 Kilometer um meine Heimatstadt unterwegs ist, merkt man eigentlich nur an den Straßenschildern, ob man in Deutschland, Frankreich oder Luxemburg unterwegs ist. Die Menschen dieser drei Länder verstehen sich längst als Bewohner eines einheitlichen Kultur- und Wirtschaftraumes. Man fährt selbstverständlich nach Saabrücken in die Oper, nach Luxemburg, um Benzin und Kaffee zu kaufen und nach Metz, um in einem Sternerestaurant zu dinieren. Und spontan zu feiern, das steht eigentlich in allen drei Ländern ziemlich hoch im Kurs.

ERF Medien: Wie aus Feinden Freunde wurden – das Beispiel Deutschland-Frankreich, danke schön Michael Klein.


Weitere Beiträge finden Sie jeweils zum Wochenanfang in dieser Reihe. Unter anderem geplant sind der Kniefall zu Warschau, der Fall der Berliner Mauer und das Ende Apartheit in Südafrika.

Wenn das Thema Vergebung Sie anspricht, werfen Sie einen Blick auf unsere Sonderseite Versöhnung.

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