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Nehmt uns die Flüchtlinge nicht weg!

Auf den Wiesen liegen letzte Schneereste, durch den Ort brettert die B 107. Manche Häuser grüßen noch im grauen DDR-Charme und die Kaufhalle scheint schon längst ihre Kunden aufgegeben zu haben, die Schaufenster starren ins Leere. Wiederau - ein kleines Dorf in Sachsen, nördlich von Chemnitz, ist auf den ersten Blick nicht unbedingt ein Ort, an dem man sesshaft werden möchte. Und doch wollen 60 junge Männer dieses Dorf auf keinen Fall verlassen – obwohl sie hier den ganzen Winter über in einem Zelt gelebt haben. Wie Gosem aus Afghanistan und Ali aus dem Iran: „Wir lieben Wiederau, weil wir hier viele Freunde haben“.

„Wir lieben Wiederau!“

Zwei Tage vor Weihnachten kamen die Flüchtlinge an, begrüßt schon am Bus von einer Unterstützergruppe. Deutschunterricht organisieren die Ehrenamtlichen seither und jeder der 60 Neuankömmlinge hat einen Paten im Dorf. Freundschaften sind entstanden. Doch dann klagt der Landkreis über zu hohe Heizkosten für das Zelt, die Flüchtlinge sollten Ende Februar verlegt werden, erzählt Pfarrer Traugott Fehlberg: „Das war ein Schock, der ging durch und durch.“

Gemeinsam mit der Kirchgemeinde protestiert das Dorf gegen die Umzugspläne. Auch Helga Steinert vom Gemeinderat, sie gibt ehrenamtlich Deutschunterricht: „Wir haben so ein Glück mit unseren Flüchtlingen, die sind alle aufgeschlossen und anständig. Und wir wollten sie so weit bringen, dass sie einen Aufenthaltstitel haben und vielleicht eine Wohnung, und so weit haben wir sie noch nicht, deshalb wollen wir sie noch nicht hergeben.“

Gegeninitiative „Nein zum Heim“

Aber es gibt auch eine Gegeninitiative im Dorf: „Nein zum Heim“. Doch zu Gewalt ist es bisher nicht gekommen. Und Pfarrer Fehlberg hat den Eindruck: langsam ebbt der Protest ab. Das führt er auch auf eins zurück: Seit vielen Jahren treffen sich in der Wiederauer Kirche jeden Montag vorwiegend ältere Menschen zum Friedensgebet. „Aber sicher, das hat die Situation vorbereitet“, ist der Pfarrer überzeugt.

„Das Friedensgebet hat die Situation vorbereitet.“

Der Landrat hat sich mittlerweile umstimmen lassen: zumindest bis Ende März wird es die kleine Zeltstadt noch geben. Jetzt suchen die Wiederauer fieberhaft nach Wohnungen. Denn nicht wenige der jungen Männer wollen bleiben – obwohl Wiederau keine Shoppingmeile hat und keine auf Hochglanz polierte Fassaden. Aber dafür Menschen, die Gastfreundschaft leben mit hochgekrempelten Ärmeln und weitem Herzen. Ali aus Afghanistan, gelernter Fliesenleger, sieht auf jeden Fall seine Zukunft in dem kleinen Ort zwischen den Wiesen an der B 107: „Ich will bleiben in Wiederau, die Menschen hier sind sehr nett, viele helfen. Mit ihnen will ich leben, das ist gut, ja!“, sagt er voller Überzeugung.

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