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„Später“ und „Ja, aber…“

„Wenn ein Fremdling bei euch wohnt in eurem Lande, den sollt ihr nicht bedrücken. Er soll bei euch wohnen wie ein Einheimischer unter euch, und du sollst ihn lieben wie dich selbst.“ Ein biblisches Prinzip, dass derzeit bei Deutschlands Nachbarn rechts und links wenig Anwendung findet. Auch Jean-Yves Leconte, zuständig für Ausländerangelegenheiten im französischen Senat, schiebt den Schwarzen Peter von sich.

Erst die Schengen-Grenzen sichern

„Die Deutschen können auf Frankreich zählen als einen Partner in der Flüchtlingsproblematik. Aber zunächst einmal müssen wir andere Probleme angehen.“ Die Schengen-Außengrenzen müssten wieder sicher gemacht werden. „Wir müssen das Zureisen von Terroristen verhindern. Nur so können wir den erstarkenden Nationalisten in Europa etwas entgegen setzen. Erst danach können wir über die Verteilung von Asylbewerbern reden.“

Der Vertreter Frankreichs schiebt also auch bei der Diskussion in Berlin das Thema Flüchtlingsaufnahme auf die lange Bank. Maciej Duszcyk, Vize-Direktor des Instituts für Sozialpolitik an der Universität Warschau, signalisiert hingegen für Polen Bereitschaft, Deutschland unter die Arme zu greifen - und relativiert das Angebot sofort wieder.

Flüchtlinge wollen nicht nach Polen

„Der Papst hat gesagt, wir sollen Flüchtlinge willkommen heißen. Wir sind ein katholisches Land, also machen wir das.“  Gleichzeitig relativiert Duszcyk das polnische Angebot: „Im Juni 2015 hatten wir als Testfall 160 syrische Flüchtlinge aufgenommen. Die Hälfte wollte nicht bei uns im Land bleiben. Jetzt werden wir 7.000 aufnehmen. Ich bin sicher: Sie werden genauso über die europäischen Binnengrenzen weiter nach Deutschland oder Schweden reisen.“

Die Beauftragte für Migrationsfragen im Großraum Warschau, Izabela Szewczyk, ist zugänglicher, was die Frage der Aufnahme von Flüchtlingen in Polen angeht. Zwar erkennt sie derzeit wenig Bereitschaft dafür in der Bevölkerung. Szewcyk sieht aber einen Sinneswandel als notwendig an: „Bisher haben wir keine Tradition in der Aufnahme von Flüchtlingen. Sie kommen in der öffentlichen Wahrnehmung gar nicht vor.“  Aber die polnische Bevölkerung müsse umdenken. „In 20 Jahren wird es 10 Millionen Menschen weniger in Polen geben. Wenn wir etwas gegen den Bevölkerungssschwund tun wollen, dann müssen wir uns für Menschen aus Drittländern öffnen.“

Aktuelle Flüchtlingswelle ist „erst der Anfang“

Trotz des Dialogs, den die Stiftung Genshagen in Berlin organisiert hat: Deutschland wird mittelfristig wohl nicht mit seinen Nachbarn Frankreich und Polen rechnen können, wenn es um eine gerechtere Verteilung von Flüchtlingen in Europa geht. Dabei warnt Peter Ptassek, der Beauftragte für Grundsatzfragen der EU im Auswärtigen Amt: „Das, was wir gerade erleben, ist der Anfang einer viel umfangreicheren Entwicklung. Über 60 Millionen Menschen weltweit sind auf der Flucht.“ Ein sehr kleiner Teil davon komme in Deutschland an. „Ich würde uns alle einladen, das, was hier passiert, als eine Fingerübung zu betrachten, als eine Einstimmung auf das, was kommt, wenn klimabedingte Migration einsetzt.“ Ptassek prognostiziert diese Entwicklung in den nächsten 10 Jahren.

Das sind keine guten Aussichten. Die aktuelle Diskussion in Berlin hat gezeigt: Europa ist auf die Zukunft nicht vorbereitet, wenn es nicht einmal die gegenwärtigen Herausforderungen gemeinsam angeht.


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