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„Es geht um die bloße Existenz“

Die Krise in Griechenland beschäftigt Europa seit Monaten. Trotz jahrelanger Unterstützung durch die Europäische Union hat sich im Land kaum etwas verbessert. Zwar kam mit der Wahl der Links-Partei Syriza und Ministerpräsident Alexis Tsipras neue Hoffnung auf, doch nach vielen Gesprächen mit der EU und den Geldgebern stellte sich die große Ernüchterung ein: es gibt nun doch neue Sparmaßnahmen, obwohl das Land am Abgrund steht. Astrid Kalantzis hat beschlossen, zu helfen. Die Grundschullehrerin aus Wetzlar hat den Verein „Griechenlandhilfe“ gegründet.

ERF Medien: Frau Kalantzis, warum haben Sie den Verein „Griechenlandhilfe“ gegründet?

Astrid Kalantzis: Wir haben uns mit ein paar Leuten zusammen gesetzt, denen Griechenland sehr am Herzen liegt. Mein Mann ist Grieche, demzufolge ist meine Tochter Halbgriechin. Und natürlich lebt ein Teil meiner Familie dort. Denen geht es verhältnismäßig gut, weil sie lange in Deutschland gelebt haben.

Wenn wir in Griechenland Urlaub machen, dann sehen wir, wie schwer es die Leute haben. Wir haben 75-jährige Frauen gesehen, die abends um neun noch Papier gesammelt haben, um sich das bisschen Rente aufzustocken. Wir haben uns dann gesagt: Wir müssen zumindest einen Teil des Leids lindern – mit den Möglichkeiten, die wir haben.

ERF Medien: Wie leiden die Griechen denn insgesamt unter den Sparmaßnahmen?

Astrid Kalantzis: Es geht um die bloße Existenz. Es geht um die Frage: Was gebe ich morgen meinen Kindern zu essen? Wenn ich mir überlege, dass das mitten in Europa passiert, dann ist das unverständlich.

ERF Medien: Wie geht es den Griechen damit?

Astrid Kalantzis: Ich glaube, sie fühlen sich allein gelassen von Europa. Es geht ja nicht nur um diejenigen, die schon immer wenig Rente hatten, sondern auch der normale Mittelstand ist weggebrochen. Leute, die früher eine kleine Firma hatten, haben jetzt keine Krankenversicherung mehr und wissen nicht, wie der nächste Tag aussehen wird.

„Es gibt nichts, was sie nicht brauchen.“

ERF Medien: Das Leid ist in Griechenland groß – wen wollen Sie besonders unterstützen?

Astrid Kalantzis: Wir haben uns bisher drei Projekte vorgenommen. Zuerst haben wir einen Notruf von einem Krankenhaus in Grevena [Stadt in Nordgriechenland, Anm. der Red.] bekommen, das den täglichen Krankenhausbetrieb nicht mehr gewährleisten kann. Menschen, die eine Bauchspiegelung brauchen, werden weggeschickt – weil einfach keine Apparate mehr da sind. Wir haben eine Liste bekommen mit 150 Poste: da geht es um Einwegsrasierer, Papierhandtücher, um Bettlaken. Es gibt nichts, was sie nicht brauchen.

 In Athen gibt es außerdem ein Waisenhaus, das nicht mehr weiß, was es den Kindern zu essen geben soll. Es sind teilweise behinderte Kinder, die von den Eltern abgegeben werden – in der Hoffnung, dass es ihnen dort besser geht als zuhause. Aber das Waisenhaus ist auch am Ende angekommen. Von medizinischer Betreuung ist dort gar nicht mehr die Rede.

Als drittes wollen wir eine Gemeinde unterstützen, die gerade ein Sozialprojekt aufbaut. Sie wollen ein Zentrum aufbauen, wo Menschen in Not hingehen können und nach Wundcreme, Milchpulver, Kleidung fragen können. Sie sorgen schon jetzt dafür, dass Kinder ein Frühstück bekommen und wollen das noch ausweiten. Sie haben über eine Kirchengemeinde hier in Deutschland um Hilfe gebeten.

ERF Medien: Wie soll die Unterstützung durch Ihren Verein aussehen?

Astrid Kalantzis: Wir sammeln vor allem Geld. Unsere Philosophie ist es, dass wir in Griechenland einkaufen wollen. Denn die benötigten Dinge gibt es noch zu kaufen; es ist nur kein Geld da. Wir denken, dass der Apotheker sich freut, wenn wir einen großen Posten kaufen. Zumal uns ein Transport 2000 Euro kosten würde – da kann ich ein Waisenhaus für zwei Monate mit Windeln und Nudeln ausstatten.

ERF Medien: Es gibt Menschen, die lieber kein Geld überweisen wollen – können sie trotzdem helfen?

Astrid Kalantzis: Deswegen sammeln wir auch Sachspenden und versuchen gerade einen Transport zu organisieren, der kostenneutral fährt und die Sachen aus Solidarität mitnimmt – damit das Geld auch wirklich 100%ig in Griechenland ankommt.

„Die Griechen sind ein sehr stolzes Volk“

ERF Medien: Wann fährt der erste Hilfstransport nach Griechenland?

Astrid Kalantzis: Am 1. August fahren wir das erste Mal los. Wir werden dort die Einrichtungen besuchen und konkret fragen, wie wir helfen können. Man muss wissen, dass die Griechen ein sehr stolzes Volk sind und wir müssen ganz feinfühlig sein – gerade auch, weil wir aus Deutschland kommen. Bei einem Telefonat klang es so an, ob sie uns überhaupt trauen könnten? Ob es keine Probleme geben würde? Deswegen wollen wir uns im August persönlich vorstellen. Das geht abends beim netten Gespräch besser, als wenn man übers Telefon spricht. Natürlich nehmen wir auch die erste Lieferung gleich mit.

ERF Medien: Auf Ihrer Facebookseite sieht man, dass der Verein auf große Resonanz stößt und schon sehr viel Hilfe angeboten wurde – können Sie von Beispielen erzählen?

Astrid Kalantzis: Es hat uns in den letzten Tagen sehr überwältigt, wie viel E-Mails und Anrufe wir bekommen. Ärzte wollen für vier Wochen nach Griechenland gehen und kostenlos arbeiten. Eine Psychotherapeutin hat sich angeboten, mit in das Heim zu fahren und die körperlich behinderten Kinder zu behandeln. Eine Rentnerin sagt, sie hat selbst nicht viel Geld, möchte aber helfen. Jetzt läuft sie durch ihre Stadt und sammelt.

Die Hilfsangebote sind ganz unterschiedlich. Es ist wirklich unglaublich, das hätte ich nicht für möglich gehalten. Ich hoffe, dass der Verein so groß wird, dass wir flächendeckend helfen können. Wir haben jetzt drei konkrete Projekte – wir wollen noch sehr viel mehr. 

Das Interview führte Anika Schanz

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