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Dicke Luft

Warum Besserwisserei und Nörgeln in einer Krise nicht weiterhelfen.


Bevor ich nach meinem Studium für zwei Jahre nach Südamerika abreiste, gab mir ein Kenner des Landes einen wertvollen Tipp. Er sagte: „Halte Dich zurück, wenn Dir etwas negativ auffällt und kritisiere nicht sofort alles. Deutsche sind vor Ort leider dafür verschrien, dass sie immer alles bemängeln und besser wissen wollen.“

Mit dieser Mahnung im Hinterkopf betrat ich einige Zeit nach meiner Einreise ein kleines Ein-Mann-Elektro- und Computergeschäft. Während ich mich nach einem Speicherstick erkundigte, betrat ein weiterer Kunde den Laden. Ein Deutscher. Ich weiß nicht, ob seine Litanei losging, als er feststelle, dass ich Landsmännin war oder ob er sich unabhängig davon dazu gedrängt fühlte, alles aufzuzählen, was in unserem Gastland nicht funktionierte. Was ihm dabei entging, war das Gesicht des Verkäufers: Es wurde - im Gegensatz zu seinen Antworten – länger und länger. Einen freundlichen Service bekam dieser Kunde jedenfalls nicht mehr.
 

Vorsicht: Lebensgefahr!

Ich weiß nicht, ob es Kulturen und Völker gibt, denen es grundsätzlich leicht fällt, das Positive im Leben zu sehen, während andere ständig nach dem berühmten Haar in der Suppe suchen müssen. Eine Erscheinung der Neuzeit ist der Typ des Dauernörglers oder Besserwissers jedenfalls nicht. Eines der ältesten Bücher der Menschheitsgeschichte – das Alte Testament – liest sich streckenweise wie eine Chronologie des Murrens.

Hauptakteure sind die Israeliten, die gerade auf spektakuläre Weise von Gott aus der Sklaverei in Ägypten befreit worden waren. Statt aus diesem Ereignis Kraft und Hoffnung für die vor ihnen liegende Wüstenwanderung zu ziehen, verlegten sie sich aufs Beschweren: Mal hatten sie Angst, in Staub und Hitze verhungern zu müssen und wären lieber postwendend in die Sklaverei zurückgekehrt. Ein anderes Mal zettelten einige von ihnen eine Rebellion an, weil ihnen die von Gott vorgegebene Führungsstruktur für das Volk nicht passte. Und schließlich – kurz vor Erreichen des Ziels – bekamen sie kalte Füße und wollten wiederum zurück nach Ägypten.

Mose, der Anführer der Israeliten, hatte in jedem dieser Konflikte alle Hände voll zu tun, um einerseits mit Gottes Hilfe das Volk zu besänftigen und um andererseits bei Gott um Gnade für seine murrenden Volksgenossen zu bitten. Ohne Verluste ging es trotzdem nicht ab. Manchmal strafte Gott das undankbare und rebellische Verhalten derart hart, dass mancher Nörgler und Besserwisser sein Leben im heißen Wüstensand ließ. Das hat die Menschen damals zutiefst erschreckt und hinterlässt auch bei heutigen Lesern einen bitteren Beigeschmack: Ist Gott so kleinlich, dass er dreinschlägt, sobald jemand ein bisschen aufmuckt? 

Ist Gott so kleinlich, dass er dreinschlägt, sobald jemand ein bisschen aufmuckt?

 

Ein explosives Gemisch

Letzteres glaube ich nicht. Und auch den Juden zu Moses‘ Zeit war schon klar, dass Gott sich viel stärker durch Eigenschaften wie Geduld, Barmherzigkeit und Vergebungsbereitschaft auszeichnet als durch flammenden Zorn. David klagt in den Psalmen regelmäßig Gott sein Leid und klagt ihn dabei sogar an. Ähnliches lesen wir von Hiob, und bei keinem von beiden finden wir den Hinweis, dass sie sich damit falsch verhalten hätten. Warum hat Gott dann aber in den oben erwähnten Geschichten trotzdem zum Teil so radikal durchgegriffen und warum finden sich auch im Neuen Testament die Aufforderung „alles ohne Murren“ zu tun (Philipper 2,14)?

Ein Blick in den Duden hilft weiter. Er definiert das kleine Wörtchen „murren“ folgendermaßen: „seine Unzufriedenheit, Auflehnung mit brummender Stimme und unfreundlichen Worten zum Ausdruck bringen“. Des Weiteren verrät uns das Nachschlagewerk, dass „murren“ ein lautmalerisches Wort aus dem Mittelhochdeutschen sei und von der Wortfamilie mit „murmeln“ verwandt ist.

Das Problem beim Murren ist also nicht, dass Kritik vorgetragen wird, sondern wie es geschieht: statt einen Konflikt offen anzusprechen und ehrlich miteinander nach einer Lösung zu suchen, wird schlechte Stimmung verbreitet. Oft genug macht man dabei auch nur hinter vorgehaltener Hand seinem Frust Luft. Das Gemisch, das durch dieses Verhalten entsteht, ist äußerst explosiv und verhilft in den seltensten Fällen zu einer friedlichen Lösung. Stattdessen bricht die Gemeinschaft auseinander in lauter unzufriedene Besserwisser, die es nicht gelernt haben, ihre Ängste, ihre Bedenken oder ihre Wut so zum Ausdruck zu bringen, dass alle davon profitieren. Zurück bleiben verletzte und enttäuschte Menschen, denen wiederum nichts anderes übrigbleibt, als sich mit unfreundlichen Worten ihren Frust von der Seele zu reden. 

Das Problem beim Murren ist also nicht, dass Kritik vorgetragen wird, sondern wie es geschieht: statt einen Konflikt offen anzusprechen und ehrlich miteinander nach einer Lösung zu suchen, wird schlechte Stimmung verbreitet.

 

Offenheit versus Groll und Getuschel

Jesus durchbricht diesen Teufelskreis radikal, wenn er seine Nachfolger stattdessen zu folgendem Verhalten im Konfliktfall auffordert: „Wenn dein Bruder an dir schuldig wird, dann geh und weise ihn unter vier Augen zurecht.“ (Matthäus 18,15). Das ist nicht leicht. Dazu gehört mehr Mut, als hinter vorgehaltener Hand ein paar unfreundliche Worte zu brummen.

Vielleicht bedeutet eine solche ehrliche – und hoffentlich einigermaßen freundliche - Konfrontation auch, dass ich mir die Sichtweise des anderen anhören muss. Vielleicht entdecke ich dabei, dass er ebenfalls gute Gründe für sein Verhalten hat. Im Idealfall können so beide Parteien ihre Gefühle, Sorgen und ihren Frust offen legen und erklären. Wenn es dann trotzdem zu keiner Lösung kommt, besteht immerhin noch die Möglichkeit, sich wenigstens zwischenmenschlich ohne dauerhaften Groll zu begegnen.

Vielleicht entdecke ich dabei, dass er ebenfalls gute Gründe für sein Verhalten hat. Im Idealfall können so beide Parteien ihre Gefühle, Sorgen und ihren Frust offen legen und erklären.

 

Ich weiß – das ist der Idealfall. So ganz werde ich das selbst mit den besten Absichten nicht hinbekommen und – pardon - Sie wahrscheinlich auch nicht. Zu verlockend ist dafür das schnelle Frustabladen oder die spitze, besserwisserische Bemerkung.

Trotzdem wünsche ich mir, dass wir es als Deutsche, und insbesondere auch als Christen in Deutschland, wieder mehr lernen, Konflikte miteinander statt gegeneinander zu lösen. Die Corona-Krise mit all ihren Auswirkungen wird uns in den nächsten Wochen und Monaten wahrscheinlich reichlich Gelegenheit bieten, das einzuüben.

Denn das Letzte, was wir in dieser angespannten Lage brauchen können, ist dicke Luft und eine Gesellschaft, deren brummelnde und nörgelnde Mitglieder sich immer weiter voneinander entfernen.

 

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