25 Jahre Mauerfall

Der jüngste Staatsgefangene der DDR

Mit 15 wird Rainer Wagner bei der Republikflucht erwischt

Eingesperrt ins Gefängnis – mit gerade einmal 15 Jahren. Das Verbrechen, das Rainer Wagner in den Knast bringt: Der Wunsch, seine Heimat zu verlassen. Aus der DDR fliehen will er, weil er die Bevormundung und Gängelung durch den Staat nicht mehr ertragen will.

Aber seine Flucht ist schlecht geplant. Denn Landkarten, auf denen die Grenzposten eingezeichnet waren, waren in der DDR nicht erhältlich. Sie galten als Staatsgeheimnis. Im Rückblick erzählt Wagner: „Die ganze Sache konnte überhaupt nicht klappen. Ich wollte die DDR bei Eisenach verlassen, aber ich hatte keine Ahnung, wo die Grenze verläuft.“ So musste sich Rainer Wagner mit seinem Wissen aus Nachrichtensendungen behelfen. Er hatte mitbekommen, dass der Fluss Werra die Grenze zur Bundesrepublik bildet. Sein Plan war, die DDR schwimmend durch die Werra zu verlassen. „Ich wusste auch, dass fünf Kilometer vor der Grenze das Sperrgebiet begann. Als es dunkel war, habe ich mich am Abend des 2. Januar 1967 zielstrebig auf diesen Fünf-Kilometer-Streifen zubewegt und bin auch reingekommen“, erinnert er sich.

14 Tage Einzelhaft für den Klassenfeind

Stundenlang irrt er durch das Sperrgebiet. Anhaltspunkte zur Orientierung hat er keine. „Irgendwann tauchte vor mir eine Lichterkette auf. Ich vermute, das war die Grenzbeleuchtung. Da ging ich stracks darauf zu, bis ich auf einmal den Lauf einer Maschinenpistole im Rücken spürte. Ich hab wahrscheinlich irgendwelche Stolperdrähte berührt, so dass man schon nach mir suchte. Schnell war ich von allen möglichen Grenzsoldaten und Offizieren umgeben und musste das erste Verhör über mich ergehen lassen“, schildert er seinen Fluchtversuch.

Vor Gericht gibt sich Rainer Wagner betont rebellisch und trotzig. Er provoziert und erinnert sich noch an die Reaktion: „Jetzt hatten die Richter den Eindruck, einen richtigen Klassenfeind vor sich zu haben. Direkt nach meinem ,Auftritt‘ vor Gericht kam ich in Einzelhaft. Da habe ich vierzehn Tage spüren dürfen, wie sie einen auch psychisch fertig machen können.“ Wegen „versuchten gewaltsamen Grenzdurchbruchs“ bekommt er eine Haftstrafe von einem Jahr und zwei Monaten aufgebrummt. Die Begründung: Als Christ wolle er nicht in einem gottlosen Staat leben, sondern nach Westdeutschland gehen, wo eine wahrhaft christliche Partei die Macht innehatte.

Während der Gefangenschaft versucht man, seinen Willen zu brechen

Die erste Nacht im Knast hat sich Rainer Wagner für immer eingeprägt: „Da überkam mich ein Angstzustand, wie ich ihn bisher noch nie erlebt hatte. Ich war einfach nur allein in dieser Zelle, die Klappbetten an der Seite. Das stürzte mit einem Mal gefühlsmäßig auf mich ein. Ich habe einen eisigen Schweißausbruch bekommen. Das war richtig schmerzhaft, wie kleine Nadelstiche. So etwas hatte ich noch nie erlebt. Das war sicher eine der schwersten Erfahrungen, die ich je gemacht habe.“

In der Gefangenschaft wird er gezielt psychisch unter Druck gesetzt. Man will seinen Willen brechen und ihn gefügig machen. Rainer Wagner beschreibt, wie es sich angefühlt hat, in einer Zelle eingesperrt zu sein: „Die Türen von außen sind ja schon recht bombastisch, angefangen mit diesen großen Riegeln und den großen Schlössern. Das Aufschließen dieser Gefängnistüren machte ausgesprochen viel Lärm und das hat irgendwie einen psychologischen Eindruck auf die Gefangenen gemacht und natürlich auch auf mich. Da gab es von innen weder einen Schlüssel noch eine Türklinke, und das bedeutete: Hier kommst du nie raus, wenn nicht von außen jemand aufmacht. Man fühlte sich wirklich in jeder Hinsicht eingesperrt.“

Bei einem Besuch der Gedenkstätte Berlin Hohenschönhausen, in der sich die Untersuchungshaftanstalt des Ministeriums für Staatssicherheit befand, erinnert sich Rainer Wagner. Ein beklemmender Moment:

 

Nach einem Jahr und zwei Monaten Haft kommt Rainer Wagner frei. Doch schon kurze Zeit später unternimmt er den nächsten Fluchtversuch. Erneut erlebt er die ganze Härte des DDR-Strafsystems. „Ich habe öfter Einzelhaft erleben müssen. Das bedeutete, dass die Zelle nur halb so groß war, die Decke etwas niedriger und das Bett an die Wand geklappt. Man musste den ganzen Tag mit dem Blick zur Tür auf einem Hocker sitzen“, erzählt er.

Im Gefängnis an Asthma und Neurodermitis erkrankt

Dieser zweite Aufenthalt im Gefängnis setzt Rainer Wagner enorm zu. „In dieser Zeit ist mir klargeworden: Wenn du hier nicht bald rauskommst, hast du hinterher mit Sicherheit irgendeinen Schaden. Da habe ich dann zum ersten Mal gebetet: ,Gott, wenn es dich gibt, dann schenk, dass sich die Tür öffnet. Mach, dass ich hier rauskomme. Wenn du das machst, werde ich entweder Pfarrer oder katholisch.‘ Und so seltsam das Gebet gewesen ist, Gott hat es erhört. Eine Woche nachdem ich das gebetet habe, wurde ich entlassen. Und ich bin nie dahinter gekommen, was der äußere Anlass war“, berichtet er.

Trotzdem hinterlässt die Haftzeit gesundheitliche Spuren bei Rainer Wagner. Einige Erlebnisse im Gefängnis traumatisieren ihn nachhaltig. Einmal muss er miterleben, wie ein Mithäftling von anderen Gefangenen gefoltert wird. Aus Angst schaut er einfach weg. Das Ereignis und andere Erlebnisse stürzen ihn in Depression und Selbstmordgedanken. Aufgrund der schlechten Haftbedingungen leidet er bis heute unter Asthma und Neurodermitis: „Die Gefängniszeit hat gesundheitliche Folgen mit sich gebracht. Die sind mittlerweile auch anerkannt: Asthma und Neurodermitis aufgrund der Art, wie wir dort arbeiten mussten – bei Kälte und Nässe und allen möglichen Schwierigkeiten. Dazu kommen psychische Belastungen, die gelegentlich auftreten. Zum Beispiel wenn ich irgendwelche Filme oder Berichte über Konzentrationslager mitkriege.“

„Gott gedachte, es gut zu machen“

Trotzdem blickt Rainer Wagner ohne Verbitterung zurück auf seine Zeit im Gefängnis. „Die Bibel sagt mal, dass ,denen, die Gott dienen, alle Dinge zum Besten dienen'. Das ist auch dort geschehen. Im Alten Testament sagt Josef: Menschen gedachten es böse, Gott aber gedachte es gut zu machen. Letztlich war es eine Hilfe auf dem Weg zu Jesus. Was es allerdings nicht kleiner macht, dass ich es für ein Verbrechen halte, dass die Kommunisten 15- und 16-Jährige als politische Häftlinge eingesperrt haben.“

Aus diesem Grund engagiert Rainer Wagner sich heute aktiv in DDR-Opferverbänden. Denn das Unrecht zu vergeben heißt für ihn nicht, es zu vergessen. Für sein Engagement hat er 2004 das Bundesverdienstkreuz am Bande erhalten.

Mehr Erfahrungen von Christen in der DDR auf unserer Projektseite "25 Jahre Mauerfall - Glaube, der frei macht".


Kommentare

Von Hans E. am .

Ich habe mir das Video und die Niederschrift des Rainer Wagner angesehen. Besonders beindruckt bin ich von dem Video wo er an der Tür der Zelle steht und seine Gefühle und Emotionen zeigt. Ich kenne den Rainer aus meiner Kinder oder Jugendzeit. Ich selbst bin über lange Jahre Polizist und Kriminalist gewesen. Ich weiß also um was für Einrichtungen es sich hier handelt. Heute nach dem ich mich selbst wieder mit der Geschichte
und dem Schicksal solcher Menschen beschäftige wird deutlich das es mehr

Von Matthias W. am .

Guten Abend, ich habe diesen Artikel aufmerksam gelesen und fühle ganz bestimmte Erlebnisse selber nach , und das bestärkt nur meinen Glauben an der guten Sache uns gegen jede Art von Unterdrückung zu wehren, ich übersetze gerade ein altes Tagebuch von 1813,geschrieben von einer jungen Frau die sehr gläubig ist aber trotzdem ihre Zeit realistisch reflektiert, und sie beginnt ihr Tagebuch mit folgenden Sätzen,
"Das Gute Wirke, Wachse, Fromme, damit der Tag des Edlen endlich komme"
Mit freundlichem Gruß Matthias W.
Berlin den 29.12.2014

Von Die Redaktion am .

Grundsätzlich haben wir nichts gegen einen inhaltlichen Austausch in unseren Kommentaren. Im Gegenteil - darüber freuen wir uns. Die letzte Debatte um diverse Koalitionen und Pläne hinsichtlich staatlichen Willkür haben aber mit dem Beitrag als solchem nichts zu tun. Wir werden weitere Leserbriefe in dieser Richtung nicht veröffentlichen. Bei Interesse stellen wir aber gerne einen Kontakt zwischen den DIskutanten her.

Von Jaques LeM. am .

Hallo Frank,
ich fürchte, Deine Hoffnung kann sich nur auf ein schnelles Scheitern des Thüringer Pilotprojets begründen. In Wahrheit bereitet der Erzminister Grabriel seine Lieblingskonstellation (Rot-rot-grün) längst vor. Hinter den Kulissen versucht er, den Absprung aus der GroKo zu schaffen. Die staatliche Willkür ist bereits in vollem Gange. Wie Du bereits erwähnt hast, kann sie sich drastisch verschärfen durch sogenannte "unvorhergesehenen Ereignisse". Die Politik bietet als Lösung für mehr

Von Frank am .

@Jaques L.
Wollen wir hoffen, das daß was in Thüringen gerade abläuft, nicht auf Bundesebene Schule macht. Was muß passieren, das der deutsche Michel wieder nach staatlicher Willkür schreit? Ein Finanzkollaps, eine grassierende Massenarbeitslosigkeit, Terror auf den Straßen? Ich habe selbst erlebt, wie rotberockte Günstlinge des Systems, sich binnen Tagen ein schwarzes Mäntelchen überwarfen, eine Firma gründeten und einen Manchester-kapitalismus an den Tag legten, in einer Form, als gäbe es mehr

Von Jaques L. am .

Lieber Frank,
Dein Schicksal ist in der Tat erschütternd. Wie musst Du Dich erst fühlen, wenn Du siehst, wie dieses System verharmlost wird - und noch schlimmer: Unter fast dem gleichen Label wieder versucht wird zu installieren. Die Täter und deren Schüler sind wieder am Ruder. In Deutschland herrscht schon seit vielen Jahre ein Blockparteiensystem, das die Freiheit immer weiter einschränkt. Dies, ebenso wie zu DDR-Zeiten, unter gutgemeinten Ideen, die in Wahrheit nicht funktionieren können. mehr

Von Frank am .

Ich "feierte" meinen 16 Geburtstag in der Untersuchungshaft der Stasi in Potsdam, Lindenstraße. Später wurde ich wegen Republikflucht §213 zu zwei Jahren und sechs Monaten im Namen des Volkes verurteilt. Ich wolte das Land verlassen um nicht für die Stasi spitzeln zu müssen, und das hohe Strafmaaß entsprang der Wut der Stasi weil ich die Bespitzelten warnte.Mein damaliger Richter praktiziert heute als Rechsanwalt, Ich selber bin heute durch die Quälereien die ich in der Haft erdulden mußte mehr

Von Horst K. am .

Dass bei diesen Bericht Landkarten eine so große Rolle spielen, ist mir unbegreiflich. Das finde ich lächerlich. Wahrscheinlich weil ich 4 Monate in einer fensterlosen Kellerzelle saß und anschließend fast 9 Jahre, bis zu Freikauf inhaftiert war.

Von Die Redaktion am .

Rainer Wagner ist tatsächlich Pfarrer geworden. Aber - wie er uns erzählt hat - nicht aufgrund des Versprechens, sondern aus Überzeugung.

Von Birgit W. am .

Das ist wieder typisch. Anstatt die Bereitschaft zu würdigen, offen über diese sehr emotionalen Erlebnisse zu berichten, wird wieder das Haar in der Suppe gesucht. Ich meine, wer solch einer kleinen Ungenauigkeit in einem christlichen, kostenlosen Newsletter das Potenzial eines Grabenziehers zuspricht, sollte mal prüfen, ob er nicht noch selbst einen Graben im Kopf hat.

Von Marion am .

Zuerst möchte Ihnen Danken Herr Wagner für Ihren Bericht.
Was in der DDR passiert ist, wenn man all`die Berichte hört und oder sieht. Einfach nur furchtbar. Und dann auch noch mit 15 Jahren. Wieviel Leid!!! Wie tröstlich ist es doch zu wissen, das es Gerechtigkeit gibt. Hier auf der Erde nicht, aber bei Gott bei Jesus schon.

Leider an dieser Stelle vielleicht unpassend, aber doch notwendig, weil dieses Wort von grosser Tragweite ist :) - der genannte Bibelvers ist so nicht richtig. Richtig mehr

Von Uta W. am .

Und ist er dann Pfarrer oder katholisch geworden? Wie weiter?

Von Die Redaktion am .

Vielen Dank für Ihre Rückmeldung. Die Aussage haben wir so von der entsprechenden Person gehört. Es ist gut möglich , dass er mit seiner Aussage tatsächlich die Lage und den Standort der Grenze, Grenzposten und Sperrzone gemeint hat und nicht eine Landkarte der DDR selbst. Da hätten wir nachhaken sollen. Wir bedauern die Ungenauigkeit. Wir haben den Text entsprechend korrigiert.
Unser Ziel war, Geschichten von Christen in der DDR zu erzählen. Dass dadurch auch sensible Themen und Bereiche mehr

Von Werner K. am .

Herrn Wagner ein herzliches Dankeschön für seinen Bericht. Ich finde es schrecklich, dass in diesem Staat schon 15Jährige als Staatsfeinde angesehen und inhaftiert wurden. Und das auch noch unter solchen Bedingungen!
Herr Bernd S. hat es übrigens klar erläutert, was Herr Wagner mit den den den fehlenden Karten gemeint hat.

Von Bernd S. am .

Zuerst einmal vielen Dank an Herrn Wagner, dass er so offen über seine schwere Zeit berichtet hat. Auch ich bin ein Betroffener.
Natürlich gab es Landkarten - allerdings war das Gebiet außerhalb der DDR in der Farbe "weiß" . Ich weiß allerdings nicht, ob es auch "normale" Karten gab. Im Übrigen sprach Herr Wagner von Karten, auf denen die Grenzposten eingezeichnet waren.

Von Angelika D. am .

Was ist denn das für ein Unsinn: "Landkarten waren in der DDR nicht erhältlich, denn sie galten als Staatsgeheimnis." WEr hat Ihnen so etwas erzählt? Sicherlich gab es keine Karten, auf denen der direkte Verlauf der Grenze einschließlich der Standorte der Grenzposten. Schade, dass Sie mit dieser Bemerkung wieder Gräben ziehen, die ich schon für überwunden hielt. Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie mir auf diesen Kommentar antworten.


Ihr Kommentar