Andacht Lesezeit: ~ 3 min

Das kann ich keinem sagen

Gott ist größer als unser Herz und weiß alle Dinge.


„Wir haben keine Geheimnisse voreinander.“ Gut, wenn ich das sagen kann von dem Menschen, der mir am nächsten und am liebsten ist, von meiner Frau – und wenn sie das auch umgekehrt von mir sagen kann. Offenheit und Ehrlichkeit stehen im Zusammenleben mit anderen Menschen hoch im Kurs, aus gutem Grund. Aber Offenheit hat auch ihre Grenzen. Selbst in den engsten Beziehungen muss es Schutzräume geben. Auch in mir selbst gibt es Winkel, da will ich ganz für mich sein. Da lasse ich noch nicht einmal den liebsten Menschen hineinblicken.

Jeder Mensch hat und hütet kleine oder größere Geheimnisse. In den meisten Fällen sind diese Geheimnisse harmloser Natur, schaden niemandem. Aber es gibt auch das Gegenteil: Finstere Geheimnisse, niederschmetternde Erfahrungen, Erinnerungen an peinliche oder beschämende Momente oder unerklärliche Fälle von Spontanversagen. Szenen zum Vergessen. Ach wie gut, dass niemand weiß…

Große Literatur ist geschrieben, große Filme sind gedreht worden über das, was eigentlich niemanden angeht. Über das, was Menschen beflügelt – oder auch bremst. Denn es kostet enorm viel Energie, ein Geheimnis der peinlichen Sorte auf Dauer unter der Decke zu halten. Und da ist es für manche zunächst auch kein Trost sich vorzustellen, dass es jemanden gibt, der alles weiß. Eine höhere Instanz. Gott.

Von dem ist schon seit mindestens 3.000 Jahren bekannt: Gott kennt uns, seine Geschöpfe, durch und durch. Das steht so schon im Liederbuch Israels, in den Psalmen:

Herr, du erforschst mich und kennst mich. Ich sitze oder stehe auf, du weißt es. Du verstehst meine Gedanken von ferne. (Psalm 139)

 

Bedrohlich oder befreiend?

Für manche Menschen mag das bedrohlich klingen, ist womöglich sogar mit einem Orwellschen Grusel verknüpft – von wegen: „Der große Bruder sieht alles, weiß alles.“ Big Brother is watching you. Viele andere dagegen empfinden das als große Erleichterung: Da ist jemand, dem kann ich nichts vormachen – dem muss ich aber auch nichts vormachen. Dem muss ich auch gar nicht viel erklären. Das ist ja oft das Problem: Vieles ist tatsächlich unaussprechlich. Für vieles muss ich ja auch alleine gerade stehen. Da kann ich mich bei niemandem beschweren und darf nicht mit Fingern auf andere zeigen.

Vieles ist tatsächlich nur mein Problem. Aber mit Gott ist das etwas anderes. Als Schöpfer ist er ja so etwas wie mein Systemadministrator. Er hat alle Möglichkeiten, auch wenn er diese Möglichkeiten zu meinem Glück in den allermeisten Fällen nicht nutzt. Gott funkt normalerweise nicht ständig dazwischen, rührt nicht in meiner Seele herum, polt mich schon gar nicht ungefragt um. Ist aber bereit, sich zu kümmern, wenn ich ihn darum bitte.

Jesus hat uns Gott vorgestellt als den „Vater, der auch das Verborgene sieht“ (Matthäus 6,6; 6,18). Und so, als liebevoller Vater, ist er auch der richtige Adressat für das, was ich keinem sonst sagen kann und mag. Das muss noch nicht einmal ausgesprochen werden. Da reicht schon der geseufzte Gedanke: „Herr, du weißt schon…“
 

Wem ich mehr trauen kann als mir selbst

Was ich keinem sagen kann und mag, keinem Menschen jedenfalls – bei Gott ist es gut aufgehoben. Besser als bei mir selbst. Was ich in mir selbst vergrabe, das kann irgendwann wieder an die Oberfläche kommen. Was ich längst verdrängt habe, meldet sich oft zum am wenigsten passenden Zeitpunkt wieder. Und manchmal mache ich mir Vorwürfe wegen Sachen, die ich gar nicht zu verantworten habe.

Von Missbrauchsopfern ist bekannt: Sie verachten sich oft selbst am meisten für das, was ihnen angetan wurde – dabei tragen sie nicht den Hauch einer Schuld daran. Ein Satz aus dem Neuen Testament  (1. Johannesbrief Kapitel 3, Vers 20) kann hier zum Schlüssel werden:

Wenn unser Herz uns verdammt, ist Gott größer als unser Herz und weiß alle Dinge. (1. Johannes 3,20)

 

Gott geht barmherzig mit uns um, also müssen wir nicht unbarmherzig zu uns selbst sein. Aber wer macht mich auf so etwas aufmerksam? Wer spricht mir so etwas zu, wenn ich es nicht zufällig in der Bibel entdeckt habe?

Da kommen nun doch wieder Menschen ins Spiel. Vertrauenswürdige Menschen. Seelsorgerinnen und Seelsorger, Beichtväter und -Mütter sind zur Vertraulichkeit verpflichtet. Auch ihnen muss man nicht alles verraten. Es gibt keinen Bekenntniszwang, manches kann ganz diskret zwischen mir und Gott bleiben. Geschulte Seelsorgerinnen und Seelsorger wissen das und können dabei helfen, auch mit dem Unsagbaren umzugehen. Mit dem Ziel, dass Menschen wieder aufrecht durchs Leben gehen und anderen Menschen ohne Scheu in die Augen schauen können.



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