25 Jahre Mauerfall – Glaube, der frei macht

Bespitzelt

Horst Weniger verlässt die DDR. Im Westen wird er weiterhin von der Stasi beschattet

Die Bibel fordert dazu auf, Feinden zu vergeben. Der frühere DDR-Bürger Horst Weniger hat erlebt, wie schwer das ist. Weniger wurde 1944 in Sprottau in Schlesien geboren. Nach dem Zweiten Weltkrieg lebte er als Heimatvertriebener in Leipzig. 1962 kommt er bei einer Evangelisation zum Glauben und wird Mitglied in einer Baptistengemeinde. Auf einer christlichen Jugendfreizeit lernt er seine Frau Gisela kennen. Weniger bemerkt früh, dass die DDR-Ideologie und sein überzeugter Glaube sich in vielen Dingen widersprechen. Deswegen verweigert er in den Jahren 1969/1970 als Bausoldat bewusst den Dienst an der Waffe.

In den darauffolgenden Jahren erkennt Horst Weniger, dass es für ihn immer mehr zu einer Spannung wird, in der DDR zu leben. Die Lügen der DDR-Ideologie machen ihm zu schaffen. Er fragt sich: Wie kann ich als Christ in einem Staat leben, der meinen Glauben ablehnt und sich nicht an das hält, was er seinen Bürgern zusagt? Immer wenn Weniger die Zeitung aufschlägt, sieht er sich mit den Lügen der SED-Diktatur konfrontiert. Außerdem stört es ihn, wie seine drei Töchter in der Schule zum militärischen Denken erzogen werden. Dass eine seiner Töchter im Werkkundeunterricht, eine Kanone aus Holz baut, macht ihn wütend.

Ausreiseantrag führt zu Beschattung und Ausgrenzung

1975 unterschreibt die DDR die Schlussakte von Helsinki, hält sich aber nicht daran. Denn obwohl sich die DDR dazu verpflichtet, die Menschenrechte ‒ einschließlich Reise-, Meinungs- und Berufsfreiheit – anzuerkennen, ändert sich faktisch nichts. Der gläubige Christ Horst Weniger bittet Gott in der Folge um ein Zeichen, ob er es wagen soll, die Ausreise zu beantragen. Er weiß, dass er und seine Frau dadurch ihren Beruf verlieren oder ins Gefängnis gesperrt werden können. Dennoch geht Horst Weniger mutig diesen Schritt. Er ist sicher: Dies ist Gottes Weg mit ihnen als Familie. Über 100 Ausreiseanträge schreibt er.

Die Befürchtung tritt ein: Seine Frau verliert ihre Arbeitsstelle. Die Kinder der Wenigers werden ausgefragt. Immer wieder erhalten Horst Weniger und seine Frau Drohungen, dass man ihnen die Kinder wegnehmen wird, wenn sie diese nicht sozialistisch erziehen. Schließlich wird Horst Weniger sogar gezwungen, alle ehrenamtlichen Ämter niederzulegen, die er in seiner Baptistengemeinde ausgeübt hat. Von allen Seiten erfahren sie Gegenwind.

Dass sie beschattet werden, vermuten die Wenigers zu diesem Zeitpunkt schon längst. Briefe kommen nicht mehr an, unbekannte Personen verfolgen sie. Dennoch ist es für Horst Weniger ein Schock, als er eine Wanze in seiner Wohnung entdeckt:

 

Im Westen nichts Neues

Am 31.März 1981 wird die Familie Weniger zum Verhör geladen und den Eltern wird die Ausreise gewährt. Doch auch hier erfahren Wenigers noch mal die Schikane des SED-Staates. Denn nachdem Horst und Gisela Weniger ihre Ausreiseunterlagen unterschrieben haben, wird ihnen eröffnet, dass ihre Töchter nur mitkommen werden, wenn sie sich auch für eine Ausreise aussprechen. Ansonsten bleiben sie allein zurück. Tipps geben dürfen die Eltern den Kindern bei dieser Befragung nicht. Aber nach langen Befragungen kann die Familie Weniger endlich gemeinsam in den Westen ausreisen. Endlich scheint ein Leben in Freiheit und ohne ständige Beschattung möglich.

Doch die Freude über die Ausreise hält nicht lange an, denn schon bald merken die Wenigers, dass sie immer noch beschattet werden. Regelmäßig steht ein Mann vor ihrem Haus und langsam kommt die Erkenntnis, die Stasi ist immer noch da. Horst Weniger beschreibt die Situation aus seiner Sicht so: „Ich merkte, hier stimmt irgendwas nicht und dann haben wir das beobachtet. Fast ein Vierteljahr standen fast jeden Tag Personen da und haben uns beobachtet, wie wir das Haus verlassen haben. Da merkten wir, der Arm der DDR-Stasi reicht bis hierher in die Bundesrepublik. Das hat uns sehr erschrocken.“

Der Schreck darüber und der Stress des jahrelangen Wartens auf die Ausreise führen bei Wenigers Frau zu einem Herzinfarkt, ihn selbst plagen Depressionen und Selbstmordgedanken. Durch das Gebet anderer Christen weichen Horst Wenigers Depressionen. Ihm und seiner Frau gelingt ein Neustart in der Bundesrepublik.

Vergebung trotz Verrat

Jahre vergehen. 1989 fällt die Mauer. Nach der Wende beschließen die Wenigers, ihre Akten einzusehen. Sie sind schockiert, als sie feststellen, dass sie bis 1989 beschattet wurden und teils sogar von Gemeindeleuten: „Wir wussten, dass wir ausspioniert worden sind, wir kannten auch einige Leute aus dem Arbeitsumfeld, aber die Überraschung war für mich persönlich, dass wir feststellten, dass sie (Anmerkung der Redaktion: gemeint ist die Stasi) uns nicht nur drei Monate in Lehrte beschattet haben, sondern dass die Beschattung bis 1989 gegangen ist und dass sie über mein gesamtes Leben, das ich in der Bundesrepublik geführt habe, Bescheid wussten. Es hat mich vom Sockel gehauen, dass sie teilweise die intimsten Dinge kannten.“

Schwerer aber noch als der Schock, bis 1989 beschattet worden zu sein, ist für die Wenigers das Wissen, dass engste Freunde und Bekannte sie verraten haben. Horst Weniger erzählt: „Als wir in unsere Akten einsehen konnten, hat uns in den Beweisen schockiert, dass Leute, die unser Vertrauen hatten, die wir aus dem gläubigen Umfeld kannten, mit der Staatsicherheit zusammengearbeitet haben und uns immer wieder beschattet haben. Das hat mich schockiert, dass Leute unser Vertrauen dermaßen missbraucht haben.“

Dennoch entschließen sich Horst Weniger und seine Frau dazu, diesen Menschen bewusst zu vergeben. Jesus war für Horst Weniger ein Vorbild: „Für mich war das eine Wort ganz wichtig, wo Jesus am Kreuz hing und sagte: ‚Vater ich vergebe ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.‘ Da war bei mir erst der logische Gedanke: ‚Moment mal, die wussten genau, was sie taten‘, aber da sprach Gott zu mir: ‚Letztendlich wussten sie es nicht, sie haben nicht durchblickt, was sie letztendlich getan haben.‘“ Für Horst Weniger ist damit dieses schmerzhafte Kapitel abgeschlossen. Zwar schmerzt ihn auch heute noch der Verrat, den er durch enge Freunde erlebte. Doch Groll oder Hass auf diese Menschen verspürt er keinen mehr.


Mehr Erfahrungen von Christen in der DDR auf unserer Projektseite "25 Jahre Mauerfall - Glaube, der frei macht".


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