Was ist echte Liebe?

Bibelstelle: 1.Johannes 4, 7
Autor: Wehrheim, Gerson

Einleitung: (Anknüpfen an das Theaterstück: „Ich möchte wissen, was Liebe wirklich ist“ von Donna Lagerquist)
„Was ist Liebe?“ Stellen Sie sich vor, der unsichtbare Reporter käme zu Ihnen und würde sie fragen. Antworten auf diese Frage gab es ja viele. Georgette, die zugibt, gar nicht zu wissen, was Liebe ist? Oder Trina, die meint, dass Liebe dazu dient, glücklich zu sein? Der Mann schien ja mehr in seinen Beruf verliebt zu sein, während seine Frau romantische Liebesromane liest. Oder ist für Sie Liebe Selbstaufopferung, wie die Frau sie beschreibt, die ihr Haus verkauft hat. Bei ihr klang aber auch eine Portion Bitterkeit mit.
Was ist echte Liebe? Wie sähe ihre Antwort aus? Kann man das überhaupt sagen?
„Ich möchte gerne wissen, was Liebe ist.“ – So hieß es in dem Lied, das zwischen den Antworten der Personen in dem Theaterstück gespielt wurde.
Auf der Suche nach echter Liebe. Ich möchte sie einladen, mit mir heute Abend auf die Suche nach einer Antwort, auf die Suche nach echter Liebe zu gehen.

1. Menschen leben von der Liebe
“All you need is love.” – so singen es die Beatles. “Alles, was du brauchst ist Liebe.” Ist das die Schwärmerei eines frisch verliebten, oder liegt in diesen Sätzen tiefe Wahrheit?
Wenn wir das Radio anstellen und auf die Texte der Lieder hören, ob deutsch, ob englisch, ob Popmusik oder Schlager, ob modern oder alt – die meisten handeln von der Liebe. „All you need is love?“ Liebe und Liebeskummer sind die meistbesungenen Themen.
Was sagen die Theologen dazu?
Der englische Theologe John Stott kommt zum gleichen Ergebnis. Er schreibt: „Wenn der Fisch für das Wasser gemacht wurde, wofür ist dann der Mensch gemacht? Ich denke, wir müssen darauf so antworten: Wenn Wasser das Element ist, in dem der Fisch sein „Fischsein“ findet, dann findet der Mensch seine Menschlichkeit in der Liebe ... Wir brauchen Liebe wie der Fisch das Wasser.“
Das ist ein hilfreicher Vergleich. Wir brauchen Liebe wie der Fisch das Wasser.
Vor langer Zeit gab es grausame Versuche. Sie haben sicher davon gehört. Man zog Babys, die keine Eltern hatten, groß und vermied dabei den Kontakt zu Erwachsenen. Nur das allernötigster wurde gemacht. Man wollte dabei herausfinden, welche Sprache dieses Babys sprechen, wenn sie älter sind. Es gab Leute, die glaubten, die Babys würden hebräisch, als Ursprache sprechen. Diese Versuche sind alle grausam gescheitert, weil die Babys starben. Sie hatten genug zu Essen, sie hatten zu trinken und wurden auch sauber gemacht. Aber sie hatten keine Liebe. Sie wurden nicht in den Arm genommen und niemand redete mit ihnen. Deshalb starben sie. Der Satz der Beatles scheint zu stimmen: „All you need is love.“ Menschen leben von der Liebe.
Wenn das stimmt, dass wir Liebe zum Leben brauchen, dann sollten wir wissen, was Liebe ist.
Der Begriff „Liebe“ ist in unserer Sprache geradezu inflationär. Dieses Wort deckt eine unglaubliche Bandbreite ab. So vieles kann damit gemeint sein, was sich gegenseitig ausschließt. Deshalb kann man leicht aneinander vorbeireden. Das Spektrum reicht von der Mutterliebe bis zur „käuflichen Liebe“. Immer gebrauchen wir das Wort Liebe, dabei geht es dabei um ganz unterschiedliche Dinge.
Andere Sprachen haben mehr Worte für unser Wort Liebe zur Verfügung. Da kann man genauer unterscheiden und weiß besser, was gemeint ist.
Im Griechischen, der Sprache des Neuen Testaments, differenziert man. Die alten Griechen kannten 4 Worte für Liebe. Alle beschrieben einen ganz anderen Bereich. Im Neuen Testament tauchen zwei dieser griechischen Worte für Liebe auf. Wir wollen nun diese Begriffe anschauen. Da gibt es die:
1. Philia: Wir übersetzen - Freundschaft
Für mich gibt es ein Paradebeispiel für Philia. Es ist die Freundschaft der beiden Romanhelden Winnetou und Old Shatterhand. Ein Grieche würde ihre Freundschaft als Philia bezeichnen. Beide gehen gemeinsam durch dick und dünn. In vielen Situationen reicht ein Blick und Entscheidungen werden gefällt. Sie brauchen dafür keine Worte. Winnetou und Old Shatterhand sind unzertrennlich und stehen füreinander ein. Ist der eine in Gefahr geraten, setzt der andere alles in Bewegung, um ihn daraus zu befreien. Als Teenager las ich fasziniert diese Romane und wünschte mir auch so einen Freund. Philia ist eine rein seelische Verbindung. Körperlichkeit spielt dabei keine Rolle.
Das nächste Wort für Liebe, das die Griechen kennen ist die
2. Agape: die Gottesliebe.
Mit diesem Wort wird die Liebe Gottes zum Menschen bezeichnet. Agape ist eine Liebe, die nicht nach Vorbedingungen fragt. Eine Liebe, die sich selbst verschenkt - ohne jegliche Bedingung. Sie ist die reinste und vollkommenste Form der Liebe. Auch menschliche Liebe kann mit diesem Wort Agape bezeichnet werden. Ein Beispiel ist die Mutterliebe.
Die Mutter wacht die ganze Nacht am Bett ihres kranken Kindes. Möge es doch gesund werden. Es ist für sie selbstverständlich, sie erwartet keinen Lohn dafür. Sie ist nur um ihr geliebtes Kind besorgt. Das ist Agape.
Die dritte Liebe, die die Griechen kennen ist der
3. Eros:
Eros ist eine sinnliche, geistig, seelische Liebe. Man könnte den Unterschied zwischen Eros und Agape so definieren. Eros spricht: „Ich liebe dich, weil du schön bist.“ Agape spricht: „Ich liebe dich, weil du da bist.“ Eros braucht Sympathie. Eros braucht etwas, das er schön findet. Ein schönes Bild, ein schöner Mensch, ein Kunstwerk oder auch ein schönes Gedicht kann Gegenstand des Eros sein. Wo Eros nichts schönes erkennen kann, gibt es für ihn keine Liebe.
Als letztes kennen die Griechen:
4. Sexus:
Im Unterschied zum Eros meint Sexus die rein körperliche Seite der Liebe, die Sexualität.
Menschen leben von der Liebe. Aber es gibt eine riesige Konfusion über die Liebe. Schon rein sprachlich fällt es uns schwer, das auseinander zu halten. Wer kann sagen, was Liebe wirklich ist?
Wir wollen dazu in die Bibel schauen.
Johannes ist der Philosoph unter den Jüngern Jesu gewesen. Er schafft es in einer ganz einfachen und klaren Sprache tiefe Geheimnisse auszudrücken, wie man es besser nicht tun kann. Von ihm haben wir, neben anderen Schriften, einen Brief, den 1. Johannesbrief. Er schrieb ihn als alter Mann in großer Sorge um die Christen. Ein Problem, mit dem er sich auseinander setzt ist Feindschaft. Dagegen wendet sich Johannes. Er ermahnt die Christen zu Liebe untereinander und lässt uns dabei einen tiefen Blick in das Wesen der Liebe tun. Wenn Johannes in diesen Versen das Wort „Liebe“ gebraucht, egal wie, dann redet er immer von der Agape, der göttlichen Liebe.
Wir hören auf 1. Johannes 4,7-12:
7 Ihr Lieben, lasst uns einander lieb haben; denn die Liebe ist von Gott, und wer liebt, der ist von Gott geboren und kennt Gott.
8 Wer nicht liebt, der kennt Gott nicht; denn Gott ist die Liebe.
9 Darin ist erschienen die Liebe Gottes unter uns, dass Gott seinen eingebornen Sohn gesandt hat in die Welt, damit wir durch ihn leben sollen.
10 Darin besteht die Liebe: nicht dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt hat und gesandt seinen Sohn zur Versöhnung für unsre Sünden.
11 Ihr Lieben, hat uns Gott so geliebt, so sollen wir uns auch untereinander lieben.
12 Niemand hat Gott jemals gesehen. Wenn wir uns untereinander lieben, so bleibt Gott in uns, und seine Liebe ist in uns vollkommen.

Jetzt sind wir beim zweiten Gedanken:
2. Liebe kommt von Gott
Sind ihnen die Worte des Johannes noch in den Ohren?
„Die Liebe ist von Gott“ - „Gott ist die Liebe“
Johannes sagt: Den tiefsten Grund für Liebe werdet ihr nicht in dieser Welt finden. Liebe kommt von Gott und Gott ist Liebe.
Es gibt so viel Verwirrung und Enttäuschung um die Liebe, weil viele Menschen das gar nicht mehr wissen: Liebe kommt von Gott. Menschen glauben, der Ursprung der Liebe sei nur ein Gefühl, das man manchmal hat und manchmal nicht. Ein Gefühl, das man nicht machen kann und das in keiner Weise kontrollierbar ist. Deshalb wundern sie sich, wenn Beziehungen plötzlich auseinanderbrechen, weil keine Liebe da ist. Menschen suchen dieses Gefühl Liebe und werden dabei so oft enttäuscht. Sie suchen Liebe nur bei andern Menschen und Menschen enttäuschen.
Tragisch sind diese enttäuschten Sätze: „Ich bin nicht geliebt.“ – „Ich habe keine Mutter gehabt, die mich in den Arm genommen hat.“ – „Meine Eltern hatten mich eigentlich gar nicht gewollt.“ Ein Klassenkamerad von mir sagte einmal in der 9.Klasse: „Ich bin nur ein Unfall.“ Wie weh mag es ihm getan haben, als seine Eltern das sagten. Nicht geliebt werden kann sich wie ein Schatten über das ganze Leben eines Menschen legen. Es kann Menschen hart und traurig machen.
Johannes weiß, dass Menschen enttäuschen können. Deshalb lenkt er unseren Blick auch gar nicht auf Menschen, wenn er uns etwas über die Liebe sagt. Er lenkt den Blick auf Gott. Wer etwas über Liebe begreifen will, der muss Gott anschauen. Gott ist der Ursprung der Liebe. Vollkommene Liebe gibt es nur bei Gott. Doch wo können wir die Liebe Gottes sehen? Wie sehen wir die Liebe Gottes in dieser Welt am deutlichsten? Gottes Liebe wird sichtbar in der Person Jesu. Jesus die Verkörperung der Liebe Gottes. Das weiß Johannes. Deshalb redet er auch sofort von Jesus, wenn er von der Liebe Gottes spricht. „Die Liebe Gottes erschien unter uns in Jesus.“
Im Evangelium des Johannes steht folgender Satz: „So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzigen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“ Dass der Sohn Gottes in diese Welt kam ist die Tat der großen Liebe Gottes. Was ist das für eine Liebe, die Jesus in diese Welt gesandt hat? „Gesandt zur Versöhnung für unsere Sünden!“ – „Gesandt in die Welt, damit wir durch ihn leben sollen.“ In diesen Worten liegt tödlicher Ernst. Die Liebe des Vaters bedeutete für den geliebten Sohn den Tod am Kreuz. Wie kann das Kreuz, dieses grausame Folterinstrument der Antike, das stärkste Zeichen der Liebe Gottes sein?
Es gibt eine Geschichte, die diese Liebe Gottes verdeutlicht:
Zwei Jungen waren enge Freunde. Sie gingen gemeinsam in dieselbe Schulklasse. Jeden Tag nach der Schule verbrachten sie gemeinsam ihre freie Zeit. Sport, Jugendgruppe, Tanzen und Moped fahren. Man kannte sie eigentlich nur im Doppelpack. Es war für sie unvorstellbar, den anderen nicht mehr zu haben. So wuchsen sie auf. Doch nachdem das Abitur geschafft war, trennten sich ihre Wege. Der eine studierte Jura, der andere machte eine Ausbildung. Sie wohnten sie an unterschiedlichen Orten. Sicher – sie hatten immer noch viel Kontakt miteinander, fuhren gemeinsam in die Ferien, aber jeder baute einen anderen Freundeskreis auf. Nachdem das einige Jahre so ging, jeder in einer ganz anderen Welt lebte, riss der Kontakt ganz ab. Der eine beendete sein Studium und bekam nur in einer entfernten Stadt einen Arbeitsplatz, der andere wechselte auch mehrfach den Arbeitgeber. Schließlich hatten sie sich völlig aus den Augen verloren.
Eines Tages begegneten sie sich unverhofft in einer Situation, die ihnen beiden sehr unangenehm war.
Der Jurist war mittlerweile Richter geworden. Jeden Tag Gerichtsverhandlungen, die er zu führen hatte, Berge von Akten ließen ihn gar nicht mehr an seinen alten Freund denken, bis er in einer der Akten plötzlich dessen Namen las. Angeklagter – dahinter stand der Name seines Freundes. Er schaute sich die Daten hinter diesem Namen näher an. Kein Zweifel, es war sein Freund. Freude über ein Wiedersehen mochte bei ihm nicht aufkommen. Wie konnte er reagieren? Es ging um Betrug und als Urteil musste es eine empfindliche Geldstrafe geben.
Dann saßen sie voreinander. Dem Angeklagten gefror auch das Blut in den Adern, als er den Namen seines Richters las. Das war ihm fürchterlich unangenehm. Gerade sein alter Freund sollte über ihn zu Gericht sitzen. Schließlich kam die Gerichtsverhandlung. Beide schauten sich tief in die Augen und erkannten sich. Kein anderer Mensch in dem Gerichtssaal bekam etwas mit von ihrer Jugendfreundschaft. Sie gingen sehr sachlich, eben wie Richter und Angeklagter miteinander um. Scharfsinnig wurde der Fall aufgerollt, der Schaden sachlich festgestellt. Nichts blieb verborgen. Die Vermögensverhältnisse des Angeklagten wurden schonungslos offengelegt. Alles war klar. Der Richter musste sein Urteil fällen. Keiner war so gespannt wie der Angeklagte. Wie würde sein alter Freund entscheiden? Würde er ein mildes Urteil sprechen? Würde er ihn freisprechen? Erinnerte er sich noch an die alte Freundschaft? Der Richter sprach das Urteil. Der Angeklagte schluckte tief. Die Strafe war angemessen. Sie war nicht milde, aber auch nicht zu hart. Es war eine hohe Geldstrafe. Er würde Jahre brauchen, bis er das abgezahlt hatte. So viel Geld hatte er nicht. Sein Verteidiger sagte: „Einspruch sinnlos!“ Am Boden zerstört stand der Angeklagte auf. Da sah er, dass der Richter hinter seinem Pult hervor kam. Er ging direkt auf ihn zu. Was würde er jetzt sagen? Würde er die alte Freundschaft ansprechen? Wäre das der rechte Augenblick?
Der Richter ging zum Tisch des Angeklagten und sagte nichts. Er beugte sich vor, zog einen Zettel aus der Tasche und schrieb kurz etwas darauf. Dann gab er den Zettel dem Angeklagten, drehte sich um und ging aus dem Zimmer. Der Angeklagte schaute auf den Zettel. Es war ein Check über die Summe der Strafe. Einzulösen auf das Konto des Richters.
Der Angeklagte bist Du, der Richter ist Gott. Jesus ist die Verkörperung der Liebe Gottes. Er hat gezahlt für Deine Schuld. Seine Hinrichtung am Kreuz ist der Preis, den du nicht zahlen kannst. Für unsere Schuld trägt er die Strafe, wie der Richter für den Angeklagten gezahlt hat. Die Motivation dafür ist: Liebe! Hier liegt das Geheimnis der Liebe.
Jesus selber sagte einmal: „Niemand hat größere Liebe als der, der sein Leben lässt für seine Freunde.“
Was ist Liebe? Schauen wir auf Gott, dann sehen wir das Wesen der Liebe. Gottes Liebe zu dir besteht aus „Geben“. Gott gibt. Das gehört zu seiner Liebe. Gott gibt hin – seinen geliebten Sohn in diese Welt. Damit ist Jesus den Menschen preisgegeben. Sie können ihn, der so liebte, sogar töten und das haben sie dann auch getan. Jesus verkörpert diese Liebe Gottes. Sein ganzes Leben ist auf diese gebende Liebe hin ausgerichtet. Jesus redete immer wieder von „der Stunde“ seines Lebens. Schließlich erfahren wir, dass „die Stunde“, auf die er hin lebte, sein Tod am Kreuz war.
In seiner schwersten Stunde am Kreuz hängend betet Jesus für seine Feinde: „Vater, vergibt ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Diesen Satz können wir recht verstehen, wenn wir wissen, dass Jesus in der Bergpredigt gelehrt hat: „Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen.“ Seine Liebe war so groß, dass sogar der römische Soldat, der ihm die Nägel durch die Arme trieb, Platz darin hatte.
„Vater, vergib ihnen“ – die Liebe Gottes ist eine gebende und eine vergebende Liebe. Vergebung heißt: Du bist schuldig geworden, aber du kannst befreit leben, weil Jesus für deine Schuld zahlt. Der Angeklagte in dieser Geschichte ging gebeugt und gedemütigt von seiner Schuld in den Gerichtssaal. Hinaus geht er staunend und befreit. Er hat die Liebe eines Freundes kennen gelernt.
Jetzt sagen sie vielleicht: „Für mich trifft das alles nicht zu! Ich habe doch nur Gutes getan, bei mir sind nur belanglose Sachen schiefgelaufen. “
Nein - die Bibel lehrt das sehr deutlich: Alle Menschen sind schuldig. Die meisten Menschen sind sich ihrer Schuld nicht bewusst, reden sie klein oder wollen sie gar nicht wahr haben – das heißt aber nicht, dass sie nicht trotzdem schuldig sind. Bei einem Psychologen habe ich folgende Sätze zum Thema Schuld gefunden: „Was ist Schuld? Dieser Begriff war mir persönlich ... immer verwaschener und fragwürdiger erschienen. „Schuld“ – das klang in meinen Ohren nach traditionellen und überholten religiösen Vorschriften, nach Beichte und Sünde, nach Fegefeuer und Hölle. Aber wer kann schon in den Kopf und in das Herz eines Menschen hineinsehen? Wer kann Richter über die Vergehen anderer spielen? ... So ging ich bei meiner therapeutischen Arbeit davon aus, dass jeder Menschen das in seinen Kräften stehende Beste tut und dass das „Entschuldigung“ genug ist. Damit war für mich der Schuldbegriff überflüssig geworden.“ Seine therapeutische Arbeit zeigte ihm aber, „dass es eine Instanz im Inneren des Menschen gibt, die unabhängig von dem reagiert, was der eigene Kopf an Begründungen und Rechtfertigungen findet. Wenn diese Instanz das eigene Handeln als Unrecht empfindet, sorgt sie dafür, dass „bezahlt“ wird.“ Die Menschen „empfinden dann Schuld und haben das Bedürfnis nach Sühne und Ausgleich.“
Ich erinnere mich noch sehr gut an den gebrochenen Geschäftsmann, der mir seine Geschichte erzählte. Alles hatte er verloren. Hohe Schulden. Am Ende seiner Geschichte wusste ich, dass er seine Firma bewusst ruiniert hatte, um für seine Schuld zu zahlen. Menschen laden Schuld auf sich. Schuld will gesühnt werden. Daran kommt keiner vorbei. Dahinein spricht Gott: „Ich liebe dich. Ich gebe alles, was mir wert ist, damit Du deine Schuld loswerden kannst. Es kommt mich sehr teuer zu stehen. Aber du bist es mir wert.“
Kann es größere Liebe geben? Nein.
Es gibt Mensch, die sagen: „Ich bin nie richtig geliebt worden.“ – „Ich habe eine schwere Kindheit ohne Liebe gehabt.“ Das kann gut sein. Aber Gott liebt dich. Es ist ein Zeichen der Liebe Gottes, dass du heute hier bist und die Botschaft von der Liebe Gottes hörst. Du bist ihm nicht egal. Du bist zutiefst wertgeachtet. Dein tiefer Wert liegt in der Liebe Gottes. Wir machen uns gerne wertvoll. Wir suchen Dinge, mit denen wir glänzen wollen und sind enttäuscht, wenn andere Menschen nicht so darauf eingehen, wie wir uns das wünschen. Hier liegt auch gar nicht der Wert von dir. Dein Wert liegt in der Liebe Gottes zu dir. Du bist es ihm wert gewesen, seinen Sohn in diese Welt zu geben. Der tiefste Wert, den wir haben, liegt in dieser sich selbst opfernden Liebe Gottes.

3. Geliebte können lieben
Wir kommen zum letzten Gedanken. Menschen, die sich von Gott so geliebt wissen, die diese Liebe Gottes erfahren, haben, die können sie auch weitergeben. Hier wird Liebe zur Antwort und die Antwort zum Bedürfnis. Es funktioniert nicht, Menschen zur Liebe zu ermahnen. Man kann keinen Menschen zu Liebe zwingen. Liebe ist eine Antwort. Gott liebt dich. Deshalb kannst Du auch lieben.
Ich habe einmal einen wunderschönen Cartoon gesehen. Da war ein Mensch abgebildet, der ein großes Herz mit sich herumtrug. Dieses Herz war prall gefüllt und es stand mit großen Buchstaben: „Liebe“ darauf. Er trug dieses Herz mit sich herum, wie einen Eimer Wasser. An dem Herz war ein Schlauch angebracht. Vorne am Schlauch war eine Spritze. Alle Menschen, denen dieser Mensch begegnete wurden nun mit der Liebe angespritzt. Der Mann in dem Cartoon bemerkte gar nicht, wie das Herz immer kleiner wurde. Er versprühte fröhlich seine Liebe. Irgendwann einmal hing das Herz schlapp herunter wie ein Luftballon, in dem keine Luft mehr war. Am Gesicht der Person sah man, wie unglücklich sie war. Der Tank der Liebe war leer. So können die Tanks unserer Liebe auch leer sein.
Ich weiß von einer Frau, die ihre Schwiegermutter pflegt. Aufopferungsvoll tut sie das. Die Pflege wird immer schwerer. Die alte Frau kann immer weniger. Hilflose alte Menschen können böse werden. Es muss auch fürchterlich sein, sich von der Schwiegertochter die geringsten Arbeiten machen zu lassen. Keine Intimsphäre mehr. So kommt es oft zu unschönen Szenen. Aber es geht nicht anders. Beide spüren, wie der Tank der Liebe füreinander leer ist. Wie kann der Tank der Liebe wieder aufgefüllt werden?
Der Cartoon geht noch weiter. Völlig ausgelaugt, ohne einen Tropfen Liebe kommt die Person, die Liebe versprüht, an eine Tankstelle. An dieser Tankstelle gibt es kein Benzin, sondern Liebe. Es ist eine Liebestankstelle. Glücklich sieht unsere Comicfigur, wie ihr Tank der Liebe neu gefüllt wird.
Gottes Liebe ist unerschöpflich. Gott hat genug. Er will deinen leeren Liebestank ganz neu auffüllen. Wie? Schau auf Jesus, schau, darauf, was er aus Liebe für dich getan hat. Nimm dir Zeit dafür. Halte still in der Gegenwart Gottes und lass es zu, dass Gott zu dir sagt: „Du bist mein geliebtes Kind.“ Das ist eine geistliche Erkenntnis. Hier liegt ein Geheimnis: Geliebte Gottes haben so viel Liebe geschenkt bekommen, dass sie diese Liebe weitergeben können. Du bist von Gott geliebt. Jesus starb für deine Schuld. So bist du in die Liebe Gottes zum Menschen hineingenommen und bist zur Liebe befreit. Setze Dich der Liebe Gottes aus.

Schluss:
Wir haben uns auf die Suche gemacht: „Was ist Liebe?“ Wir haben Johannes, den Philosophen unter den Jüngern Jesu konsultiert. Er lenkt unseren Blick weg von uns selbst. Das ist der Schlüssel für ein glückliches Leben. In allen Dingen schauen wir immer nur auf uns. Das macht uns nur unglücklich. Wage doch den Blick auf Jesus. Du wirst sehen, dass die eigenen Probleme und Gedanken in seinem Licht immer mehr verblassen und wir immer besser erkennen, was Gott über unser Leben denkt. So können Menschen mit Gottes Liebe lieben. Geliebte können lieben, gerade dort, wo die menschliche Liebe versagt. Wo Menschen sprechen: Ich sehe keinen Grund zur Liebe. Da ist nichts liebenswertes.
Gott sei Dank – ist Gott Liebe. Wir wollen uns in seine Liebe zu den Menschen mit hineinnehmen lassen.
Amen.

Über den Autor

Gerson Wehrheim
Jahrgang 1970, verheiratet, 2 Kinder
Theologische Ausbildung im Theologischen Seminar Tabor (Marburg), Prediger der Christusgemeinde Westhofen,
Vorsitzender des Südwestdeutschen Gemeinschaftsverbandes