Seine Schafe und die anderen Schafe

Bibelstelle: Johannes 10,1
Autor: Wanner, Michael

Liebe Gemeinde!

Der Schafzüchter Phillip Keller erzählt in seinem Buch über den 23. Psalm von einem Schafhirten, der seine Schafe grob vernachlässigte. Er ließ sie immer auf der gleichen abgegrasten Weide laufen und versäumte, ihnen frisches Wasser zu geben. Die Tiere waren schon ganz abgemagert und sahen richtig krank aus. Oft standen diese Schafe am Zaun zum Nachbargrundstück und schauten sehnsuchtsvoll hinüber zu den grünen Weideplätzen und den glücklichen Schafen auf der anderer Seite; so als wollten sie sagen: „Ach, haben die es gut. Bei diesem Hirten dort drüben, da möchte ich gerne Schaf sein.“

Ich denke, eigentlich müsste das doch auch die Stimmung in den Hohenhaslacher Weidegründen sein. Da müsste es viele Menschen geben, die uns beobachten; uns, die glücklichen Schafe des guten Hirten. Die Leute müssten über den eigenen Zaun schielen und ganz neidisch werden. Sie müssten sich sagen: „Ach, haben die es gut. Bei diesem Hirten dort drüben, da möchte ich gerne Schaf sein.“ Viele müssten dann neugierig werden und nachfragen, wer der Hirte ist, bei dem es die Schafe so gut haben.

Die Weidetore würden weit geöffnet werden. Schafe würden hinüber laufen zu den anderen und sie einladen und sagen, wer der Hirte ist und warum sie es so gut haben: „Unser gute Hirte heißt Jesus. Kommt doch mit, wir laden euch ein. Schließt euch unserer Herde an!“

Aber vielleicht sehen wir das alles gar nicht mehr, wir, die Schafe des guten Hirten. Vielleicht sehen wir gar nicht mehr, wie gut wir es doch haben.

Oder vielleicht sehen wir es wohl, wie gut wir es bei unserem Hirten haben. Wir fühlen uns wohl in der Geborgenheit im Schafstall seiner Gemeinde und sind dankbar für alles, was wir durch Jesus haben. Aber wir sehen die anderen nicht mehr, die noch draußen sind. Wir sind gleichgültig geworden gegenüber denen, die keine guten Weideplätze kennen, die sich verirrt haben und die sich irgendwo verfangen haben und nicht mehr weiter wissen.

Es ist so wichtig, dass wir wieder über den Zaun hinaus blicken und die anderen Schafe sehen, die noch draußen sind und den guten Hirten noch nicht kennen.

Jesus vergleicht sich selbst mit einem Hirten. Er will der gute Hirte für die Menschen, für die Schafe sein. Dabei differenziert er zwischen den Schafen. Er spricht allgemein von „den Schafen“, er kommt dann auf „seine Schafe“ zu sprechen und betont schließlich, dass es noch „andere Schafe“ gibt.

Die Schafe

Jesus, unser guter Hirte, hat zuerst einmal alle Schafe im Blick. Er spricht ganz allgemein von den Schafen:

„Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe.“

Die Schafe, das sind alle Menschen ohne Ausnahme. Jeder Mensch braucht einen Hirten, der vorangeht, der ihn führt und leitet, der für ihn sorgt und ihn mit allem versorgt.

Wir sehen Jesus, den guten Hirten vor uns. Er sieht die Menschen. Er sieht, dass sie wie Schafe sind, die keinen Hirten haben. Er erkennt, wie sie verschmachten und wie sie kaputt gehen. Ihm fällt auf, dass sie zerstreut sind, einsam, auf sich allein gestellt, beziehungslos und orientierungslos. Und ihm ist der Grund für das alles ganz bewusst. Die Menschen sind wie die Schafe, die keinen Hirten haben. Es zerreißt ihm das Herz bei dem was er sieht. Er weint und klagt (Matthäus 9,36).

Er geht zu den Menschen und will ihr Hirte werden. Er geht am See Genezareth entlang und steigt auf einen Berg hinauf. Eine große Schar von Menschen folgen ihm wie eine große Schafherde. Grünes Gras ist da. Die Menschen setzen sich. Jesus fängt an zu predigen.

Seine Worte sind wie Brot. Die Herzen werden satt. Aber nicht nur die Herzen, sondern auch die Bäuche werden gefüllt. Jeder bekommt etwas zu essen. Auf wundersame Weise werden 5000 Menschen satt. Die Leute, die das alles miterlebt haben, lassen Jesus nicht mehr aus den Augen. Sie folgen dem guten Hirten, wohin er geht.

Wir sehen den guten Hirten aber auch vor uns, wie er zu kämpfen hat. Er gibt alles, um die Schafe zu retten. Er lässt dafür sogar sein Leben. Er stirbt am Kreuz. Er ringt mit dem „Wolf des Todes“, der seinen Rachen gegen ihn aufsperrt. Und dann geht er voran durch das finstere Tal des Todes und erreicht die andere Seite. Er kommt ans Ziel.

Eigentlich kann man diesem Hirten doch nur vertrauen. Wer bei ihm „ein und ausgeht“, wird „Weide finden“, gewinnt das Leben.

Wenn du wissen willst, wie viel dein Leben wert ist, dann musst du auf den guten Hirten sehen, wie er sein Leben für dich lässt, wie er am Kreuz stirbt, der stellvertretend für deine Schuld stirbt und dir so den Weg zu allen himmlischen Möglichkeiten freimacht.

Siehst du das auch, dass Jesus für alle Menschen gekommen ist, dass er nicht nur ein paar einzelne Schafe, sondern alle im Blick hat? Ja, dass er für alle gestorben ist?

Siehst du die Menschen mit den Augen von Jesus? Siehst du sie, wie sie verschmachtet und zerstreut sind, weil sie keinen Hirten haben? Äußerlich stehen sie vielleicht ganz gut da. Sie stehen gut im Futter und ihr makelloses Fell kann sich sehen lassen. Aber innerlich gehen sie kaputt, ganz langsam, aber sicher.

Die Schafe

Seine Schafe

Wir müssen sehen, dass Jesus alle Menschen, die Schafe in ihrer Gesamtheit im Blick hat. Erst der zweite Blick fällt auf die Schafe, die Jesus jetzt schon gehören. Er will ihnen bewusst machen, wie gut sie es bei ihrem guten Hirten haben.

„Ich bin der gute Hirte und kenne die Meinen und die Meinen kennen mich.“

Jesus kennt die Seinen. Diese Tatsache hat zuerst eine unangenehme Seite. Von Jesus hören wir auch: „Er bedurfte nicht, dass ihm jemand Zeugnis gab vom Menschen; denn er wusste, was im Menschen war“ (Johannes 2,25).

Jesus sieht hinter die Kulissen. Alle verborgenen Dinge sind ihm bekannt.

Aber das hat auch eine ermutigende Seite. Jesus weiß auch alles, was dich bewegt und was dich umtreibt. Bei der Begegnung mit der Frau am Jakobsbrunnen zum Beispiel wusste Jesus sofort, dass diese Frau nicht nur Durst hat nach Wasser, sondern dass ihr Herz so leer war und sie vor allem Durst nach Leben hatte. Er kannte die tiefen Bedürfnisse und die ganze Sehnsucht dieser Frau.

Der gute Hirte kennt die Seinen. Was das heißt, wird noch genauer ausgeführt. Das heißt auch:

„Er ruft seine Schafe mit Namen.“
Beim guten Hirten gibt es keine „Massentierhaltung“. Er spricht jeden persönlich an. Er will auch durch diesen Gottesdienst ganz spezielle Seiten deines Lebens berühren und dich ansprechen.

„Er geht vor seinen Schafen her.“
Ganz individuell gibt er jedem Schaf die Weide, die es braucht. Ganz persönlich zeigt er, wie es weitergeht. Er bestimmt die Zeiten der Ruhe und der Rast, die Zeiten breiter Wiesen und enger Täler.

Aber nicht nur der gute Hirte kennt die Seinen. Die Schafe kennen auch den guten Hirten und lernen ihn immer besser kennen. Die Schafe hören die Stimme des guten Hirten und folgen ihm. Die Beziehung zwischen Hirte und Herde lebt vom immer besseren Kennenlernen. Vor allem das Hören auf die Stimme des guten Hirten prägt die Beziehung.

Und dann hören wir vom guten Hirten auch: „Ich gebe ihnen das ewige Leben.“
„Ewiges Leben“ ist Leben aus der Ewigkeit, Leben mit Qualität. Jesus sagt: „Ich bin gekommen, dass sie das Leben und volle Genüge haben sollen.“

Im wohlbekannten Psalm 23 wird dieses Leben mit Qualität dargestellt. Da ist von grünen saftigen Auen und von frischem Wasser die Rede, von klarer Orientierung auf der rechten Straße von fortschreitender Heilung, einem überfließenden Becher und einem wunderbaren Zuhause.

Jesus sagt: „Niemand wird sie, diese Schafe aus meiner Hand reißen.“ Das ist gewiss.

Wenn eines der Schafe des guten Hirten davonlaufen sollte, dann macht sich Jesus auf, um ihm nachzugehen und es zu suchen. Er gibt nicht auf, bevor er es gefunden hat. Davon erzählt er selbst in der Geschichte vom verlorenen Schaf.

Was ist das für ein Trost für das eigene Leben: „Niemand kann mich aus seiner Hand reißen.“
Was ist das für ein Trost in Bezug auf die eigenen Kinder und Freunde, die einmal zu Jesus gefunden haben und dann wieder von ihm weggelaufen sind: „Niemand kann sie aus seiner Hand reißen.“
Diese Tatsache macht uns auch Mut, den Menschen immer wieder nachzugehen.

Wie gut haben es die Schafe bei ihrem Hirten!
Wir müssen das wieder ganz neu sehen: Er kennt seine Schafe, er ruft sie mit Namen. Er führt sie heraus und geht vor ihnen her. Er gibt seinen Schafen Leben und volle Genüge. Er gibt ihnen das ewige Leben. Er hält sie fest in seiner Hand. Nichts und niemand kann sie aus seiner Hand reißen. Und wir dürfen in einer lebendigen Beziehung zu ihm stehen. Wir, seine Schafe, kennen seine Stimme. Wir hören seine Stimme und folgen ihm, wohin er auch geht.

Die Schafe
Seine Schafe

Andere Schafe

Und jetzt geht der Blick noch einmal nach außen. Weil Jesus für alle Menschen kam und weil er der gute Hirte für alle Menschen ist, spricht er von denen, die noch nicht zu seiner Herde gehören. Er lenkt den Blick auf die anderen Schafe:

„Und ich habe noch andere Schafe, die sind nicht aus diesem Stall; auch sie muss ich herführen, und sie werden meine Stimme hören, und es wird eine Herde und ein Hirte werden.“

„Ich muss die anderen Schafe herführen“, sagt Jesus. Hören wir aus diesen Worten eine tiefe innere Verpflichtung heraus? „Ich muss die anderen Schafe herführen“.
Aber wie will er sie herführen? Er will das durch uns tun. Durch Sie und durch mich. Die anderen Schafe, die noch nicht dabei sind und die Sie kennen, und von denen Sie wissen, wo sie zu finden sind, für die sind Sie mitverantwortlich!

„Sie werden meine Stimme hören“, sagt Jesus. Und er möchte, dass sie durch uns seine Stimme hören. Wir sind die, die ihnen seine Stimme zu Gehör bringen sollen.

Wir, die wir es so gut haben. Wir, die wir den guten Hirten kennen, können doch nicht im Schafstall der Gemeinde bleiben. Wir können das doch nicht für uns behalten. Wir müssen doch hinaus zu den anderen Schafen und ihnen vom guten Hirten erzählen!

Da bin ich allein in der Kur. Ich mache viele Fahrradtouren in der reizvollen Landschaft. Ich entdecke unterwegs Restaurants mit herrlichem Essen. Es geht mir gut. Aber ich kann das alles nicht so richtig genießen, weil ich immer denke: Ach wäre meine Frau da. Ach wären meine Kinder jetzt dabei. Ich würde ihnen das so gerne zeigen. Ich würde das alles so gerne mit ihnen zusammen genießen.

Wir sind an der Ostsee und freuen uns an der Sonne und am Baden im Meer. Unsere kleine Tochter baut an einer Sandburg. Eben war sie noch da. Aber wo ist sie jetzt? Wir finden Sie nicht mehr. Glauben Sie, dass wir jetzt noch ruhig sitzen bleiben können? Glauben Sie, dass wir jetzt noch die Sonne, den Wind und das Meer genießen können? Nein. Es kommt jetzt auf jeder Minute an. Ein Fremder könnte sie mitnehmen. Sie könnte ins Meer gelaufen sein und dort ertrinken. Uns hält nichts mehr. Wir gehen, laufen, rufen. So lange, bis wir sie gefunden haben. Die Freude ist groß!

Es genügt nicht, dass wir die Leute einladen, zu uns zu kommen. Es hat nicht viel Wirkung, wenn wir aus dem Fenster schauen und den Leuten nachrufen. Wir müssen hinausgehen. Wir müssen dorthin gehen, wo die „anderen Schafe“ sind. Wir können es doch nicht für uns behalten, was wir am guten Hirten haben! Wir müssen sprachfähig werden. Wir müssen erzählen können von dem guten Hirten. Vorschwärmen, wie gut wir es haben.

Es kann uns doch nicht kalt lassen, wenn die anderen draußen sich verirren, wenn sie verschmachten, wenn sie zu Grund gehen und wenn sie verloren gehen!

Und dann sagt Jesus noch: „Es wird eine Herde und ein Hirte werden.“ Er will, dass die, die von draußen in die Erde hineinkommen, in der Herde ein Zuhause finden.

Und wenn sie kommen, werden wir sagen: „Der hat bunte Flecken. Der passt nicht zu uns. Der muss sich erst an uns gewöhnen, an unseren Stil, an unseren Stallgeruch, an unsere Art zu blöken, an unsere Art, wie wir uns bewegen.“ Oder werden wir sie aufnehmen, beschnuppern, umgeben, hinein nehmen, begleiten?

Unsere Schafherde muss sich öffnen und auf die Neuen einstellen. Wenn andere Schafe mit unserer Herde zusammen eine Herde werden sollen, können wir doch nicht unsere Stammplätze in der Kirche oder in der Gemeinde verteidigen. Da können wir doch nicht die Neuen einfach übersehen und dem Kontakt mit ihnen aus dem Weg gehen. Da können wir doch nicht stur an unserem Stil und an unseren Gewohnheiten festhalten.

Wir müssen uns vielmehr in die anderen hineinversetzen und von ihnen her denken: Was hilft ihnen, dass sie den guten Hirten kennen und lieben lernen? Wir müssen ihnen entgegenkommen, in der Gestaltung des Gottesdienstes oder im Angebot unserer Gruppen und Kreise.

Wir müssen uns fragen: „Was können wir dazu beitragen, dass es eine Herde wird?“

Die Schafe
Seine Schafe
Andere Schafe

Jesus sagt: „Ich bin der gute Hirte“ Das Wort „kalos“ für „gut“ kann auch mit „schön“ oder „herausragend“ übersetzt werden. Der Hirte ragt ja weit über die Schafherde hinaus. Er ist für die Schafe von weitem sichtbar und die Schafe drängen sich alle um ihn herum. Und wenn alle Schafe die Nähe des Hirten suchen, so gibt das auch ein Gesamtbild, gibt das der Gemeinde etwas Schönes.

So soll es bei uns sein, dass das Bedürfnis wächst: „Ich möchte nahe bei dem guten Hirten sein. Jesus – da will ich Schaf sein.“

Aus diesem Bedürfnis kommt das Verlangen: „Ich möchte, dass die anderen auch dabei sind. Ich will, dass sie gefunden werden, dass sie gerettet werden, dass sie seine Stimme hören und dass sie einen Hirten haben!“
Amen

Über den Autor

Michael Wanner
Geb. 1956 in Stuttgart, verheiratet, 5 Töchter.
Nach dem Abitur Theologiestudium in Tübingen in Verbindung mit dem Albrecht-Bengelhaus.
Ab 1982 Vikar in Bernhausen.
Ab 1984 Pfarrvikar in Marschalkenzimmern / Schwarzwald.
1991-2009 Pfarrer und geistlicher Vorsteher der Ev. Brüdergemeinde Korntal
Ab 10/2009 Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde Hohenhaslach