Glaube, der auch in Extremsituationen trägtBibelstelle: Jeremia 1,4 |
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Liebe Gemeinde, ich hoffe, Sie haben auch Ferien genießen oder sonst wie von der warmen Jahreszeit profitieren können. Bei einigen von Ihnen sind die Koffer ausgepackt, die Wäsche gewaschen, gebügelt und versorgt, andere von Ihnen sind vielleicht eben erst nach Hause gekommen, wieder andere waren gar nicht von zu Hause fort. Jetzt sind die Gedanken auf die nächste Lebensperiode ausgerichtet. Aber auch wenn sich ihre letzten Wochen nicht von der übrigen Zeit des Jahres unterschieden haben – jetzt sind Sie hierher in die Kirche gekommen und hegen bestimmte Erwartungen. Wenn wir in die weite Welt hinaus schauen, sind wir z.B. bedrückt durch das Leid des syrischen Volkes. Wir sind erschrocken über die massive Gewalt, die an verschiedenen Orten unseres Planeten sichtbar wird. Was für unauslotbare Abgründe menschlicher Boshaftigkeit und Verirrung werden da sichtbar! Und jetzt sind Sie hierher in die Kirche gekommen und hegen bestimmte Erwartungen. Der Predigttext, den das Losungsbuch für den heutigen Sonntag vorgibt, handelt von der Berufung des Propheten Jeremia. Diese Berufung fand im Jahr 627 vor Christus statt, somit vor 2639 Jahren.
Jeremias Berufung (Jeremia 1): Dieser Text hat weder mit unserer momentanen persönlichen Lebenssituation noch mit der momentanen weltpolitischen Lage direkt etwas zu tun. Oder vielleicht doch? Für mich als Prediger ist es jedes Mal eine große Herausforderung, eine Brücke zu schlagen zwischen den alten Bibeltexten und unserer heutigen Zeit. Ich hab’s versucht. Urteilen Sie am Schluss selber, ob es mir gelungen ist. Der Prophet Jeremia schreibt sein Buch in der Ich-Form. In den ersten vier Versen des ersten Kapitels stellt er sich zunächst vor. Er gehört zu einer Priesterfamilie aus dem Dorf Anathot, das in der Nähe von Jerusalem liegt. Er sagt, in welchem Jahr er erstmals die Stimme Gottes gehört habe, nämlich im dreizehnten Regierungsjahr des Königs Josia, das ist wie bereits erwähnt das Jahr 627 vor Christus. Josia war ein guter König. Als er im Jahr 609 starb und sein Sohn Jojakim König wurde, begann ein innerer und äußerer Zerfall des Staates. Und damit begann auch eine massive Leidenszeit für Jeremia. Er hatte als Prophet viele Missstände im Land anzuklagen. Es handelte sich um soziale und kultische Missstände. Er verglich sein Volk in seiner Anbetung fremder Götter mit einer Dirne, er nannte andere sogenannte Propheten Lügner, er sagte den baldigen Untergang des Landes voraus. Dass sich so ein Mann nicht nur Freunde schafft, versteht sich von selbst. Jeremia wurde verfolgt; mehrere Male entging er nur knapp dem Tod. Seine Predigten zeitigten keinerlei Wirkung, nicht einmal dann, als sich abzuzeichnen anfing, dass er Recht hatte. Im Jahr 587 eroberten und zerstörten die Babylonier Jerusalem. Sie setzten einen Statthalter ein. Aber sogar in dieser aussichtslosen Situation rissen Fanatiker das Handeln an sich. Sie brachten den Statthalter um und mussten in der Folge nach Ägypten fliehen. Dorthin verschleppten sie Jeremia und dort verliert sich seine Spur. Sein Leben blieb – zumindest an äußeren Maßstäben gemessen – völlig erfolglos.
(A) Eine erste Brücke zum Heute ist die folgende: Die Weltgegend der damaligen und der heutigen Ereignisse – der Nahe Osten – ist dieselbe. Damals wie heute wurden und werden Kriege mit unvorstellbarer Brutalität geführt. Die technischen Möglichkeiten dazu haben sich „verbessert“, aber die Menschen hinter den Untaten sind die gleichen. Gleicher Ort, ähnliche Kriege, gleiche Untaten damals wie heute, das ist einmal eine Brücke über die gut zweieinhalbtausend Jahre.
(B) Jetzt zum eigentlichen Predigttext. „Das Wort des HERRN erging an mich“, bekennt Jeremia. Solche Aussagen finden sich häufig in der Bibel. „Und Gott sprach ....“ – diese Wendung findet sich mehrere Male bereits auf der ersten Seite der Bibel, im Schöpfungsbericht.
(1) Das ist das Erste der Basiswunder, das die Bibel bezeugt: Nach dem bereits erwähnten Schöpfungsbericht erschafft Gott die Welt durch sein Wort. Immer wieder heißt es: „Und Gott sprach ..... und es geschah.“ Am Anfang ist nichts da und Gott erschafft die Welt durch sein Vollmachtswort. Auch bei Jesus zeigt sich die Wichtigkeit und Macht des Gotteswortes. Jesus ist der Mensch gewordene Gott. Auch seine Worte sind deshalb Worte der Vollmacht. „Deine Sünden sind dir vergeben!“ sagt er diverse Male zu einem Menschen. Damit erschafft er eine neue Wirklichkeit. Der so angesprochene Mensch kann frei atmen. Er kann im Bewusstsein leben: Mein Verhältnis zu Gott ist wieder in Ordnung. Mir ist vergeben. Ich darf mit neuer Kraft und Liebe auf meine Mitmenschen zugehen. Jeremia bezeugt also: „Das Wort des HERRN erging an mich.“ Das ist unendlich viel mehr als wenn uns ein Mitmensch anspricht. Das Wort Gottes, das Jeremia da vernimmt, stellt sein Leben auf den Kopf. Jeremia spürt das von Anfang an. Das ist der Grund für die Ausflüchte, die er anschließend bringt. Wir haben einen Gott, der uns Menschen anspricht. Ich wurde schon oft gefragt: „Haben Sie Gott etwa schon einmal gehört?“ Es kommt darauf an, was man unter „hören“ versteht. So gehört wie ich Sie höre, wenn Sie mich ansprechen, habe ich Gott noch nie. Und doch gibt es viele Stellen in meinem Leben, wo ich in meiner Autobiographie den Vermerk hinschreiben könnte: „Da sagte Gott zu mir ...“. Wie Jeremia zur Gewissheit gelangt ist, dass es Gott ist, der ihn anspricht, weiß ich nicht. Die Momente des völligen Überwältigt-Seins und der totalen Klarheit sind auch beim Reden Gottes vergleichsweise selten. Es gibt sie, diese besonderen Gnadenmomente, aber großmehrheitlich spricht Gott verhaltener, leiser. Gott zu hören will gelernt, geübt sein. Wir lesen Gottes Wort und lernen dort die Grundzüge von Gottes Willen kennen. Wir beten zu Gott, zunächst ohne etwas von ihm zu wollen. Wir leben mit Gottes Worten im Herzen. Wir gelangen mit unseren Fragen und Bitten an ihn. Wir denken nach, wir ringen um eine Antwort, wir bitten wieder, wir sprechen mit vertrauten Personen über die anstehende Frage. Es entsteht ein Prozess, in dessen Verlauf langsam Klarheit entsteht. Wir gehen den Weg, den wir aufgrund dieses Prozesses für den richtigen halten. Im günstigen Fall entsteht etwas Gutes daraus. In der Rückschau können wir dann bekennen: Gott hat mich geleitet. Er hat mir das und das gesagt. Es war ein gesegneter Weg.
Jeremia hat offenbar keinerlei Zweifel an der Identität des Redners, ihm ist sofort klar: „Da spricht der Herr, mein Gott. Und dieser will mich zu seinem Propheten berufen! Mich?“
(2) Nach dem Wunder, dass Gott spricht, schließt sich jetzt ein zweites Wunder an: Auf die Ausrede, Jeremia sei zu jung, geht er nicht ein. Nein, für Gott gibt es kein ‚zu jung‘. Wir waren und wir sind nie zu jung, um in seinen Dienst zu treten. Ebenso wenig gibt es ein ‚zu alt‘: Es ist auch nie zu spät, in den Dienst Gottes zu treten. Jederzeit – das ist die rechte Zeit.
(3) Der Text erwähnt ein drittes Grundwunder:
Im Psalm 139 haben wir gelesen:
(4) Ein viertes Wunder: Das dürfen wir auf uns übertragen: Wir haben von Gott einen Auftrag in dieser Welt. In seinem Namen erfüllen wir eine bestimmte Aufgabe, bzw. eine Vielfalt unterschiedlicher Aufgaben. Es ist kein Zufall, dass die Worte „Beruf“ und „Berufung“ so nah verwandt sind. Im guten Fall sind wir für unsere berufliche Tätigkeit berufen. Wir sind zugunsten unserer Mitmenschen tätig, ob wir nun Krankenpfleger, Automechanikerin, Coiffeur, Familienfrau oder Lehrerin sind. Und Gott hat uns dazu alle nötigen Gaben und Talente geschenkt, die wir für seinen Auftrag brauchen. Gott hat auch Jeremia alles Nötige gegeben, um ein Prophet zu werden. Jeder von uns ist ein Original, auch was die Begabungen anbetrifft. Jeremia ist zum Propheten begabt. Ein Prophet kann den Menschen sagen, was von Gott her gesehen dran ist und was nicht. Er hat die Gabe, auf Gottes Stimme besonders gut zu hören. Er kann die Gegenwart analysieren und die laufenden Entwicklungen in die Zukunft hinein verlängern. Ein Prophet muss leider oft ankündigen, dass vieles von dem nicht richtig ist, das gegenwärtig läuft und eine ungünstige Entwicklung ankündigen. Es gibt vielerlei andere Gaben: die Gabe der Gastfreundschaft z.B., die Gabe des Mitfühlens, die Gabe des praktischen Anpackens usw. Es ist nicht immer gleich einfach, auf die Beauftragung durch Gott zu vertrauen, bzw. daran zu glauben, dass Gott tatsächlich einen Plan mit uns hat. Manchmal läuft es rund und wir erleben, dass unser Tun gerät, gesegnet ist. Manchmal harzt es mit unseren Aufgaben. Dann wird es schwierig, davon auszugehen, dass wir an jedem Tag neu von Gott eine bestimmte Aufgabe vorgelegt bekommen, die er gerade für uns hat. Und überhaupt: Können wir beim Rückblick auf das von uns bisher ge- und erlebte Leben einfach so sagen: Es entspricht alles Gottes Plan? Es gibt ja wirklich schwierige Lebensläufe. Sogar Jeremia selber, der am Anfang seines Berichtes kühn aufschreibt, dass Gott schon lange einen Plan mit seinem Leben hatte, dieser gleiche Jeremia schreibt in einer Leidenszeit seines Lebens, mitten in einer schweren Anfechtung: Ich, Jeremia, klagte: „Ich Unglücklicher, warum hat meine Mutter mich geboren? Wohin ich auch komme, überall feinden sie mich an und setzen mir zu. Du weißt alles, HERR; denk an mich und hilf mir! Leg meinen Verfolgern das Handwerk! Hab nicht so lange Geduld mit ihnen, sonst gehe ich noch zugrunde! Ich kann nicht mit anderen Leuten fröhlich zusammensitzen und mit ihnen lachen. Denn du hast deine Hand auf mich gelegt und mich einsam gemacht. Warum nimmt mein Leiden kein Ende? Ich setze meine ganze Hoffnung auf dich; aber du, Gott, lässt mich im Stich!“ Darauf sagte der HERR: „Ich habe doch deine Fesseln gelöst und deine Last erleichtert. Wenn du zu mir umkehrst, nehme ich dich wieder an, und du sollst wieder mein Diener sein. Ich stehe dir zur Seite, ich schütze dich, ich, der HERR.“ (aus Jeremia 15,10-20) Wir spüren, wie intensiv Jeremia mit Gott ringt. Er verzweifelt beinahe an der Aufgabe, die Gott ihm gegeben hat. Er will sie zurückgeben. Gott beauftragt ihn mit strengen und ermutigenden Worten von neuem. Die Früchte von Jeremias Leben können erst wir Nachgeborenen ernten. Wir sehen, wie dieser mutige Mann sich für Gottes Sache eingesetzt hat. Er stellte sich gegen die große Mehrheit. Die Zukunft gab ihm Recht. Aber diese Zukunft hat er selber nicht mehr erlebt.
Unser Glaube trägt auch in Extremsituationen.
Unser Glaube trägt auch in Extremsituationen. In habe in den vergangenen Sommerferien die neu erschienene Biographie von ihm gelesen. Sie ist spannend wie ein historischer Roman, nein, sogar noch spannender, weil nur von Tatsachen die Rede ist. Wie Jeremia war Bonhoeffer ein Warner vor politischen Fehlentwicklungen. Wie Jeremia hat Bonhoeffer vergeblich gewarnt. Er hat nichts erreicht. Die Verschwörergruppe, der er angehörte, hat den Diktator nicht beseitigen können. Er und viele andere haben den erfolglosen Anschlag mit ihrem Leben bezahlt. Glaube, der auch in Extremsituationen trägt.
In der Nazizeit zeigte das Böse seine ungeschminkte Fratze. Alle Regeln und Normen brachen zusammen. Bonhoeffer sagte es einmal mit einem Vergleich: Es war ihm klar, dass er sich durch jedes Verhalten dem NS-Regime gegenüber schuldig machte: Durch Nichtstun wird man zum Komplizen, durch Umsturzpläne muss man lernen, sich zu tarnen, zu lügen und Mordpläne zu schmieden. Bonhoeffer schloss sich dem Widerstand gegen Hitler an. Dies führte letztlich zu seinem Todesurteil. Als Bonhoeffer zur Hinrichtung abgeführt wurde, flüsterte er einem Mitgefangenen zu: „Das ist das Ende – für mich der Beginn des Lebens.“
In seiner Predigt am Ewigkeitssonntag 1933 hatte Bonhoeffer gesagt:
Bonhoeffer wurde am 9. April 1945 im KZ Flossenbürg erhängt. Der Lagerarzt berichtet: Wir leben in einer ganz anderen Zeit als Bonhoeffer. Dennoch können wir etwas für unseren Glauben Entscheidendes von ihm lernen: In der Mitte unseres Glaubens stehen weder unser gutes und anständiges Leben noch irgendwelche religiösen Rituale, sondern über und vor allem steht die persönliche Beziehung zum auferstandenen Jesus Christus. ER und nicht ein Buch oder irgendein Regelwerk steht in der Mitte des Glaubens. Wenn alles um uns herum zusammenbricht und nichts Bisheriges mehr gilt, wenn alle Pfeiler unseres bisherigen „normalen“ Lebens wegbrechen, dann sind wir definitiv auf Jesus Christus geworfen, auf IHN, den auferstandenen Herrn. |
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