Interview

"Bitte langsamer, Gott"

Das Leben ist ein permanentes Loslassen und „Gott lassen“, so die Österreicherin Maria Prean im Interview.

© privat

Die Jahreswende ist die Zeit für einen Rückblick auf das alte Jahr und einen Ausblick auf das neue. Wie geht es weiter? Welche Ziele will ich erreichen? Maria Prean, Gründerin des Vereins „Vision für Afrika“, erzählt im Gespräch mit ERF Online, wie sie mit 60 Jahren im Vertrauen auf Gott den Aufbruch in ein neues Lebensumfeld wagte und dort ihre Heimat fand.

ERF Online: Sie haben als Seniorin Österreich verlassen, um ein neues Projekt in Uganda zu starten. Andere Menschen in diesem Alter denken an Ruhestand und an ein wohlverdientes gemütliches Leben, denn „einen alten Baum soll man nicht verpflanzen“. Was hat Sie zu der Veränderung angestoßen?

Maria Prean: Das ist eine komplizierte Frage. Denn ich hatte keinerlei Absichten, dies zu tun. Vielmehr wurde ich Schritt für Schritt geführt. Ein Missionar aus Uganda folgte der Einladung meiner Freunde, sich in unserem Missionswerk „Leben in Jesus Christus“ in Tirol zu erholen. Dieser lud mich immer wieder ein, nach Afrika zu kommen. Letztendlich folgte ich dieser Einladung und flog nach Uganda.

Für mich war diese Reise eine überwältigende Erfahrung. Ich war zum ersten Mal selbst im Innern Afrikas, den Norden kannte ich schon vorher. Das Flugzeug kam erst nach Mitternacht an, nach einer sich anschließenden zweistündigen Autofahrt erreichten wir unseren Aufenthaltsort. Als ich in mein Zimmer zurückzog, um mit Gott zu reden, hatte ich einen Kulturschock. Ich sah mich innerlich vor einem riesigen Betongebäude ohne Fenster, ohne Türen und ohne Kamin. Ein riesiger Betonblock, so kam mir Afrika vor. Ich lag die ganze Nacht im Halbschlaf aber in den frühen Morgenstunden sah ich, wie sich der ganze Block in Staub auflöste. Da wusste ich, dass Gott etwas gemacht hatte. Im Sonnenschein ging ich dann hinaus, sah diese wunderbaren Gesichter und empfand eine so überwältigende Liebe für die Menschen und das Land, wie noch nie zuvor in meinem Leben. Ich glaube, das war schon ein Teil meiner Berufung.

„Meine Familie hat Recht: Mit 60 Jahren fangen anscheinend die Krankheiten an.“

ERF Online: Wie ging es für Sie weiter?

Maria Prean: Mir war klar: Gott hat etwas Großes vor zwischen Afrika und Europa. In Bildern zeigte er mir, wie eine Brücke zwischen Europa und Afrika entsteht. Ich teilte meine Geschichte mit den Afrikanern und sie waren voller Begeisterung. Doch das dies für mich bedeuten würde, auch in Uganda zu leben, hatte ich noch nicht begriffen. Ich sah mich immer nur in einer Mittlerrolle: Ich würde in Europa leben und einerseits die Afrikaner bei mir empfangen und andererseits die Menschen segnen, die als Missionare oder für Einsätze selbst nach Afrika gehen.

In den folgenden sechs Jahren bin ich nur gependelt zwischen Europa und Afrika, um bei sehr vielen Konferenzen zu lehren. Dann fragte mich Gott, ob ich ihm vertraue, dass er mir alles gäbe, was ich für 1000 arme Kinder brauche, damit sie zur Schule gehen können und versorgt bleiben. Ich antwortete, dass das eine große Herausforderung sei für den Anfang, aber dass ich bereit sei, ihm zu vertrauen. Innerhalb von acht Monaten hatten wir Patenschaften für 1000 Kinder – und ich hatte angenommen, diese Arbeit sei ein Lebenswerk. Gott ist ein Gott, der nur unseren Gehorsam braucht, den Rest macht er.

Maria Prean ist Gründerin des Missionswerks „Leben in Jesus Christus“, Imst/Österreich sowie des Vereins „Vision für Afrika e.V.“. Sie ist weltweit als Rednerin gefragt und als Missionarin die meiste Zeit in ihrem Werk in Uganda tätig.

ERF Online: Und wie haben Ihre Familie und Ihre Freunde auf Ihr Vorhaben reagiert?

Maria Prean: Meine Familie und auch meine christliche Freunde reagierten zuerst schockiert. Mit 60 Jahren würde es anfangen mit den Krankheiten, sagten sie. Und in Afrika wäre nicht einmal die medizinische Versorgung sichergestellt. Es war ein erschreckender Gedanke für mich, ich hatte an so etwas gar nicht gedacht. Interessant war: Nach drei oder vier Wochen hatte ich tatsächlich am ganzen Körper Schmerzen. Da habe ich gesagt: Herr, meine Familie hat Recht. Mit 60 Jahren fangen anscheinend die Krankheiten an. Ich hörte, wie mich Gott in meinem Herzen fragte, wo in der Bibel stehe, dass mit 60 Jahren die Krankheiten anfangen. Mir war sofort klar, dass ich mich hatte fehlleiten lassen. Ich habe diesen Worten geglaubt und mich dem Teufel gegenüber angreifbar gemacht. Doch ich bin ein Kind Gottes und ich werde so lange gesund bleiben und leben, wie Gott es will.

"Wozu bin ich auf dieser Welt?"

ERF Online: Für Sie war es einfach nur wichtig, im Vertrauen auf Gott den nächsten Schritt zu machen?

Maria Prean: Genau. Ich weiß jetzt, dass alle Lebensabschnitte vorher eine Vorbereitung waren für diese Zeit hier. Jahrzehntelang stellte ich mir eine Frage: Wozu bin ich auf dieser Welt? Was hat Gott sich gedacht, als er mich erschaffen hat? Immer wieder bat ich Gott, mir zu zeigen, wozu er mich in diesem Leben erschaffen hat. Jetzt weiß ich mit hundert prozentiger Sicherheit, dass ich für diese afrikanischen Kinder geboren wurde und dass mir Gott diese Aufgabe gegeben hat.

ERF Online: Und die 60 Jahre davor brauchten Sie, um sich auf diese Arbeit vorzubereiten?

Maria Prean: Ja, absolut. Ich glaube, dass wir alle eine Berufung haben. Doch die Vorbereitungszeit dauert oft sehr lange. In dieser Zeit gebraucht Gott zwei Geschwindigkeitsstufen: Langsam und sehr langsam. Und wenn wir auf der Autobahn seiner Berufung sind, kommt eine neue Stufe dazu: Sehr schnell. Manchmal sagen wir dann: „Bitte langsamer, Gott.“

ERF Online: Das ist spannend. Damit rechnet man wahrscheinlich nicht, dass es mit 60 Jahren erst so richtig losgeht und man tatsächlich auf diese Autobahn gestellt wird.

Maria Prean: Nein, dass habe ich nicht erwartet. Aber ich habe immer gewusst und proklamiert, dass das Beste noch vor mir liegt, selbst heute noch. Das Beste ist noch vor mir!

ERF Online: Und was sagen Sie heute: Hatte es Vorteile, dass Sie bei diesem Projekt schon ein gewisses Alter hatten?

Maria Prean: Ich bin unwahrscheinlich gesegnet durch mein Alter. Einer Frau in meinem Alter darf man in Uganda nicht widersprechen, sie wird auch von Männern respektiert. Eine „Dshadsha“ nennt man sie, eine Großmutter. Unter meinen 300 Mitarbeitern sind auch viele Männer, deren Respekt ich genieße. Mein Alter hat so gesehen viele Vorteile.

Leben ist ein permanentes Loslassen und „Gott lassen“

ERF Online: Wie würden Sie Menschen ermutigen, die es vielleicht reizt, selbst etwas Neues zu beginnen, sich aber nicht so recht trauen?  

Maria Prean: Ich möchte den Schwerpunkt nicht darauf legen, neue Projekte zu starten. Ich habe nicht geahnt, was Gott mit mir vorhatte. Doch ich war und bin bereit, jeden Tag das zu tun, wofür er mir die Augen öffnet. Rückblickend habe ich erst sehr überrascht erkannt, dass er mich in eine enorme Berufung geführt hat. Wenn Gott Wege für uns vorbereitet, müssen wir ihm auch erlauben, uns zu führen. Das bedeutet, jeden Tag mit offenen Augen und mit offenen Ohren wahrzunehmen, was er uns zeigt und dann diese Dinge zu tun. Der Rest ergibt sich von selbst, wenn wir Gott Raum geben. Wichtig ist dabei, sich nicht an Dinge zu klammern, sondern seinen Halt in Gott zu finden.

Ich glaube, dass wir in Europa viel zu sehr auf unsere Sicherheits- und Gemütlichkeitszone bedacht sind. Wir sollten bereit werden loszulassen. Für mich ist das Leben ein permanentes Loslassen und „Gott lassen“.

ERF Online: Zwischenzeitlich sind Sie über 70 Jahre alt. Welches Projekt wollen Sie als nächstes anstoßen?

Maria Prean: Nächstes Jahr werde ich 74 Jahre alt, doch ich fühle mich noch viel jünger. 2012 haben wir ein großes internationales Trainingszentrum auf unserem Gebetsberg gebaut. Ich warte jetzt gespannt auf die vielen Auswirkungen, wenn Menschen hierher kommen und verändert werden. Nicht durch noch mehr Wissen für den Kopf, sondern durch Herzensveränderungen.

2013 bin ich eingeladen, in Indien 700 Pastoren zu schulen. Für mich ist das wieder eine ganz neue Dimension. Nach Indien zu gehen, reizte mich schon länger. Aber bisher scheute ich mich irgendwie, denn ich hatte den Eindruck, dass damit wieder etwas ganz Neues kommt. Jetzt bin ich gespannt auf Gottes Pläne mit Indien. Dass ich diese Schulung leiten darf, macht mich sprachlos.

ERF Online: Herzlichen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Ella Friesen

Leserbrief schreiben

Von Harry P. am .

Ja das ist es. Nicht Beruf,sondern Berufung!
Leider ist das Umfeld nicht darauf vorbereitet. Sicherheitsdenken geht vor alles. Aber was ist Sicherheit? man kann auch im Bett sterben. Aber wir haben Gott mehr zu gehorchen als den Menschen.Lasst uns einfach losgehen. shalom

Von Hartmut H am .

echt ermutigend.

Von Dorena am .

Solche Missioanre Gottes kenne ich persönlich,"meine" sind nach Südafrika gegangen. Ich bewundere solche Leute,die den gewohnten Kulturkreis aufgeben und Gott gehorsam folgen,wo er sie hinstellt. Aber für uns andere daheimgebliebene stellt sich doch auch jeden Tag die Frage,was tun,um Gott gehorsam zu sein ? Da tut Ehrlichkeit not: Wieviel Wahrheit über mich selbst mute ich mir selber zu,wieviel Wahrheit kann und will ich ertragen ? Gott segne Euch,liebe LeserInnen ! Gruss Dorena

Von Inge W am .

Das Zeugnis dieser Schwester M. Prean, hat mich wiedermal sehr berührt, es zeigt mir, nicht das was Menschen sagen ist wichtig sondern was das Wort Gottes saget...oder auch nicht sagt.
Danke, das sie das in facebook gestellt haben.

Von Ute H am .

Vielen Dank für das Interview mit Maria Prean.Sehr bewegend und ermutigend!Ich habe Maria Prean kennengelernt auf einer Konferenz in Friederichshafen.da hat auch John Mulinde gesprochen aus Uganda.
Eine super Konferenz!!!Und auch wenn sie 13 Jahre her ist ,ich habe viel gelernt.
In diesem Jahr lernte ich, GOTT alles zu überlassen und alles loszulassen .Und Er führt mich ,ich habe keine Angst mehr und bin entspannt,trotz widriger Umstände ,weil ich weiß,alles soll mir zum Besten dienen.
In Jesu Liebe verbunden
Ute H

Von Rosemarie S am .

Guten Tag Frau Prean,
auf diesen mutmachenden Bericht Gott die Führung meines weiteren Lebensweges total zu überlassen, möchte ich mich ganz neu einlassen.
Ergänzend mit dem Schluss eines Taizé-Liedes:"...aber du weißt den Weg für mich.
Bin 65 Jahre alt.
Gottes Segen und Bewahrung für alles, was er noch mit Ihnen vorhat wünscht
im Glauben verbunden
Rosemarie S
aus Niedersachsen

Von Elke S am .

Sehr schön, ich war mit einer Freundin bei einer unvergesslichen Veranstaltung. Frau Prean hat mir Mut gemacht, los zu lassen und mein Leben täglich neu Gott anzuvertrauen und mich ganz auf Ihn zu verlassen. Viel Schweres und fast Untragbares will meinen Blick trüben, mir den Glauben nehmen, aber ihre Botschaften und Zeugnisse haben mich sehr aufgebaut. Ich danke unserem Herrn für Ihren Glauben und Hingabe. Ich freue mich schon auf eine weitere Begegnung.

Von Roesger am .

Eine tolle Frau! Eine gute Dshadsha!
Respekt und Gottes Segen.