Sind wir nicht alle ein bisschen Luther?
Das Internet-Projekt offene-bibel.de will eine moderne, frei verfügbare, wissenschaftlich fundierte Bibelübersetzung erstellen - bei der alle mitmachen dürfen.
Das ökumenische Internet-Projekt offene-bibel.de will eine moderne, frei verfügbare, wissenschaftlich fundierte Bibelübersetzung erstellen - bei der alle mitmachen dürfen. Wie das gehen soll, erklärt Wolfgang Loest, Mitbegründer des Projekts, im Interview.
ERF.de: Was genau ist die "Offene Bibel"?
Wolfgan Loest: Die Offene Bibel ist ein ökumenisches Projekt mit dem Ziel einer modernen deutschsprachigen Bibelübersetzung, die unter einer freien Lizenz steht. Auf lange Sicht sollen zwei Textfassungen unserer Übersetzung entstehen: Einerseits eine Studienfassung, die so nah wie möglich am Satzbau des Urtextes ist und im Zweifelsfall mehrere Übersetzungsmöglichkeiten nebeneinander bietet, andererseits eine Lesefassung, die ein gut lesbarer Text in modernem Deutsch sein wird.
Wie ist die Idee entstanden?
Loest: Auf dem Kirchentag in Bremen (Mai 2009) entstand bei einem Gespräch zwischen einem katholischen Pastoralreferenten und einem evangelischen Theologiestudenten die Idee. Beide hatten die Erfahrung gemacht, dass es in der praktischen, kirchlichen Arbeit oft problematisch ist, wenn moderne Bibelübersetzungen nicht frei verfügbar und frei verwendbar sind.
Gibt es nicht schon genügend Übersetzungen?
Loest: In der Tat gibt es schon mehrere deutsche Bibelübersetzungen, leider jedoch keine, die sowohl mit einer wissenschaftlichen Ausrichtung entstanden ist, als auch unter einer freien Lizenz steht und damit problemlos nutzbar wäre: Möchte man beispielsweise eine Übersetzung für einen Bibelleseplan oder ein Handyprogramm verwenden, muss man strikte Lizenzen beachten und in den meisten Fällen dafür bezahlen. Wir haben ein gewisses Verständnis dafür, dass Bibelgesellschaften und Verlage ihre Ausgaben decken
müssen und ihre Übersetzungen darum unter restriktive Lizenzen stellen. Genau hier greift das Konzept der Offenen Bibel. Wir haben es uns als Ziel gesetzt, eine freie deutsche Bibelübersetzung zu erstellen, die zu jedem Zweck genutzt werden darf, solange sie nicht verfälscht wird. Unsere Ergebnisse stehen unter einer Lizenz, mit der sie beliebig vervielfältigt, verbreitet und öffentlich zugänglich gemacht werden dürfen, solange angegeben ist, dass sie von uns stammen. (Diese Lizenz heißt "Creative Common -
Attribution-Share Alike 3.0 Unported".) Wir liefern also eine Übersetzung, die auf neuen Wegen noch mehr Menschen erreichen kann.
Was ist das Besondere an dem Projekt "offene-bibel.de"?
Loest: Neben der oben angesprochenen freien Lizenz ist es vor allem die Arbeitsform, in der die Offene Bibel entsteht. Normalerweise arbeiten wenige, bezahlte Theologinnen und Theologen an einer Bibelübersetzung. Bei der Offenen Bibel arbeiten viele verschiedene Menschen unterschiedlicher Konfessionen an den Übersetzungen. Jede Christin und jeder Christ kann eine Textpassage in der Lesefassung so umformulieren, dass sie verständlicher wird. So gewährleisten wir die Lesbarkeit der Lesefassung für eine breite
Leserschaft. Diese gemeinschaftliche Arbeitsform auf freiwilliger, unbezahlter Basis bringt die größtmögliche Identifikation mit dieser Bibelübersetzung und kann so auch der Bibel distanziert gegenüberstehende Menschen ansprechen.
Wer kann mitmachen?
Loest: Im ersten Schritt alle Sprachkundigen, denn die Studienfassung wird komplett neu aus den wissenschaftlich edierten Urtexten übersetzt, so dass hier nur diejenigen mithelfen können, die die biblischen Ursprachen beherrschen. Hier sind also vor allem Theologinnen und Theologen und Philologinnen und Philologen gefragt. Gerade Theologiestudierende übersetzen im Laufe ihres Studiums immer wieder Bibeltexte, die sie hier einbringen können. Im zweiten Schritt, der Lesefassung, können dann in der Tat alle Interessierten helfen, den Text der Studienfassung in ein gutes, aktuelles Deutsch zu übertragen und die Lesefassung weiter zu verbessern und aktuell zu halten. Neben der Übersetzung und Übertragung gibt es allerdings auch andere Aufgaben, bei denen wir Hilfe brauchen: etwa administrative Aufgaben, aber auch Werbung etc.
Nicht jeder, der des Hebräischen oder Griechischen mächtig ist, ist auch wirklich gut im Übersetzen. Wer kontrolliert letztlich die Qualität der Übersetzung?
Loest: Einerseits können die Übersetzer sich untereinander im Forum beraten, andererseits gibt es schon jetzt sogenannte Buchpaten, die über die Qualität der Übersetzungen wachen. Solche Paten sind wissenschaftlich ausgebildet und arbeiten meist an den Universitäten. Für diese Aufgabe suchen wir im Moment allerdings noch weitere qualifizierte Freiwillige.
Wie kann man sicher gehen, dass in einem Wiki-Projekt sich nicht einfach nur die lauteste Meinung durchsetzt, sondern diejenige, die dem Text wirklich gerecht wird?
Loest: In unseren Übersetzungskriterien verpflichten wir uns selbst dazu, jeweils den wissenschaftlichen Erkenntnisstand zu berücksichtigen. Dies wird auch in eventuellen Streitfällen unser Kriterium sein. Bei der Studienfassung soll jede sinnvolle Übersetzungsmöglichkeit berücksichtigt werden, was zu einer geringen Zahl von echten Konflikten führen wird. Bei der Lesefassung haben wir die Idee, bei Streitfragen Schlichtungsteams einzusetzen, die zwischen den Parteien vermitteln. Die eben erwähnten Buchpaten werden unter anderem Mitglieder dieser Schlichtungsteams sein und als Anwälte des Urtextes auftreten, denn auch in der Lesefassung wollen wir die wissenschaftliche Grundausrichtung beibehalten. Bis jetzt arbeiten allerdings schon Mitglieder vieler verschiedener Konfessionen und Frömmigkeitsrichtungen problemlos zusammen: Meinungsverschiedenheiten werden sachlich diskutiert und gemeinsam gute
Lösungen gefunden.
Bis wann hoffen Sie, das Projekt abgeschlossen zu haben?
Loest: Hoffentlich nie. Die Studienfassung wird zwar vermutlich irgendwann soweit fertig sein, dass kein oder kaum noch Verbesserungsbedarf besteht, aber die Lesefassung soll immer wieder überprüft und verbessert werden. Durch die technischen Möglichkeiten können die Texte kontinuierlich gesichtet und abgezeichnet werden, sodass Veränderungen nicht direkt sichtbar werden (das gleiche Prinzip benutzt auch Wikipedia bei besonders wichtigen Seiten). Durch diese ständigen Verbesserungen kann unsere Lesefassung auch über Jahre hinweg modern "bleiben", ohne dass sie, wie beispielsweise die LutherÜbersetzung, nach einigen Jahrzehnten komplett neu bearbeitet werden muss. Zurzeit befindet sich die Offene Bibel allerdings noch in der Anfangsphase, so dass noch wichtige Weichenstellungen vor uns liegen und wir nicht einmal den zeitlichen Aufwand für die Studienfassung einschätzen können. Fest steht aber, dass wir zu diesem Zeitpunkt jede helfende Hand brauchen können.
(Foto: offene-bibel.de)
Weitere Informationen unter: www.offene-bibel.de
Autor: Die Fragen stellte Michael Gerster
Leserbrief zu diesem Beitrag
- Von Ben am 07.02.2010, 15:34 Uhr.
- @farkas: Gebet und ein offenes Ohr für den Heiligen Geist braucht die Offene Bibel natürlich ganz besonders. Aber das ist ein ganz anderes paar Schuhe, als wissenschaftliche Übersetzungsmethoden.
Warum sind Christen immer so negativ und kritisch? Da tun sich welche zusammen und engagieren sich, gründen ein Projekt und stecken viel Arbeit rein - und hier fängt gleich mal eine Diskussion über die (wohl mangelnde) Leitung des Heiligen Geistes und sowieso zu erwartende Fehler in Bibelübersetzungen an.
Da die Offene Bibel offen für alle ist, seid ihr alle gerne eingeladen, um die Arbeit zu begutachten oder für uns zu beten.
Gottes Segen,
Ben - Von Schmitz Paul am 03.09.2009, 10:31 Uhr.
- Eine sehr gute Sache !das Übersetzungsfehler vorhanden sind ist wohl offensichtlich, Gudrun schreibt über Prof. Dr Ruth Lapide , die ich auch sehr schätze , aber eben auch Jüdin ist. Sie beschönt od. bereinigt einige Texte nach Ihrer Auffassung ?Eine Neubearbeitung mit Hilfe von mehreren Sprachwissenschaftlern kann also nur begrüßt werden, eben keine einfache Aufgabe.Martin Luther hat das Beste gegeben, konnte aber von einiegen Helfern abgesehen , bei der Übersetzungsarbeit auf der Warthburg nur auf alte Schriften zurückgreifen.
- Von Gudrun am 23.08.2009, 17:19 Uhr.
- Infaltion, Inflation! Da lob ich mir Sendungen mit Frau Prof. Dr. Ruth Lapide (juedische Religionswissenschaftlerin), die dazu klar Stellung bezogen hat und diejenigen Uebersetzungen mit den wenigsten Fehlern kennt.
- Von farkas am 21.08.2009, 8:01 Uhr.
- "In unseren Übersetzungskriterien verpflichten wir uns selbst dazu, jeweils den wissenschaftlichen Erkenntnisstand zu berücksichtigen"
Habe ich ein grosses Problem damit. Sage ich ganz ehrlich. Ich hätte viel lieber folgenden Satz gelesen: In unseren Übersetzungskriterien halten wir uns an die Weisungen des Heiligen Geistes und beten beständig dafür, dass Gott unser Werk segnet. Apropos, wer nur "anonym" die Bibel online lesen will, kann das schon lange tun. Es gibt unzählige Onlinebibel, die für die private Nutzung völlig frei sind.
mfg
Farkas - Von Angelika am 20.08.2009, 9:53 Uhr.
- Ich finde das was sie vorhaben eine wunderbare Sache vielleicht nutzen dann mehr internet Nutzer das Bibellesen nur um anonym mal reinzusehen und können mehr davon verstehen


