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Wahl 09

„Es fehlt an Entscheidungskraft und Werten!“

Die südlichen Kirchen haben sich an die Christen Deutschlands vor der Wahl gewandt. ERF.de hat bei der Initiatorin des Schreibens nachgehakt.

Im Juli dieses Jahres fand ein internationales Treffen der Micha-Initiative statt. Hier entstand die Idee, einen Brief an die Christen in Deutschland zu schreiben, um sie auf ihre weltweite Verantwortung bei den bevorstehenden Bundestagswahlen hinzuweisen. 40 führende Theologen, Kirchenleiter und Leiter christlicher Organisationen aus 20 Entwicklungsländern unterzeichneten den Brief. ERF.de hat bei der Initiatorin des Schreibens, Érika Izquierdo aus Peru, nachgehakt.

 

ERF.de: Frau Izquierdo, wie sind Sie auf die Idee gekommen, diesen „Brief aus dem Süden“ zu schreiben?

Érika Izquierdo: Die Micha-Initiative ist eine globale Bewegung, die versucht eine prophetische Stimme im Kampf gegen die Armut zu erheben. Der “Brief aus dem Süden” ist ein Versuch, der innerhalb dieser globalen Bewegung enstanden ist. Er soll auf die konkrete Umsetzung der Solidarität und der Gerechtigkeit zwischen den Glaubensgemeinschaften des Nordens und des Südens hinweisen und dafür sensibilisieren.

ERF.de: Warum haben Sie die Form der Sendschreiben aus der Offenbarung gewählt – ist das nicht ein wenig anmaßend?

Érika Izquierdo: Johannes von Patmos sendet im Namen des Herrn Briefe an jede der sieben Gemeinden in Kleinasien. Er macht das mit Zuneigung und mit der Kenntnis ihren speziellen Situation. Trotzdem ist die Botschaft an jede Gemeinde in einer allgemein verständlichen Form, die uns noch heute beeindruckt und zu uns spricht. Es ist eine prophetische Sprache. Das regt zum Nachdenken an. Kritik, Forderungen und Hoffnung gehören zur prophetischen Sprache.

In den Briefen an diese sieben Kirchen zögert Johannes nicht zu zeigen, wie tiefgehend er über die Kämpfe der jeweiligen Gemeinde Bescheid weiß. Genauso wenig zögert er, die politischen und wirtschaftlichen Ungerechtigkeiten anzuprangern, mit denen sich das römische Reich die eroberten Nationen unterwirft. Der prophetische Ruf ist eine Art, Mission zu betreiben und dieser Ruf kann in seiner Sprache und in seinem Inhalt in der Tat hart und ein wenig anmaßend klingen.
 

ERF.de: Sie wenden sich gegen ungerechte Strukturen, die eine Verbesserung der politischen, sozialen und wirtschaftlichen Situation verhindern. Welche sind das, z. B. in Peru?

Érika Izquierdo: In Peru, wie auch im Rest Lateinamerikas, ist unsere größte Herausforderung, dass wir die Armut sichtbar machen. Auf unserem Kontinent ist der Reichtum am ungleichmäßigsten verteilt. Und die persönlichen Schicksale, die hinter den offiziellen Daten stehen, werden erst gar nicht bekannt: Die Gesundheits- und Bildungssysteme für die Ureinwohner sind unterfinanziert oder nicht existent. In den Armutsgürteln der Städte gibt es kein Trinkwasser. Es gibt Menschenhandel, die rechtsprechenden und gesetzgebenden Instanzen sind korrupt.

Es gibt eine wachsende Abholzung und Verlust der Artenvielfalt, die unsere Lebensfähigkeit in der Zukunft beeinflusst. Auch der Klimawandel ist eine der größten Bedrohungen. In Peru macht er sich durch die Gletscherschmelze und die Veränderung der Regenzeiten bemerkbar. Eine Situation, die einen ernsthaften Einfluss auf die Landwirschaft nehmen wird. Nach einer Studie des Tyndall Centre for Climate Change Research / England wird Peru als das Land betrachtet, das nach Bangladesch und Honduras weltweit am drittstärksten unter dem Unheil des Klimawandels zu leiden hat.
 

ERF.de: Wie könnten diese Strukturen zerstört werden?

Érika Izquierdo: Wir müssen damit anfangen, auf eine verständlichere Art und Weise darüber zu sprechen, wie man mitmenschlich sein kann – und das auch leben. Wir brauchendie politische Mitmenschlichkeit, von der der spanische Theologe Juan Simarre gesprochen hat. Diese Mitmenschlichkeit bedeutet, dass man den Nächsten liebt, indem man leidenschaftlich die Befreiung von ungerechten Strukturen anstrebt. Diese Form der Mitmenschlichkeit ist absolut notwendig. Denn die Armut zerstört das Leben von mehr als der Hälfte aller Menschen auf unserer Welt.

Wenn wir diese politsche Mitmenschlichkeit nicht ausüben, die die ungerechten Strukturen anklagt, würde das christliche Konzept der Nächstenliebe bloß eine einzelne Hilfeleistung bleiben. Das ist zwar gut und notwendig. Aber wir müssen sie mit Kritik ergänzen und mit der Absicht, die sozialen Strukturen, die einer solchen Armut und einem solchen Leid Raum geben, zu verändern und zu verbessern. Jeder von uns übernimmt eine Rolle angesichts dieser ungerechten Strukturen. Die kann von Gleichgültigkeit bis hin zum Engagement reichen. Das Streben nach Gerechtigkeit ist aber vielleicht der authentischste Ausdruck der Treue Gottes und seines Evangeliums des Lebens im Überfluss.

Wenn wir das Evangelium nicht auch fühlen und erfahren können, verliert es seine Identität, es wird entkräftet, nicht mehr wahrgenommen. Die Glaubensgemeinschaften sind dazu aufgerufen, eine wahre Hoffnung zu verkünden. In diesem Zusammenhang ist es die wichtigste Aufgabe von Christen, das Leben der Menschen humaner und würdevoller zu machen.


ERF.de: Sie fordern dazu auf, auf unsere Politiker in Deutschland Einfluss zu nehmen. Wie stellen Sie sich das vor?

Érika Izquierdo: Deutschland hat sich traditionell schon immer politisch und solidarisch für ein würdiges Leben der Menschen im Süden eingesetzt – für Frieden, Zusammenarbeit und Kampf gegen Armut. Wir glauben, dass Deutschland das macht, weil es von der Notwendigkeit überzeugt ist, dass man alle Länder in ihrer Entwicklung fördern muss, um die Zukunft der Welt zu sichern.

Dennoch stirbt auf dieser Welt alle drei Sekunden ein Kind aufgrund extremer Armut. Die Entwicklungshilfe wird aber reduziert und die Zusagen, die Armut zu bekämpfen, sind weit entfernt von den Zielen, die für das Jahr 2015 angepeilt waren. Wir im Süden haben den Eindruck, dass es den Geberländern an politischer Entscheidungskraft und Werten fehlt. Obwohl sie bei vielen Anlässen ihre Absicht wiederholt haben, 0,7 % des Bruttosozialproduktes für die Entwicklungshilfe zu verwenden, haben sie ihre Versprechen meist nicht eingehalten. Deshalb glauben wir, dass Deutschland, im Hinblick auf die künftige neue Regierung, seinen Verpflichtungen voll und ganz nachkommen sollte. Dementsprechend sollte man wählen. Schließlich befinden wir uns in einer Zeit mit wirklich dringenden Anliegen für alle Menschen weltweit.
 

ERF.de: Sie betonen auch die Möglichkeiten bürgerschaftlichen Engagements. Was verstehen Sie darunter?

Érika Izquierdo: Bürgerliches Engagement bedeutet, sich für die Veränderung unserer Umwelt und der Bedingungen einzusetzen, in denen die Menschen auf dieser Welt leben. In unserem Falle, als Christen, ist diese Verpflichtung ein unüberhörbarer Ruf, der uns durch unsere Begegnung mit einem Gott erreicht, der gekommen ist, um die ganze Schöpfung miteinander zu versöhnen. Deshalb hat die Verkündigung des Evangeliums etwas mit einem solidarischen Lebensstil zu tun.

Aus diesem Lebensstil erwächst die Bereitschaft, uns zu beteiligen, indem wir unsere politischen Überzeugungen vertreten, uns bei Bürgerprojekten beteiligen und Rechenschaft dafür verlangen, wie die Pläne unserer Regierungen umgesetzt werden. Bürger zu sein, heißt nicht nur, an einem demokratischen Event – der Ausübung des Wahlvorgangs – teilzunehmen. Das bedeutet auch, dass wir der Hoffnung in unserem Leben Ausdruck verleihen, die durch die Kraft der Liebe Gottes genährt wird. Nur sie ermöglicht es uns, Tag für Tag solidarisch zu leben.
 

ERF.de: Die Probleme, die Sie ansprechen, sind globale Probleme. Was kann Deutschland alleine ausrichten?

Érika Izquierdo: Deutschland gehört zu den wichtigsten Gremien, in denen die Führer der mächtigsten Länder der Welt miteinander reden. Deshalb ist die politische Stimme Deutschlands besonders wichtig. Sie muss sich erheben und Stellung zu Themen wie Klimawandel und dessen Auswirkung beziehen. Deutschland kann die treibende Kraft sein, den Bedürfnissen der Menschen im Norden und im Süden Gehör zu verschaffen.

Die Themen, die direkt angesprochen werden sollten, sind vielfältig. Eingeleitet werden könnten sie aber durch die Formulierung und Einhaltung eines konkreten Zeitrahmens für Entwicklungshilfe. Gleichzeitig sollte mit der Bekämpfung der wirtschaftlichen Herausforderungen der Länder begonnen werden, die diese Hilfe erhalten, und die sich aufgrund ihres jeweils spezifischen Umfelds gezwungen sehen, ihre eigenen Mittel im Kampf gegen die Armut zu reduzieren.

Ein weiterer wichtiger Punkt bei den globalen Themen ist, dass Deutschland die Konvention der Vereinten Nationen gegen Korruption (CNUCC) annehmen und unterzeichnen sollte, mit allem, was diese für die globalen Rechtsbeziehungen beinhaltet. Wir im Süden fordern Sie auf, dies so schnell wie möglich zu tun.

Wir sind uns aber bewusst, dass eine grundlegende Entwicklung und eine Befreiung der Menschen von Armut nicht nur von den Anstrengungen der Länder des Nordens abhängen kann. Finanzielle Ressourcen können auch in den sich entwickelnden Ländern mobilisiert werden. Im Allgemeinen kann man sagen, dass eine Verbesserung der Situation der Armen durch eine Mobilisierung von wirkungsvollen und ausreichenden finanziellen Mitteln erreicht werden kann und eine glaubwürdige und koordinierte Zusammenarbeit der Entwicklungspolitik auf globaler Ebene erfordert.

ERF.de: Herzlichen Dank!

 

Link: www.micha-initiative.de

Bild: sxc.hu / Auroqueiro

Autor: Die Fragen stellte Joachim Bär


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Leserbrief zu diesem Beitrag

Von Petra Krafft am 05.10.2009, 10:02 Uhr.
Ich stimme meiner Vorgängerin bei:Mitmenschlichkeit setzt voraus "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. deshalb sollten wir, die wir Christen sind diesen Brief, Sendschreiben an die Menschen richten die der Kirche den Rücken zukehren. denn die Christen so hoffe ich doch, nehmen bzw.nahmen Ihre Wahlpflicht ernst und gingen zur Wahl.
Von Sabine am 26.09.2009, 12:33 Uhr.
"Diese Mitmenschlichkeit bedeutet, dass man den Nächsten liebt"....
Diese Mitmenschlichkeit, die den Nächsten - also wirklich den mir am Nächsten: Nachbarn, Nebensitzer im Bus, der mir begegnet auf der Strasse......, meint, ist doch selbst in Deutschland schon lange mehr oder weniger verlorengegangen. Leider.....!
Von Norbert Hanschke am 25.09.2009, 10:20 Uhr.
Tja, welche Partei soll man denn wählen?
Die CDU ist nicht cristlich;
SPD nicht mehr sozial,
die FDP ist für Reiche;
die Grünen sind gegen Christen und der Rest erübrigt sich!