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Über den Autor

Alex Nussbaumer
- geboren 1950, verheiratet, 4 Kinder
- Mathematikstudium, 12 Jahre Gymnasiallehrer
- Theologiestudium
- zuerst 5 Jahre Pfarrer im Kanton Graubünden
- seit 1993 Pfarrer der Evangelisch-reformierten Kirchgemeinde Uster (ZH-CH)
- Autor des Buches "Hoffnung trotz allem" (Blaukreuz-Verlag)

"Das Pestlied" von Huldrych Zwingli


Bibelstelle:

Datum: 12.12.2002

Anlass: Reformationstag

Charakter: dogmatisch/lehrhaft

Stil: Themenpredigt

Umfang: Volltext

Im Anfang der Krankheit (Strophen 1 bis 3)
Inmitten der Krankheit (Strophen 4 bis 6)
In der Besserung (Strophen 7 bis 9)

Hilf, Herr Gott, hilf
in dieser Not;
an meine Tür klopft an
der Tod.
Steh du mir bei
zu dieser Frist,
Herr Jesu Christ,
der du des Todes
Sieger bist.
Ist es dein Will,
zieh aus den Pfeil,
der mich verwundet;
hilf und heil.
Rufst du
zu frühem Tode mich,
dein Krug bin ich.
Mach ganz ihn
oder ihn zerbrich.
Nimmst du den Geist
von dieser Erd,
tust du's,
dass er nicht böser werd,
dass er verführ
den Nächsten nicht
von seiner Pflicht,
von frommer Sitt
und Zuversicht.
Tröst, Herr Gott, tröst,
die Krankheit steigt,
und Seel und Leib dem
Schmerz sich beugt.
Nach deiner Gnad
steht mein Begehr;
zu mir dich kehr;
denn ausser dir ist Hilf nicht mehr.
Hin rinnt mein Leben,
es ist um.
Still wird es bald,
mein Mund ist stumm,
mag nicht mehr stammeln
nur ein Wort;
die Kraft ist fort,
all meine Sinne
sind verdorrt.
Darum, o Herr, ist's hohe Zeit;
führ du nun selber meinen Streit.
Ich bin gar schwach;
du stärke mich;
fest halt ich dich,
wie grimm der Feind
auch stelle sich.
Gesund, Herr Gott,
ich bin gesund.
Es preiset dich mein Herz
und Mund.
Ins Leben wiederum
ich kehr;
dein Lob und Lehr
will ich verkünden
immer mehr.
Wie es auch geh,
dein ist mein Herz,
bis einst mich trifft
des Todes Schmerz.
Wohl muss ich einmal
ihn bestehn
mit schweren Wehn
vielleicht als jetzt
mir wär geschehn.
Doch trag ich
Feindes Hohn und Trutz
getrost, Herr,
unter deinem Schutz.
Du hast die Kraft
mir angefacht.
Dein ist die Macht,
und ohne dich
wird nichts vollbracht.

Von 1516 bis 1518 war Huldrych Zwingli Priester in Einsiedeln. Sein Amt liess ihm wenig freie Zeit. In den knappen freien Stunden widmete er sich vor allem dem Studium der Bibel. Schon nach kurzer Zeit des Wirkens in Einsiedeln wurde Zwingli als Priester an das Grossmünster in Zürich gewählt. Er trat sein neues Amt am 1. Januar 1519 an.
Er brach mit einer Tradition, die für jeden Sonntag einen bestimmten Predigttext vorschrieb. Er begann, ganze biblische Bücher der Reihe nach auszulegen (sogenannte lectio contiua). Seine erste Predigt hielt er über den Stammbaum Jesu am Anfang des Matthäusevangeliums (Matthäus 1,1-17).
Im Sommer 1519 brach in Zürich die Pest aus. Zwingli war gerade in einem Erholungsaufenthalt in Bad Pfäfers. Sofort kehrte er in die Stadt zurück. Er kümmerte sich um die Erkrankten und Sterbenden. Da wurde er selber von der Seuche ergriffen. Beinahe hätte sie ihn das Leben gekostet. Nach der Genesung dichtete er das bekannt gewordene Pestlied und schuf dazu auch die Melodie.
Das Pestlied hat dreimal drei Strophen. Die ersten drei sind überschrieben mit "Im Anfang der Krankheit", die zweiten drei mit "Inmitten der Krankheit" und die letzten drei mit "In der Besserung".
Vor knapp fünfhundert Jahren tönte die hiessige Sprache noch etwas anders als heute. Bevor wir die ersten drei Strophen singen, gebe ich sie im Originalton wieder:

Hilff, herr gott, hilff in diser not!
Ich mein, der tod sey an der thür.
Stand, Christe, für;
dann du in überwunden hast!
Zuo dir ich gilff:
Ist es dein Will, züch uss den pfyl,
der mich verwundt!
Nit lasst ein stund
mich haben weder ruow noch rast!
Wilt du dann glych tod haben mich
in mitz der tagen min,
so sol es willig sin.
Thuo, wie du wilt;
mich nüt befilt.
Din haf bin ich.
Mach gantz ald brich;
dann nimpst mich hin
der geiste min von diser Erd,
thuost du's, dass er nit böser werd,
ald anderen nit
befleck ir läben fromm und sit.

Wir hören hier einen Christen des Mittelalters, der in einer notvollen Lebenslage ist. Einiges von dem, was er sagt, kommt uns bekannt vor, anderes ist uns - wenn wir ehrlich sind - recht fremd.
Ich sagte vorhin, Zwingli habe sich intensiv mit der Bibel beschäftigt. Das kommt ihm jetzt, in seiner Krise, zu gute. Sein Denken ist durchtränkt mit dem Wort Gottes. Er spricht ganz in der biblischen Tradition, wenn er in seiner Not zu Gott schreit und um seinen Beistand fleht. Ein Psalmbeter im Alten Testament betet:
Verbirg dein Antlitz nicht vor mir! Wenn ich in Not bin, wende dein Ohr mir zu! Wenn ich dich anrufe, erhöre mich bald! (Psalm 102,3)
Zwingli zeigt sich völlig in den Willen Gottes ergeben, auch wenn er früh sterben sollte. Auch dies hat er in der Bibel gefunden, am eindrücklichsten bei Jesus Christus, der vor seinem Kreuzestod betet:
Vater, wenn du willst, nimm diesen Leidenskelch von mir! Aber nicht mein, sondern dein Wille soll geschehen. (Lukas 22,42)
Einen Leidenskelch zu akzeptieren liegt uns Menschen des 21. Jahrhunderts sehr fern. Im Mittelalter war der Tod allgegenwärtig. Viele Kinder wurden nicht erwachsen, weil sie vorher starben. Eine Pestepidemie z.B. konnte zehn oder mehr Prozent der Bevölkerung einer Stadt dahinraffen. Die ursprüngliche Bedeutung des Wortes dezimieren ist: durch die Wirkung von Gewalt oder Krankheit um einen Zehntel verkleinern.
In unserer heutigen Gesellschaft ist der Umgang mit dem Tod sehr uneinheitlich. Auf der einen Seite gibt es auch ausserhalb des kirchlichen Bereichs Leute, die sich den Fragen rund im den Tod ganz bewusst stellen. Ich denke z.B. an Peter Noll. Er litt an Krebs. Es liess im Jahr 1999 ein Buch erscheinen unter dem Titel Diktate über Sterben und Tod. (Das Buch erschien im Pendo-Verlag Zürich. Die 1. Auflage ist vergriffen, eine Neuauflage ist in Vorbereitung).
Auf der anderen Seite wird bei uns der Gedanke an den Tod kollektiv verdrängt. Er begegnet vielen unvorbereitet und macht sie fassungslos. Ich sprach schon mit mehreren alten Menschen, die nicht bereit sind, bzw. waren, sich Gedanken über ihren Tod zu machen.
Zwingli hat eine Erklärung für den frühen Tod bereit, den er auf sich zukommen sieht: Wenn Gott mich sterben lässt, dann tut er es, damit ich meine Nächsten nicht dazu verführe, von ihren Verpflichtungen, der guten Sitte und der Zuversicht auf Gott abzuweichen. Ich weiss nicht, wie er auf diesen Gedanken gekommen ist. Ich traue ihm zu, dass das Gegenteil seine Absicht gewesen ist.
In der Bibel kommen auch Menschen zu Wort, die sich gegen den Willen Gottes auflehnen. Hiob macht Gott heftige Vorwürfe:
Ich schreie zu dir, und du erwiderst mir nicht; ich stehe da, doch du achtest nicht auf mich. Du wandelst dich zum grausamen Feind gegen mich, mit deiner starken Hand befehdest du mich. (Hiob 30, 20 und 21)
In der Bibel gibt es beides angesichts des Leidens: Die Ergebenheit und die Auflehnung. Die Bibel zeigt uns auch Menschen mit ungelösten Lebensfragen. Entscheidend ist, dass wir vor Gott stehen bleiben und uns nicht von ihm abwenden. Hiob sagt:
Gott wird mich töten, ich halte es nicht aus; doch erst will ich vor ihm mein Recht behaupten. (Hiob 13,15)
Mit anderen Worten: Ich verstehe Gott nicht, aber ich bleibe vor ihm stehen.
Zwingli wurde durch seine Lebenskrise in die Nähe Gottes getrieben. Das ist nicht zwangsläufig so.
Meinen Grossvater väterlicherseits kannte ich nur als alten Mann, der auf einem Lehnstuhl sass und sich zitternd erhob, wenn er uns bei einem Besuch begrüsste. Er trug einen mächtigen Schnauz. Mit diesem Schnurrbart hatte es eine geheimnissvolle Bewandtnis, verbarg er doch eine Narbe auf der Oberlippe. Die Geschichte dieser Narbe erzählte mein Grossvater nie. Er machte meinem Vater gegenüber bloss einmal Andeutungen: Er hatte während des ersten Weltkrieges auf der Seite Frankreichs gekämpft und war einmal in einem Zweikampf verwickelt gewesen. Dabei muss etwas Erschütterndes passiert sein, das wir nie erfuhren. Des Grossvaters Fazit war jedenfalls, dass es keinen Gott geben könne, der derart schreckliche Dinge zulasse, wie sie in einem Krieg geschehen.
Die Teilnahme an einem Krieg ist auch eine Lebenskrise. Die Krise meines Grossvaters trieb in von Gott weg, nicht auf ihn zu wie damals Zwingli.
Die Krise einer Krankheit ist derjenige Zeitraum, in dem sich entscheidet, auf welche Seite der Krankheitsverlauf kippt, Richtung Tod oder Richtung Genesung.
Eine Krankheitskrise ist auch eine Lebenskrise. Wer unmittelbar damit rechnen muss, dass sein Leben zu Ende geht, ergeht sich nicht mehr in irgenwelchen Spekulationen oder träumt irgendwelche Träume.
Krisis heisst ursprünglich Gericht, Urteil, Entscheidung. Wer in einer Krise ist, steht vor einer Entscheidung.
Durch die Krankheit wurde Zwingli im Tiefsten das bewusst, was mit einem schönen alten Wort gesagt als unsere Bresthaftigkeit bezeichnet wird. Wir Menschen sind hinfällige Wesen.
Zwinglis Krise hat ihn dazu geführt, dass er zum ersten Mal Gedanken übernahm, die für die Reformation ausschlaggebend waren:
Nach deiner Gnad steht mein Begehr;
zu mir dich kehr;
denn ausser dir ist Hilf nicht mehr.
Das sagt ein Mensch, der nicht mehr mit den eigenen Möglichkeiten rechnet, der seinen Stolz vor Gott ablegt und allein auf Gottes Hilfe vertraut.
Hier liegt ein Schlüssel der Reformation. Zwinglis Lebenskrise trieb ihn auf Gott zu, und zwar stand in der Folge seine Gottesbeziehung auf einer völlig neuen Grundlage. Zwingli ist durch seine Krise auf das gleiche gestossen wie kurz vor ihm Martin Luther in einer anders gelagerten Bedrängnis.
Die Grenzsituation im Leben zeigte Luther und Zwingli auf, wie wir Menschen grundsätzlich vor Gott stehen, auch ohne in einer Notlage zu stecken. Die beiden Reformatoren lernten, die Aussagen des 3. Kapitels des Römerbriefes mit neuen Augen zu lesen:
Kein Mensch kann vor Gott als gerecht bestehen. Alle haben den rechten Weg verlassen. Die ganze Menschheit ist vor Gott schuldig.
Das steht fest: Mit Taten, wie sie das Gesetz verlangt, kann kein Mensch vor Gott als gerecht bestehen. Durch das Gesetz lernen wir erst die ganze Macht der Sünde kennen.
Jetzt aber ist die Gerechtigkeit Gottes, nämlich seine rettende Treue, offenbar geworden: Er hat einen Weg zum Leben eröffnet, der nicht über das Gesetz führt. Dieser Weg besteht im Glauben, das heißt im Vertrauen auf das, was Gott durch Jesus Christus getan hat. Alle erfahren Gottes rettende Treue, die in diesem Glauben stehen. Alle sind schuldig geworden und haben den Anteil an Gottes Herrlichkeit verloren. Ganz unverdient, aus reiner Gnade, läßt Gott sie vor seinem Urteil als gerecht bestehen, aufgrund der Erlösung, die durch Jesus Christus geschehen ist.
Ihn hat Gott vor aller Welt als Sühnezeichen aufgerichtet. Durch sein Blut, das am Kreuz vergossen wurde, ist die Schuld getilgt. Das wird wirksam für alle, die es im Glauben annehmen. So erweist sich Gott als treu und gerecht und vergibt den Menschen in seiner großen Nachsicht die Verfehlungen, die sie bisher begangen haben. (aus Römer 3)
Die Schlüsselerkenntnis der Reformation ist, dass wir Menschen nicht durch unsere Leistungen vor Gott gerecht werden, sondern allein durch den Glauben. Es leuchtet ein, dass ein Mensch am Rand des Lebens, wo kaum mehr eine eigene Leistung möglich ist, dies eher erfasst als ein Mensch im Vollbesitz seiner Kräfte.
Das war schon zu biblischen Zeiten so. Randständige Menschen wie Kriminelle, Prostituierte, Bettler, Kranke usw. nahmen die Frohe Botschaft dankbar an. Menschen, die aus eigener Kraft nichts zu bieten hatten, nahmen Jesu Botschaft von der vergebenden Liebe Gottes freudig auf. Auf der anderen Seite neigten gerade Menschen, die sich um ein einwandfreies Leben bemühten dazu, stolz auf ihre eigenen Leistungen zu verweisen. Sie lehnten die Botschaft von der Erlösung ab. Dabei übersahen sie geflissentlich die dunklen Stellen auch in ihrem Leben.
Auch uns modernen Menschen fällt das Reformiert-Sein in diesem Sinn aus mehreren Gründen schwer:
Der erste Grund ist, dass wir in einer Leistungsgesellschaft leben. Der Mensch ist soviel wert, wie er leistet. Es gibt durchaus Zusammenhänge, wo dies richtig ist. Wenn ich mein Auto in die Garage bringe, dann brauche ich einen Fachmann, der das kann, was ich nicht könnte. Für seine Leistung wird er angemessen bezahlt. Unser ganzes Wirtschaftsleben läuft zu Recht nach diesem Grundsatz.
Fragwürdig wird die Sache, wenn wir das Leistungsprinzip auf das ganze Leben ausdehnen. Wer sich in einer Partnerschaft bewusst werden muss, dass er oder sie dem Partner, der Partnerin nur so viel wert ist, was er oder sie an Leistungen einbringt, der wird sich ausgenützt vorkommen. Liebesbeziehungen können nicht auf dem Leistungsprinzip basieren.
Die Mitte der Frohen Botschaft ist, dass Gott uns eine Liebesbeziehung zu sich selber anbietet. Deshalb hat er uns erschaffen. Und weil die Gottesbeziehung eine Liebesbeziehung sein will, kann nicht die Leistung deren Grundlage sein. Liebe ist nur echt, wenn sie umsonst angeboten wird. Das gilt zwischenmenschlich und erst recht bei Gott. Aus dem Römerbrief haben wir gehört, dass alle Gottes rettende Treue erfahren, die im Glauben daran stehen, was Gott durch Jesus Christus getan hat. Ein vertrauensvolles Ja zum Angebot Gottes in Jesus Christus ist das Entscheide in unserem Verhältnis zu Gott.
Uns modernen Menschen fällt das Reformiert-Sein im Sinn der Reformation auch noch aus einem anderen Grund schwer:
Luthers Schlüsselfrage war: Wie bekomme ich einen gnädigen Gott? Diese Fragestellung hat reichlich Staub angesetzt. Der moderne Mensch fühlt sich autonom. Er fühlt sich allenfalls vor seinem Gewissen verantwortlich, aber kaum vor einem Gott. Wenn er überhaupt nach Gott fragt, dann fragt er selten Wie bekomme ich einen gnädigen Gott? sondern eher: Wie bekommt Gott einen gnädigen Menschen? Er sieht sich nicht mehr als vor Gott verantwortlich, sondern setzt Gott auf die Anklagebank und fragt ihn: Wie kannst du all das Unglück zulassen?
Wir denken heute in psychologischen Kategorien. Da ist allenfalls von Schuldgefühlen die Rede, aber nicht von Schuld. Der Mensch wird als komplizierte psycho-somatische Maschine gesehen, die letztlich nicht für ihre Handlungen verantwortlich ist.
Ich hatte einmal eine Reihe von längeren Gesprächen mit einem Pfarrkollegen, der sich psychologisch weitergebildet hatte. Einmal kamen wir auf die Reformation zu sprechen. Ich fragte ihn: Wie hältst du es mit der Recht-fertigung des Sünders allein aus dem Glauben? Er schaute mich ziemlich konsterniert an und sagte darauf: Wir leben doch nicht mehr im sechzehnten Jahrhundert!
Das Bild, das die Bibel von uns Menschen zeichnet, legt sich quer zu dem, wie wir es von uns aus gerne hätten: Alle haben den rechten Weg verlassen. Die ganze Menschheit ist vor Gott schuldig.
Ich bin persönlich schuldig vor einem persönlichen Gott. Bevor wir die Frohe Botschaft verstehen können, müssen wir uns das eingestehen. Gutes und Böses zieht sich bis in den innersten Kern meines Wesens. Ich bin in vielem vor Gott und meinen Mitmenschen schuldig geworden. Ich kann mich nicht aus den eigenen Haaren aus dem Sumpf ziehen, auch mit dem besten Leben nicht.
Es braucht mindestens eine grundsätzliche Bereitschaft, mich als Wesen zu sehen, das auf Hilfe von aussen angewiesen ist. Erst wenn ich so weit bin, kann ich begreifen, was Gottes Vergebung bedeutet. Ich brauche Gottes vergebende Gnade. Erst wenn ich zumindest grundsätzlich bereit bin anzuerkennen, dass es eine mir übergeordnete Persönlichkeit gibt, vor der ich verantwortlich bin und der ich viel schuldig geblieben bin, erst dann kann ich zu begreifen anfangen, was es mit Gottes vergebender Liebe auf sich hat.
Ein Mensch, der sich für im Grunde gut hält, wird nie verstehen können, was am Kreuz von Golgatha geschehen ist. Dort hat Gott selber den ganzen Schmerz unserer Schuld, unserer Verkehrtheit, unserer Trennung von ihm, unserem Urquell, durchlitten. Solange ich mich auf den Standpunkt stelle, dass ich im Grunde schon recht bin, vergleichbar mit einem gesunden Apfel, der allenfalls ein paar braune Flecklein hat, solange wird das, was Jesus am Kreuz getan hat, als barer Unsinn erscheinen.
Wenn ich mich allerdings dazu durchringen kann, mich als vor Gott schuldig zu bekennen, dann erfasse ich umso grösser, was seine Liebe bedeutet, dann kann ich erleichtet aufatmen und zu Gott sagen: So gross, unverdient und unverdienbar ist deine Liebe! Jesus Christus, ich muss keinen Weg zum Vater im Himmel erkämpfen, DU BIST DER WEG.
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