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Interview mit Bill Hybels

"Es geht vor allem ums Herz"

Gute Jugendarbeit zu machen, ist herausfordernd. Tipps dazu von Willow Creek-Pastor Bill Hybels.

CrossChannel.de sprach für den Willow YouthPod mit Pastor Bill Hybels am Willow Creek Leitungskongress Karlsruhe (28.-30. Januar 2010) über das Thema Jugendarbeit und Mentoring.

CrossChannel.de: Bill, vielen Dank, dass Dir heute für uns Zeit genommen hast. Wir freuen uns, dass Du hier bist. Vorstellen muss man Dich eigentlich gar nicht. Die Leute kennen Dich. Du bist der Gründer von Willow Creek, einer der einflussreichsten Gemeinden in Amerika. Aber angefangen hast Du ja eigentlich mit Jugendarbeit. Lange, bevor ich überhaupt geboren wurde.

Bill Hybels: (lacht) So lang ist das schon her?

Manches bleibt unvergessen

CC.de: Ja! Erinnerst Du Dich noch an die verrückten Zeiten in Deiner Jugendarbeit, die Du einfach nur vergessen willst? Wie hast Du’s da durchgeschafft?

Hybels: Ja, mein absoluter Tiefpunkt in der Jugendarbeit war, als wir mit drei- oder vierhundert Kids auf eine Freizeit gefahren sind. Wir haben dafür ein Studentenwohnheim gemietet. Gott hatte auf der Freizeit eine Menge bewegt. Und am letzten Abend sagten wir zu den Jugendlichen: „Okay, ihr MÜSST um Mitternacht im Bett sein!“ Wir hatten nur leider nicht genügend Mitarbeiter. Die Kids waren außer Rand und Band! Wir sind ständig mit dem Aufzug hoch und runter gefahren, auf alle Etagen, um endlich für Ruhe zu sorgen. Mein Kumpel und ich standen also mal wieder im Aufzug, die Türen gingen auf – und da waren auf einmal drei oder vier Kids mit Wasserpistolen, voll bis oben hin mit Rasierschaum!! Die Jungs beschossen uns kräftig damit. Die Türen gingen wieder zu. Wir sahen uns an und sagten uns: „Wozu machen wir das eigentlich?! Das ist doch total irre!“ Das war für uns eine echte Bewährungsprobe! Man muss sich schon dazu berufen fühlen, denn das war einfach nur lächerlich!

CC.de: Du hast in den letzten 30 Jahren auch erlebt, wie sich Generationen und Dienste verändert haben. Doch während all dieser Zeit gab es Dinge, die immer gleich geblieben sind und gleich bleiben werden. Eins davon ist Mentoring. Wie wichtig findest Du es, Mentoring-Beziehungen in Gemeinden aufzubauen?

Hybels: Ja, ich habe im Laufe der Jahrzehnte Veränderungen und neue Ansätze im Dienst mitbekommen. Aber manche Dinge ändern sich nie! Jeder Jugendliche, den ich kenne, öffnet sich, wenn er merkt, dass er geliebt wird. Darum ist auch jeder junge Mitarbeiter an aufrichtigem Mentoring interessiert. Wenn du jemanden entdeckst, bei dem Führungsqualitäten oder das Potenzial dazu vorhanden sind, kannst du sagen: „Ich glaube an dich, und wenn du einverstanden bist, dann investiere ich in dich. Ich bete für dich. Wir können uns über deine Potenziale unterhalten. Wir können dir verantwortlichere Positionen geben und dich coachen, damit du besser wirst.“ Es ist mir noch nie passiert, dass ein junger Mitarbeiter das abgelehnt, oder es für eine schlechte Idee hält.

Jeder braucht eine Gemeinde

CC.de: Es gibt ja einige Jugendliche, die Gott zwar lieben und an Jesus glauben, sich dann aber trotzdem von der Gemeinde abwenden. Was würdest du jungen Leuten zur Bedeutung von Ortsgemeinde sagen?

Hybels: Zuerst würde ich sagen: Sie haben vielleicht einen guten Grund, um sich von ihrer Gemeinde abzuwenden. Ich selber hätte es in der Gemeinde meiner Jugend auch fast nicht mehr ausgehalten. Als ich diese Gemeinde verließ, tat ich das aus Gründen der Integrität. Kurz gesagt: Ich musste wieder zurück zur Gemeinde finden. Jeder braucht eine Gemeinde. Egal, wie alt du bist. Ob zwei Monate oder achtzig Jahre – Gott hat uns dazu geschaffen, in Gemeinschaft mit anderen Menschen zu leben. Diese Gemeinschaften wurden in der Bibel genau beschrieben: Es sollen Versammlungen mit Leitern sein, die von Gott für diese Aufgabe befähigt worden sind und sich von Gott gebrauchen lassen. Es soll Anbetung und Gemeinschaft geben, Bedürfnisse sollen gestillt werden – so werden Glaubensgemeinschaften im Neuen Testament dargestellt.

Wenn ein Jugendlicher nun also schlechte Erfahrungen in einer Gemeinde gemacht hat, dann würde ich sagen: Gib Gemeinde als solche nicht auf! Such dir eine Gemeinde in deiner Nähe, die eher dem entspricht, was im Neuen Testament beschrieben wird. Wenn du keine solche Gemeinde finden kannst, würde ich sogar raten: Trommel ein paar Leute zusammen und gründe selbst eine! Keine Ortsgemeinde zu haben ist keine Option für einen ernsthaften Christen, egal welchen Alters.

CC.de: Wir wissen, dass es bei Willow Creek immer darum ging, die Kirchendistanzierten zu erreichen. Was ist bei Evangelisation am Wichtigsten?

Hybels: Es geht vor allem ums Herz. Mit bestimmten Techniken oder Methoden hat das nur sehr wenig zu tun. Wenn deine Beziehung zu Gott eng genug ist, um ein Herz für Menschen zu haben, die ihn nicht kennen. Dann kannst du ihnen Christus auf allen möglichen und unmöglichen Wegen näher bringen. Und zwar, weil sie nicht an deiner Überzeugung zweifeln. Sie spüren, dass Du sie liebst und sie Dir wichtig sind.

Von Jesus erzählen

CC.de: Oft sagen uns Jugendliche, dass sie sich nicht trauen, anderen von ihrem Glauben zu erzählen. Niemand will abgewiesen werden. Geht dieses Angstgefühl mit der Zeit weg?

Hybels: Ich erzähle nun schon seit über 40 Jahren von meinem Glauben und ich muss zugeben: Wenn ich jemanden dazu herausfordere, sein Leben wirklich Gott zu übergeben, dann kann es immer noch vorkommen, dass ich Herzklopfen bekomme. Manchmal erscheint mir das Risiko so hoch wie bei einer Hirn-OP – ich will’s einfach nicht vermasseln!
Kurz bevor ich zu diesem Interview gekommen bin, habe ich eine Mail von einem Geschäftsfreund bekommen. Ich versuche wohl schon seit … (überlegt kurz) … fünf Jahren, ihn zu Jesus zu führen. Er ist mit einem jüdischen Hintergrund aufgewachsen. Letztens hatte ich die Gelegenheit, mal richtig mit ihm über Jesus zu reden. Und ich hatte weiche Knie, denn dieser Mann liegt mir sehr am Herzen!

Ich weiß, was auf dem Spiel steht, wenn man von Jesus erzählt. Wenn mir jemand gesteht, dass er Angst davor hat, dann sage ich: ,Willkommen im Club!“ Aber ich denke, das ist bei Evangelisation ganz normal. Du wirst lernen, damit umzugehen und dich durchzubeißen. Und Du wirst lernen, auf Gott zu vertrauen, auch wenn Du weiche Knie hast.

CC.de: Welchen Rat würdest Du als leitender Pastor geben, wenn ein Jugendpastor, die volle Unterstützung seines leitenden Pastors erhalten möchte. Wie soll er das anstellen?

Hybels: Ich finde, es ist sehr wichtig für Jugendmitarbeiter, dass sie lernen, mit dem leitenden Pastor zusammenzuarbeiten. Wenn ein leitender Pastor und ein Jugendpastor am selben Strang ziehen und einander vertrauen und respektieren, dann können in der Dynamik unglaubliche Dinge passieren. Ich habe meine Jugendmitarbeiter immer aufgefordert, und tue das heute noch: „Mailt mir, wenn etwas Außergewöhnliches passiert! Denn dann ich kann ich gezielter für euch beten und es hilft mir, Gottes Handeln tiefer zu begreifen. Und vielleicht hilft es mir auch, euch besser zu unterstützen.“ […] Arbeitet also zusammen und bleibt am Ball! Manchmal trauen sich Jugendleiter nicht, ihre Pastoren um Hilfe zu bitten, aber das ist wichtig. Sie sollten einfach sagen: „Ich schaff das nicht alleine! Kann ich dich irgendwie bestechen oder was soll ich tun? Ich brauche deine Hilfe.“ (lacht)

Mache ich etwas falsch?

CC.de: In jeder Gruppe gibt es Jugendliche, die sich super entwickeln, und wir als Mitarbeiter sind ganz stolz auf unsere Arbeit. Andere entwickeln sich aber gar nicht und wir fühlen uns wie Versager. Welche Verantwortung hat ein Jugendleiter für das geistliche Wachstum seiner Jugendlichen?

Hybels: Das kann einen verrückt machen, nicht? Manche Jugendliche sind aus irgendeinem Grund wie auf Knopfdruck Feuer und Flamme für Gott. Und direkt daneben sitzt jemand, und bei dem macht es einfach nicht „Klick“. Vielleicht betest du gleich viel für beide und widmest ihnen gleich viel Zeit …Für mich ist das immer noch eins der größten Rätsel – nicht nur in der Jugend-, sondern auch in der Erwachsenenarbeit! Warum klappt es bei manchen und bei anderen nicht?

Ich glaube, manchmal laden wir uns in der Jugendarbeit zu viel Verantwortung auf und vergessen dabei, dass manche Kids einfach Mist bauen! Manchmal hängt das gar nicht mit unserer Leitung zusammen. Es hängt mit einer ganz normalen Phase im Leben zusammen, in der es zum Reifeprozess dazu gehört, Fehler zu machen.
Ich rate Jugendmitarbeitern: „Arbeitet die Fehler auf, anstatt einen Jugendlichen deswegen fertig zu machen!“ Setz dich mit ihm hin und frage ihn: „Wie hat sich das angefühlt? Wie ist es gelaufen?“ Wenn sie über ihre Fehler reden wollten, würde ich ihnen immer zuhören und sie beraten - aber wahrscheinlich nicht verurteilen. Ich habe in meiner Jugend auch Fehler gemacht. Ein paar schlimme Fehler! Es war mir peinlich und ich schämte mich. Die Leute, die mich geprägt haben, waren diejenigen, die mir den Arm um die Schultern legten und sagten: „Gott kann dich trotzdem gebrauchen!“

CC.de: Okay, Bill, noch eine letzte Frage: Welchen Rat würdest Du einem Jugendleiter geben, der gerade erst angefangen hat?

Hybels: Ich würde ihm sagen: „Kümmere dich in Deinem Dienst, in den Gott Dich geführt hat, um ein festes Fundament. Mache Dir bewusst, dass diese Aufgabe für dein ganzes Leben gilt. Und baue Deine Arbeit gut auf. Das muss nicht über Nacht passieren. Triff weise Entscheidungen, was Leitung und Einsatz angeht. Nimm keine Abkürzungen. Es gibt immer einen biblischen und weisen Weg, der sich auf lange Sicht bewährt. Jesus war sehr deutlich in seiner Lehre über starke Fundamente und wie man Glauben und Gemeinschaft im Menschen vertieft. Tu alles, was in deiner Macht liegt, um etwas Echtes und Dauerhaftes im Leben der Menschen zu bewirken.“

CC.de: Vielen Dank, Bill, dass Du Dir die Zeit genommen hast, um uns und den Jugendmitarbeitern in Deutschland ein paar Einblicke in Deine Erfahrungen zu gewähren. Wir wissen es sehr zu schätzen, dass Du auch unseren Gemeinden in Deutschland viele wertvolle Impulse weitergibst.

Die Fragen stellte Daniel Janzen für den Willow Youth Pod, einer Gemeinschaftsproduktion von CrossChannel.de und Willow Creek Deutschland

Foto: Alex- / photocase.com

Autor: Daniel Janzen / Übersetzung Katrin Faludi


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Leserbrief zu diesem Beitrag

Von Renate Meessen am 21.03.2010, 13:14 Uhr.
Ich finde diesen Beitrag sehr gu!
Von Otto Goy am 20.03.2010, 12:02 Uhr.
Artikel ist ermutigend und hilfreich