Spaßbremse Calvin?
Der Genfer Reformator gilt als harter und asketischer Christ, der sich und anderen das Leben schwer macht. Aber war er wirklich so? Ein Beitrag zum Calvin-Jahr.
Johannes Calvin wäre in diesem Sommer 500 Jahre alt geworden. Aus diesem Grund haben verschiedene Kirchen 2009 zum Calvin-Jahr gemacht. Die Erinnerungen an den Genfer Reformator gehen aber nicht ganz reibungslos über die Bühne: Vor allem in den Medien scheint ein eher dusteres Bild über Calvin vorzuherrschen. ERF.de hat mit Professor Dr. Armin Sierszyn gesprochen, um herauszufinden, ob Calvin zu Recht so ein negatives Image hat.
ERF.de: In Europa wird Calvin oft als der strenge Reformator wahrgenommen, für den das Leben eine trübselige Angelegenheit war und der allen Menschen seiner Stadt christliche Moralvorstellungen aufstülpen wollte. Woher kommt diese Wahrnehmung?
A. Sierszyn: Als Schüler von Martin Luther lehrt auch Johannes Calvin die Rechtfertigung des Sünders allein durch die Gnade. Darüber hinaus betont er aber auch den Gehorsam des Glaubens und die tägliche Nachfolge in der Bereitschaft, das Kreuz Christi auf sich zu nehmen. Der Mensch ist nicht zum Plausch und Vergnügen auf der Welt, sondern dazu, dass er Gott diene. Calvins Persönlichkeit und Theologie zeichnen sich aus durch ein kräftiges Profil und ethische Strenge, mit der er die lockeren Sitten seiner Stadt zügelt. Dabei verlangt er von seinen Zeitgenossen nichts, was er nicht selbst tagtäglich vorlebt.
Calvin ist keineswegs der Diktator von Genf. Er drängt nicht in die Regierung, es steht ihm weder Polizei noch Armee zur Verfügung. Lange Zeit besitzt er nicht einmal das Genfer Bürgerrecht. Beim Entwurf der Kirchenordnung ist er bereit, mit der Regierung Kompromisse einzugehen. Die Verbrennung des Erzketzers Michael Servet entspricht 1553 kaiserlichem Recht. Sie wird von der Regierung beschlossen, aber Calvin angelastet, obschon er (wie alle Reformatoren seiner Zeit) vergeblich für eine weniger grausame Todesstrafe eintritt. Das negative Calvinbild in der Literatur stammt von seinem Gegner Castellio, es wird von Voltaire weitergemalt und im 20. Jahrhundert durch den Österreicher Stefan Zweig aktualisiert, indem er Calvin mit Hitler vergleicht.
Auf Menschen des 21. Jahrhunderts wirken viele Aussagen Calvins hart und unverständlich. Was muss man über Calvins Zeit und über sein Leben wissen, um ihn besser zu verstehen?
Unser Jahrhundert sehnt sich nach Harmonie und Integration, das 16. Jahrhundert fragt nach der Wahrheit. Wahrheit kann hart sein. Sie grenzt ab. Wege trennen sich. Wir wissen, wie laut und heftig Luther gegen das Papsttum poltern konnte. Ohne Ja und Nein wäre es nicht zur Reformation gekommen.
Johannes Calvin kann und will nicht poltern wie Luther. Er ist ausgebildeter Jurist, Franzose und Flüchtling, der selbst dem Scheiterhaufen nur knapp entrinnt. Mit spitzer Feder kämpft er für die Ehre und den Glauben seiner verfolgten und geschmähten Brüder in Frankreich. Aus diesem Grund hat er die Institutio geschrieben. In Genf kämpfen die patriotisch-liberalen Kräfte gegen die Flut hugenottischer Flüchtlinge und gegen Calvins konsequente Kirchenzucht.
Calvin ist kein trübseliger Mensch. Er erleidet zwar in Genf viel Trübsal und übertreibt seine Nahrungsaskese, was ihm im Lauf der Zeit eine gewisse Härte und Strenge verleiht. Seine zahlreichen lebenslangen Freundschaften mit Farel, Viret, Melanchthon und vielen Flüchtlingen, aber auch sein Briefwechsel zeigen uns einen empfindsamen und durchaus korrekturfähigen Menschen aus Fleisch und Blut.
Luther scheint als Reformator leichter zugänglich zu sein. Außerdem bringt er mit seinem „allein Christus, allein die Gnade, allein der Glaube, allein die Schrift“ das Wesentliche auf den Punkt, was evangelischen Glauben ausmacht. Brauchen evangelisch geprägte Christen die Auseinandersetzung mit Calvin da überhaupt noch?
Luther ist der Erste, der in die schwarze Wand der mittelalterlichen katholischen Kirche ein Loch schlägt: allein Christus, allein die Schrift, allein die Gnade, allein der Glaube. Dieses ganze Fundament trägt auch Calvin. Darüber hinaus haben für den Genfer Reformator das Alte Testament, das Gesetz und die Ethik eine noch stärkere Bedeutung als in Wittenberg.
Calvin bindet Rechtfertigung und Heiligung, Glaube und Nachfolge zusammen. Das Gesetz gehört zum Evangelium. Es deckt nicht nur die Sünde auf oder regelt die Geschäfte des Rathauses. Der dritte Sinn des Gesetzes besteht darin, dass es auch die Gläubigen im praktischen Leben leitet.
Welchen Beitrag hat speziell Calvin für die Reformation geleistet?
Johannes Calvin und Martin Luther ergänzen sich in Person, Theologie und Werk. Der Mönch Luther entdeckt die religiöse Tiefe, die Geschenkhaftigkeit und Freiheit des Evangeliums. Der Jurist und theologische Autodidakt Johannes Calvin zieht die Konsequenzen ins Praktische, ohne die reformatorische Grundlage zu verlassen.
Bei Calvin und im Calvinismus erwacht – auch durch die Umstände – ein Kampfeswille und Bekennermut, den man so im Luthertum nicht kennt. Als sich die katholische Kirche zum Gegenschlag erhebt und die lutherische Kirche ihre erste Kraft verloren hat, steigt in Genf und ganz Europa die Reformation Calvins. Das protestantische Rom mit seiner Genfer Akademie bietet dem katholischen Rom geistig und geistlich die Stirn und rettet den Protestantismus.
Unter den Reformatoren ist Calvin der große Ökumeniker, der nichts unversucht lässt, um den vielgestaltigen Protestantismus samt den Anglikanern zu einigen. Gelungen ist ihm das freilich nur mit Bullinger in der Schweiz.
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| Dr. Armin Sierszyn ist Professor für Historische Theologie und Pastoraltheologie an der STH Basel. |
Wo können Christen im 21. Jahrhundert besonders von Calvins Auffassungen profitieren?
Auch die europäische Christenheit des 21. Jahrhunderts hat sich, stärker als ihr bewusst ist, von den Idealen der freud-marxistischen Kulturrevolution von 1968 prägen lassen. Dazu gehören eine Lust- und Spaßkultur, der Abbau von Gottes Vaterschaft und Autorität oder der Kampf gegen Familie und Werte wie Höflichkeit, Pünktlichkeit, Verantwortung, Treue, Leistung usw.
Calvins Glaubens- und Lebensethos steht unserem Zeittrend in Vielem entgegen. Gerade deshalb hebt sich Calvins Profil auch in unserer Zeit besonders deutlich vom Mainstream ab. Es ist gekennzeichnet durch Werte wie Gott allein die Ehre geben, Gehorsam, Bescheidenheit, Authentizität, Arbeit für Gott und Menschen oder dem haushälterischen Umgang mit der Schöpfung und dass man die Schwachen trägt. Henry Dunand, der Gründer des Roten Kreuzes, kommt nicht zufällig aus der Schule Calvins.
Welche Bücher oder sonstige Publikationen empfehlen Sie jemandem, der sich näher mit Calvin beschäftigen möchte?
Ich empfehle das Calvin-Lesebuch von M. Freudenberg und G. Plasger sowie Leben und Werk Johannes Calvins von P. Opitz.
Vielen Dank für das Gespräch!
Mehr Bücher und Informationen zu Johannes Calvin und zum Calvin Jahr finden Sie unter:
2000 Jahre Kirchengeschichte. Reformation und Gegenreformation von A. Sierszyn
Calvin09 (Seite des reformierten Bundes in Deutschland)
Calvin.de (Seite der EKD; hier finden Sie auch Näheres zu Stefan Zweigs Vergleich von Calvin mit Hitler)
(Fotos:wikipedia (1)/ STH Basel (2))
Autor: Die Fragen stellte Hanna Keller
Leserbrief zu diesem Beitrag
- Von Armin Sierszyn am 26.11.2009, 23:32 Uhr.
- Zu Benjamins und Hehe's Kommentar: Calvins Prädestinationslehre (die auch Zwingli und in etwas einfacherer Form auch Luthers Theologie bestimmen) will den Menschen gerade nicht ängstigen, sondern von sich selbst befreien. Calvin verankert sie in der Erlösungslehre. Der Rückschluss vom frommen Stress auf das eigene Erwähltsein ist kein Produkt Calvins, sondern des späteren Calvinismus. Ohne die positive Kraft und Zuversicht der Erwählungs- und Heilsgewisheit, die der Mensch im Blick auf Christus (nicht auf Gottes-Spekulationen) empfängt, wäre die calvinische Reformation nicht so stark und segensreich geworden.
- Von apologet am 26.11.2009, 18:06 Uhr.
- Hallo HeHe und Benjamin, in der Erwählungslehre geht zwischen Luther und Calvin kein Blatt Papier. Ich empfehle die Lektür des Lutherbriefes an Erasmus (de servo arbitrio) und der Institutio. Verdammnis ist auch nach reformierter Lehrmeinung, keine aktive Bestimmung Gottes über den Menschen, sondern Folge seiner eigenen Sünde. Jeder Mensch hat dieses Urteil verdient, dazu braucht es keine „Vorherbestimmung”.
Jud 1,4 Denn gewisse Menschen haben sich heimlich eingeschli chen, die längst zu diesem Gericht vorher aufgezeichnet sind, Gottlose, welche die Gnade unseres Gottes in Ausschweifung verkehren und den alleinigen Gebieter und unseren HERRN Jesus Christus verleugnen.
1Petr 2,8 und: ‘ein Stein des Anstoßes und ein Fels des Ärgernisses.´ Da sie nicht gehorsam sind, stoßen sie sich an dem Wort, wozu sie auch gesetzt worden sind.
Ich lasse hier mal stellvertrend das Niederländische Bekenntnis von 1561 zu Wort kommen:
Artikel 16
“Wir glauben, dass Gott, nachdem die ganze Nachkommenschaft Adams so durch die Schuld des ersten Menschen in Verderben und Untergang gestürzt war, sich so gezeigt und bewährt habe, wie er wahrhaft ist, nämlich barmherzig und gerecht. Barmherzig nämlich, indem er von der Verdammnis und dem Untergange diejenigen befreite und erlöste, welche er in seinem ewigen und unveränderlichen Ratschlusse aus reiner und unverdienter Güte durch Jesum Christum, unsern Herrn, erwählte, ohne irgendeine Rücksicht auf gute Werke derselben. Gerecht aber, indem er andere in ihrem Falle und ihrer Verderbnis ließ, wohinein sie sich selbst gestürzt haben.”
sdg
apologet - Von HeHe am 26.11.2009, 9:34 Uhr.
- Ich schließe mich Ihren Aussagen, Benjamin, an.
Auch ich empfinde Calvins Gottesbild beängstigend. Entweder ist es so, dass, so wie es in der Bibel steht: Gott und die Engel im Himmel freuen sich über jeden Sünder der umkehrt. Und Gott nimmt den Sünder, die Sünderin dann auf, wie es Jesus im Verlorenen Sohn beschrieben hat - oder aber nicht.
In meiner Kindheit wurde mir ein zorniger, beängistender Gott nahegebracht. Das hat mich für Jahre vergiftet. Ruhelos trieb es mich um in der Welt. Heute noch leide ich unter diesem Gottesbild. Heute noch muss ich mir täglich sagen: Gott haßt die Sünde aber liebt den Sünder, ansonsten können mich Fehler die ich mache, tage- und wochenlang umtreiben.
Ich sehe schon, dass Calvin sich sehr um Wahrheit bemüht hat, versucht hat, ein gottgefälliges Leben zu führen. In seiner Zeit auch sehr schwer, man denke nur an die Verfolgungen der französischen Protestanten und die Ereignisse der schrecklichen Bartholomäusnacht.
Calvin hat sicherlich in einer sehr schweren Zeit uns allen einen großen Dienst getan - aber er hat auch schwierige Situationen geschaffen. - Von Benjamin am 25.11.2009, 15:20 Uhr.
- Danke erstmal für das befreiende Bild von Calvin! Ganz sicher war Calvin um die Wahrheit bemüht, dass muss man ihm zugestehen.
Leider fehlt mir im Artikel das, was Calvin zu seiner strikten Lebensweise treibt: seine Lehre von der doppelten Prädestination. Er glaubte, dass Gott längst festgelegt habe, wer die Ewigkeit mit ihm, bzw. getrennt von ihm verbringen wird. Aber anstatt konsequent deterministisch zu leben und sich "von Gott treiben zu lassen", baut er einen enormen Druck auf Christen auf, sich durch ihre Fähigkeit zur Tugend als "Erwählte" erweisen zu müssen. Was denn nun - erweisen oder vorherbestimmt?
In Calvins Gottesbild verschwimmt Gott einfach mit der Welt. Gottesgeschichte ist gleich Weltgeschichte. Menschenhandeln ist Gotteshandeln.
Wovon ich mich als Christ fernhalten müsste, was ich ablehnen sollte wird gerade darin wieder unklar: wenn alles von Gott festgesetzt ist, was ist dann eigentlich das Widergöttliche, das Böse?? Was ist wahr und unwahr?
An diesem Punkt habe ich mit Calvins Gottesbild große Probleme.
Calvin hat damals sicher gute Schneißen in eine verdrehte Gotteslehre geschlagen, letztlich empfinde ich sein Gottesbild aber eher beängstigend, erdrückend und schlicht ungerecht. Gott ist nicht ungerecht. - Von FranzX am 25.11.2009, 0:05 Uhr.
- Ich glaube Luther hat einmal gesagt: "Ein betrunkener Reiter sitzt nie gerade auf dem Sattel, er hängt immer zur einen oder anderen Seite herunter.
Ich glaube in dieser unserer Zeit hängen wir insofern schief, dass die Frage nach der Wahrheit fast untergegangen ist. Wir benötigen jetzt wieder ein bedeutend stärkeres Bewusstsein dafür.
Im Johannesevangelium steht ja einiges dazu: "Ich bin dazu geboren udn dazu in die Welt gekommen, dass ich für die Wahrheit Zeugnis gebe. Jeder, der aus der Wahrheit ist, hört meine Stimme. Pilatus(!) antwortet ihm darauf mit unserer Zeit: "Was ist Wahrheit?" (Joh 18,37-38). Das haben wir erst letzten Montag so schön in unserem Bibelkreis herausgearbeitet (Christ-Königs-Fest vom Sonntag).
Dies ist die Wahrheit, die wir unbedingt brauchen, und die uns frei macht (Joh 8,32).
Lasst uns die Liebe (u.a. Harmonie und Integration) leben in der Wahrheit. Ohne sie wird das ganze verlogen und schal, es wird sogar die Liebe selbst verloren gehen.
Grüße
FranzX - Von gernot nakaten am 24.11.2009, 21:34 Uhr.
- Vielen Dank für dieses gute, ausgewogene Bild über den großen Reformator. Entgegen aller polemischen Pointierung und oberflächlichen Geschichtsklitterung ist diese kurze Zusammenfassung wirklich erfrischend!
- Von Charly am 24.11.2009, 7:53 Uhr.
- Vielen Dank für den sorgfältigen Artikel.
- Von Mike Schade am 24.11.2009, 7:28 Uhr.
- "Unser Jahrhundert sehnt sich nach Harmonie und Integration, das 16. Jahrhundert fragt nach der Wahrheit. Wahrheit kann hart sein. Sie grenzt ab. Wege trennen sich. Wir wissen, wie laut und heftig Luther gegen das Papsttum poltern konnte. Ohne Ja und Nein wäre es nicht zur Reformation gekommen."
Genau das ist der Punkt: Wir leben im 21. Jahrhundert. Und die Frage ist nicht mehr "Wer hat die allgemeingültige Wahrheit?" - die Frage wird vielmehr sein (und mit dieser Aussage hat Professor Sierszyn völlig recht): Wie bekommen wir Frieden und Integration (und Klimaschutz) auf dieser Welt hin. Das sind die entscheideneden Fragen des kommenden Jahrhunderts. Nicht irgendwelche Moralvorstellungen.
Im ZDF-Nachtstudio (als Gast Jürgen Werth dabei) hat der Kommentator ganz beiläufig ein Bild benutzt und im huschte dabei ein leises Lächeln über den Mund: "Ein Gespenst geht durch die Welt..." Und der Zuschauer wusste, warum er lächelte...




