Gott feiern hoch 2
Die Kirche für Oberberg besteht zum Großteil aus ehemals kirchenfremden Mitgliedern. Einladend will sie weiterhin bleiben - sie hat große Pläne!
Die Kirche für Oberberg besteht zum Großteil aus ehemals kirchenfremden Mitgliedern. Einladend will sie weiterhin bleiben - sie hat große Pläne!
Normalerweise wird hier bis tief in die Nacht gefeiert, geflirtet, getrunken, getanzt und gesungen. Der "Zunft Kölsch"-Biertresen an der Seitenwand, sonst erste Anlaufstelle für die Partygesellschaft, wird am heutigen Sonntagmorgen aber überhaupt nicht beachtet. Der eine oder andere Gast nutzt ihn eher unzweckmäßig als Jackenablage. Ebenso verborgen wie der Tresen bleiben die Werbeplakate von den bevorstehenden Feiern "Freud Nights" und "X-mas Party".
Der weitläufige, terrakotta-farbene Saal, der sonst hunderten Besuchern als Tanzfläche dient, ist in zwei Bahnen mit rund 350 Stühlen bestellt. Auf der Bühne stehen mehrere Notenständer und Mikrofone, dahinter ragen auf vier großen Pappschildern die Buchstaben "G.O.T.T." in die Höhe, den Rest der offenen Fläche überdeckt die Beamerleinwand. Auf Dekoration wurde hier ebenso verzichtet wie im übrigen Raum. Gerade für den bevorstehenden Gottesdienst der "Kirche für Oberberg" (KfO) ist die Stadthalle in Gummersbach damit gut vorbereitet.
"Räumlichkeiten sind völlig irrelevant. Du bekommst die Leute immer und überall zusammen. Unsere Strategie und Struktur können nächste Woche wieder anders aussehen", erklärt der lässig in Jeans gekleidete Pastor Artur Siegert wenige Tage zuvor in seinem Büro. "Wichtig ist allein, dass wir möglichst viele Menschen für Jesus gewinnen." Die mittlerweile knapp 300 Besucher füllen den Saal sicherlich nicht minder aus, als man es von den sonst üblichen Feten gewohnt ist. Jeden zweiten Sonntag um 11:00 Uhr geht es hier aber allein um G.O.T.T.
ECHT2 leben
Auf der Bühne bereitet sich die fünfköpfige Band noch eifrig auf ihr Einstiegslied vor. Die anwesenden Gäste plauschen miteinander, grüßen quer durch den ganzen Raum, lachen, hören zu - viele junge Familien, kleine Kinder, Twens, aber auch ein paar ältere Semester sind gekommen. Laut Gemeindeliste gehören 170 von ihnen zur KfO, die übrigen 130 nicht. Noch nicht. Fast die Hälfte der Mitglieder kommt ursprünglich aus einem vollkommen gemeindefernen Hintergrund, hatte also vor dem Besuch der KfO noch keinen Draht zu dem unbekannten, vierbuchstabigen G.O.T.T.
Immer noch zu wenig nach dem Geschmack der Gemeindeleitung. Die Quote soll in den nächsten Jahren angehoben werden. "Wir wollen möglichst viel für die Stadt Gummersbach bewirken", lässt die Leitung hier als Ziel verlauten. Die Bewohner sollen den christlichen Glauben hautnah erfahren können – nicht bloß in der Theorie. So hat die Gemeinde in diesem Sommer das heruntergekommene Vereinshaus eines ansässigen Fussballclubs auf eigene Kosten renoviert. Sie will nach außen wirken und nach innen einladend sein.
Wichtig ist ihr, dass außenstehende Menschen in der KfO einen Ort finden, an dem sie willkommen sind und Gott kennen lernen können - eine gesunde Gemeinde, die offen und vorurteilsfrei ist und in der jedes Mitglied sich um die Menschen in seinem Umfeld kümmert. Damit das nicht zur Floskel wird, muss das jeder, der Teil dieser Gemeinschaft werden will, verbindlich in einem Mitgliedschaftsvertrag festmachen. Schwarz auf Weiß bekennt er sich darin mit seiner Unterschrift zu Jesus und den Werten der Gemeinde. "Die Voraussetzungen sind sehr hoch", betont Artur Siegert. "Jeder will in einer guten Gemeinde leben, aber das muss man auch einfordern dürfen. Glaube muss verbindlich sein."
Dafür hat sich die Gemeinde das "ECHT2"-Prinzip ausgedacht, das jedem, der es möchte, erklärt wird: E steht für "evangelistischer Lebensstil", C für "christliche Nächstenliebe", H für "hingegebener Dienst", T für "tiefe Liebesbeziehung zu Gott" und "Hoch 2" für die Multiplikation davon im eigenen Umfeld. "Ich halte es für völlig unnatürlich, dass sich Menschen und Gemeinden nicht multiplizieren", so der Pastor. Jedes Mitglied trägt hier durch seinen "ECHT2"-Lebenswandel zum Wohl und zum Wachstum der Gemeinde bei. Mission beginnt nicht vor der eigenen Haustüre, sondern im eigenen Herzen.
Teetrinker und Oasen-Zeiten
"Guten Morgen!", schallt es plötzlich durchs Mikrofon – der Gottesdienst beginnt. Es wird still. "Seid ihr auch so müde wie ich?", fragt eine junge Dame etwas unsicher ins Publikum, um gleich anzufügen: "Ich habe heute nämlich nicht meinen ostfriesischen Schwarztee getrunken, der mich sonst wach macht. Und da habe ich mich gefragt, ob es hier noch anderen Teetrinkern so geht wie mir?" Kurze Pause. Es folgt ein Teekennerspiel: Wer die richtigen Inhaltsstoffe hinter den "sündigen" Produktnamen wie "Süßer Teufel", "Pure Lust" und "Kleine Sünde" errät, gewinnt jeweils die Teepackung. "Himbeere", "Hagebutte", "Vanille", "Banane" schallt es wie im Wettkampf aus den Reihen, so aktiv, als bräuchte man hier keinen Kaffee.
Aktivität kennzeichnet die Gemeinde - sie ist binnen sechs Jahren schon fünf Mal umgezogen. Aber Artur Siegert hält fest: "Um die Räumlichkeiten hat sich Gott selbst bemüht - ganz nach unserem Motto: 'Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch alles andere alles zufallen.'" Zuerst war es der Besprechungsraum eines Büros, dann ein leer gewordenes Gemeindehaus, ein Kinosaal, eine Schulaula, ein Kirchengebäude und zuletzt die Stadthalle. "Immer wenn wir versucht haben, einen Schritt auf Gott zuzugehen, haben wir das nicht geschafft, weil er uns schon entgegenkam", sagt er.
Nach dem Spiel und ein paar letzten Handzeichen an die Technik spielt die Band einige Lieder. Wer mitsingen will, kann die vom Beamer projizierten Texte auf der Leinwand nachlesen. Dort erscheinen Lieder wie "Mein Erlöser lebt", "Wo ich auch stehe" und "Allein deine Gnade genügt". Es singen zwar nicht alle mit. Doch selbst in der letzten Reihe können die Besucher die Texte der bekannten deutschen Anbetungslieder von der Leinwand ablesen – auf englische Lieder wird verzichtet.
Diese Verständlichkeit passt zur Ausrichtung eines "typischen" KfO-Gottesdienstes. Er soll einladend sein - in erster Linie für die interessierten Besucher, nicht für die festen Gemeindemitglieder. Für sie wird jeden zweiten Freitag um 19:30 Uhr die sogenannte "Oase" angeboten. Hier können sie in gemütlicher Atmosphäre geistlich auftanken, beten, über schwierige Themen diskutieren, Abendmahl feiern.
Der zweiwöchentliche Sonntagsgottesdienst ist für den Interessierten der erste Schritt. Der zweite führt in einen der derzeit 24 angebotenen Hauskreise, die an den übrigen Sonntagen stattfinden. Wer mehr will, kann einen Glaubensgrundkurs besuchen, in dem er Antworten auf die wichtigsten Fragen des christlichen Lebens bekommt. Und letztlich kann er sich taufen lassen und der Gemeinde beitreten.
"Trotzdem. Gott."
Nach dem letzten Lied geht die Band zügig von der Bühne. An die Leinwand wird jetzt ein Video des Patomimen Carlos Martínez geworfen. Er spielt die Schöpfung der Welt nach – ohne Worte, aber eindrücklich für jedermann. Besonders ausdrucksstark ist Gottes akribisches Schaffen, sein stetes Lächeln, sein konzentrierter Blick beim Formen der Erdkugel, des Menschen, sein kleiner, väterlicher Schubser an Eva, als sie noch etwas scheu ihren Gatten Adam zum ersten Mal erblickt. Verzweifelt ist sein Blick in dem Augenblick, in dem die beiden vom Baum der Erkenntnis essen.
"Trotzdem. Gott." lautet das Predigtthema heute. Dafür lagen schon vor dem Gottesdienst DIN-A5 große Handzettel mit den wichtigsten Stichworten zum Mitnehmen auf den Stühlen aus – die Gedanken der Predigt sollen nachwirken. Der heutige Prediger, ein Gemeindemitglied, redet frei und locker, versucht sich selbst gar als Pantomime und stellt einen verzweifelten Fan des 1.FC Köln nach, dem die neue Bundesliga-Saison bislang wenig Grund zur Freude bereitet hat. Später fragt er ernst: "Wie kam die Sünde in die Welt? Wie gehen wir und wie geht Gott mit ihr um?" Keine halbe Stunde später stellt er fest: "Wenn die Sünde die größte Tragödie der Menschheit ist, dann ist die Botschaft vom Tod Jesu die beste Botschaft, die es für uns gibt." Das Evangelium in Kürze.
Ohne Eile in die Zukunft
Mit der Predigt klingt auch der Gottesdienst aus. Die Anwesenden fangen wieder an, miteinander zu plauschen, zu lachen, Tee und Kaffee zu trinken, Kekse zu knabbern. In diesem Stil feiert die KfO seit nunmehr sechs Jahren ihre Gottesdienste. Auf große Aktionen, Evangelisationen, Programme wird verzichtet. Umso größer sind die Pläne. Im internen Leitbild heißt es: "Das ist unsere Vision – ein verändertes Gummersbach! Wir wollen die Kultur und die Werte einer ganzen Stadt prägen." Dafür sucht man der Stadt Bestes. Gemeinsam hat man schon einen großen Gottesdienst im Stadtkern veranstaltet. Auf Anfrage der Stadt nach "Fußballtrainern mit Werten" hat sich die KfO in einen örtlichen Sportverein eingeklinkt. Der Pastor träumt davon, irgendwann Gottesdienste vor den Spielen des heimischen Handballvereins und aktuellen Europacupsiegers VfL Gummersbach zu veranstalten.
Er hatte schon 1993 daran gedacht, eine neue Gemeinde in Gummersbach zu gründen. Das "Okay" von Gott kam aber erst 2003: "Das war eine rein nüchterne und sachliche Entscheidung und nicht so, wie wir es jetzt vielleicht nennen würden, eine Berufung", sagt er. Damals wurde er von einem Gründungsteam von gerade einmal 21 Leuten finanziert, ein Dutzend davon hatte er jahrelang geistlich begleitet - als Mentor, als Freund und vor allem im Gebet. Eine Karriere in der Unternehmensleitung hat er für die Gemeinde aufgegeben.
Vielleicht kommt er seinen Träumen demnächst einen Schritt näher: Die Stadt sucht derzeit eine Nutzungsmöglichkeit für eine ehemalige Industriehalle und hat ihn dafür in diesem Monat zu einem Treffen eingeladen. "Mal sehen, was sich ergibt". Er lässt es ruhig auf sich zukommen. Dabei würde die weiträumige und zentral gelegene "Halle 32" sehr gut zu den Zielen der Gemeinde passen. 2013 will man nämlich 1000 Gottesdienstbesucher, 100 Hauskirchen sowie 10 ausgebildete Trainees haben und eine neue Gemeinde gründen - später eine ganze Gemeindebewegung. Schmunzelnd bekennt der Pastor: "Ich bin ein Visinonär. Kleine Sachen machen mir keinen Spaß." Eile kennt er deshalb aber nicht: "Ich glaube, dass Gott uns auf ganz natürliche Art segnen wird, wenn wir unseren Hausaufgaben nachkommen."
Link: www.kirchefueroberberg.de
Bild: Kirche für Oberberg
Leserbrief zu diesem Beitrag
- Von ute hörkner am 20.10.2009, 14:04 Uhr.
- ich bin begeistert,wie GOTT menschen eine liebe gibt,sich um gottesferne menschen zu kümmern.super!
- Von marijke am 20.10.2009, 12:34 Uhr.
- genial. mehr davon.
- Von Viktoria Enns am 20.10.2009, 9:51 Uhr.
- Dieser Artikel hat mir einen sehr guten Einblick in das Leben der KfO gegeben. Gut, deutlich und lebendig geschrieben! Danke!


