Endlich wieder richtig büßen!
Der Buß- und Bettag, ein finsteres Relikt aus dem Mittelalter? Ganz im Gegenteil, findet Hanna Keller.
Buß- und Bettag – mit diesem Tag konnte ich bis vor Kurzem wenig anfangen. Die Bilder, die ich damit verband, waren eher negativ: Asche, die auf den Kopf gestreut wird, dunkle Kutten, die zerrissen werden und Mönche, die sich selbst geißeln. Irgendwo im Hinterkopf schwirrte auch die Frage herum, ob ein solcher Gedenktag im Kirchenjahr überhaupt vorkommen muss. Denn erstens lässt sich Buße nicht von oben verordnen und zweitens verbinden die meisten Menschen damit eine negative und freudlose Lebenseinstellung. Kann das wirklich die Botschaft sein, die Christen ihren Mitmenschen vermitteln wollen?
Umso mehr hat es mich in letzter Zeit erstaunt, welche Bedeutung Buße in der Bibel hat. Für Jesus war sie so zentral, dass er die Menschen als allererstes dazu aufgefordert hat – noch bevor er über die Feindesliebe oder über andere wichtige Dinge gesprochen hat:
„Von da an begann Jesus zu verkündigen und zu sprechen: Tut Buße, denn das Reich der Himmel ist nahe herbeigekommen!“ (Matthäus 4,17)
Warum tut er das? Will er den Menschen das Leben madig machen?
So, wie ich Jesus im Neuen Testament kennenlerne, glaube ich nicht, dass das der Grund ist. Es liegt meiner Meinung nach eher daran, dass Jesus ein Realist war. Er wusste, dass das Leben seiner Zuhörer nicht in Ordnung war. Im Klartext sagte er: Leute, ändert euer Leben! Die Gegenwart Gottes und seine Gerechtigkeit sind heute näher als je zuvor in der Geschichte – und wenn ihr so weitermacht wie bisher, dann fährt dieser Zug ohne euch ab.
Das wollte Jesus nicht. Deswegen ließ er die Menschen nicht in dem Glauben, dass alles ok ist oder dass der liebe Gott schon ein Auge zudrücken wird. Buße bedeutet vom griechischen Urtext her „Sinnesänderung“. Genau das hat sich Jesus von den Menschen gewünscht. Nicht, um eine Standpauke halten zu können und ihnen zu sagen, wie schlecht sie sind. Ihm ging es darum, dass die Menschen durch diese Sinnesänderung zu Gott zurückfinden und ihr Leben wieder in einer engen Bindung an ihn gestalten. Wo das stattfindet, gibt es selbst für ein nach menschlichem Empfinden kaputtes Leben Hoffnung. Da können Menschen mit Gott ins Reine kommen und innerlich und in ihren Beziehungen mit anderen heil werden.
Diese Neuausrichtung und die positiven Folgen davon sind der tiefere Sinn hinter dem Aufruf zur Buße. Das macht Jesus später im Gleichnis mit dem verlorenen Schaf deutlich. Als der Hirte es endlich gefunden hat, ist seine Freude darüber so groß, dass er es erst mal allen erzählen muss. Genau so freut sich Gott über einen Menschen, der umgekehrt ist:
"Ich sage euch, so wird auch Freude sein im Himmel über einen Sünder, der Buße tut, mehr als über neunundneunzig Gerechte, die keine Buße brauchen!" (Lukas 15,7)
Wenn ich Buße so verstehe, dann ist sie eine gute Sache. Klar, sie ist manchmal unangenehm: Es ist nicht schön, wenn mir jemand den Spiegel vorhält und ich der Wahrheit ungeschönt ins Auge blicken muss. Aber es wäre auch nicht besser, wenn ich mit einer Selbsttäuschung leben würde und am Schluss entsetzt feststellen muss, dass ich an der Realität vorbei gelebt habe.
Es wäre schön, wenn Kirchen und Gemeinden diesen positiven Aspekt der Buße am Buß- und Bettag in den Gottesdiensten vermitteln könnten. Das könnte zum Beispiel durch eine gemeinsame Bußliturgie geschehen oder dadurch, dass man biblische Geschichten erzählt. Geschichten, von Menschen, die mit ihrem Leben am Ende waren und einen neuen Anfang erlebt haben, als sie zu Gott umgekehrt sind. Möglicherweise würden solche Gottesdienste sogar ein Bedürfnis unserer Zeit treffen: Es gibt immer wieder Menschen, die sich nach Veränderung sehnen, weil sie spüren, dass sie ihr Leben in eine Sackgasse hinein manövriert haben. Für sie kann die Aufforderung von Jesus zu einem Wendepunkt werden.
Aber auch ich als Christ brauche die Erinnerung daran, wie gut Buße tut. Eine grundsätzliche Sinnesänderung hin zu Gott habe ich zwar schon erlebt. Aber trotzdem läuft auch in meinem Leben vieles nicht so, wie es sollte. Viel zu oft kehre ich Schuld unter den Teppich oder bagatellisiere sie. Wenn es ganz schlimm kommt, decke ich mein Fehlverhalten noch mit einem frommen Mäntelchen zu: Gott liebt dich doch trotzdem – und andere Christen machen noch viel schlimmere Dinge. Die negativen Folgen dieser Haltung sind mir entweder (noch) nicht bewusst oder ich will sie nicht wahrhaben. Aber früher oder später würden sie mich einholen. Da ist es gut, wenn es wenigstens einen Tag im Jahr gibt, der mich mit dieser unbequemen und doch gleichzeitig befreienden Wahrheit konfrontiert.
Ein Bußpsalm von David:
Freuen dürfen sich alle, denen Gott ihr Unrecht vergeben und ihre Verfehlungen zugedeckt hat! Freuen dürfen sich alle, denen der Herr die Schuld nicht anrechnet und deren Gewissen nicht mehr belastet ist!
Herr, erst wollte ich meine Schuld verschweigen; doch davon wurde ich so krank, dass ich von früh bis spät nur stöhnen konnte. Ich spürte deine Hand bei Tag und Nacht; sie drückte mich zu Boden, ließ meine Lebenskraft entschwinden wie in der schlimmsten Sommerdürre. Darum entschloss ich mich, dir meine Verfehlungen zu bekennen. Was ich getan hatte, gestand ich dir; ich verschwieg dir meine Schuld nicht länger.
Und du - du hast mir alles vergeben! Deshalb soll jeder, der dir die Treue hält, zu dir beten, wenn er in Not gerät. Wenn sie ihn dann bedrängt wie eine Flut, wird sie ihn nicht verschlingen können. Bei dir finde ich Schutz; du hältst die Not von mir fern und lässt mich jubeln über meine Rettung.
Der Herr hat mir geantwortet: »Ich sage dir, was du tun sollst, und zeige dir den richtigen Weg. Ich lasse dich nicht aus den Augen. Sei doch nicht unverständig wie ein Maultier oder Pferd! Die musst du mit Zaum und Zügel bändigen, sonst folgen sie dir nicht.«
Wer nicht nach Gott fragt, schafft sich viel Kummer; aber wer dem Herrn vertraut, wird seine Güte erfahren. Freut euch und jubelt über den Herrn, ihr, die ihr ihm treu seid! Alle, die redlich und rechtschaffen sind, sollen vor Freude singen!
Weiter Bibeltexte zur Vertiefung des Themas:
Psalm 6
Psalm 38
Lukas 3,1-18
Lukas 15,1-32
Galater 6,1-9
Epheser 5,1-20
1. Johannes 1,5-10
(Foto: french_03/ Photocase.com)
Leserbrief zu diesem Beitrag
- Von Judith Lütke am 18.11.2009, 14:30 Uhr.
- Dem Kommentar von Gudrun stimme ich voll zu und sage ebenfalls herzlichen Dank für
Ihren Beirtrag. - Von HeHe am 18.11.2009, 10:09 Uhr.
- Ein guter Artikel. Besonders gut gefällt mir: "Ihm ging es darum, dass die Menschen durch diese Sinnesänderung zu Gott zurückfinden und ihr Leben wieder in einer engen Bindung an ihn gestalten. Wo das stattfindet, gibt es selbst für ein nach menschlichem Empfinden kaputtes Leben Hoffnung. Da können Menschen mit Gott ins Reine kommen und innerlich und in ihren Beziehungen mit anderen heil werden.
Diese Neuausrichtung und die positiven Folgen davon sind der tiefere Sinn hinter dem Aufruf zur Buße."
GErade eine solche Ausrichtung ist für uns heute so wichtig. Wie viel Leid, Schuld, Unvermögen, Fehlverhalten erleben wir, ertragend aber auch aktiv hervorrufend. Wie gut ist es sich davon lösen zu können, durch die Erlösung Gottes. Dazu ist es aber immer notwendig, sich zu bekennen zu dem, was schief gelaufen ist.
Ich danke auch für die Auflistung der Bibelstellen. Ich habe sie alle hintereinander gelesen. Da bekommt die Buße noch einmal einen ganz anderen Wert. Als Kind fürchtete ich mich immer davor. Es war alles so düster und hörte sich nur nach Strafgericht an, aber wir sind doch von Jesus Erlöste, vorausgesetzt wir nehmen Ihn als unseren Heiland an.
Und zur Frage, ob wir einen Buß- und Bettag brauchen? Ja auf jeden Fall. Es ist wirklich schade, dass gerade dieser Tag mehr und mehr im Getriebe der Welt untergeht.
GErade die "dunklen" Novembergedenken sind oft heilsam und eröffnen neue Wege. - Von Gudrun am 18.11.2009, 9:48 Uhr.
- Ihren Beitrag, Frau Keller, finde ich super gut. Schon seit vielen Jahren ist mir der Monat November viel sympathischer als der Dezember. Das Ende des Kirchenjahres mit seinen Gedenk- und Feiertagen bedeutet für mich wunderbar geschenkte Zeit und ich bin dankbar dafür. Die von mir als fürchterlicher Vorweihnachtsrummel suspekte Adventszeit hat nicht mehr die Stille und Besinnlichkeit wie es der November mir noch gestattet. Ganz großartig finde ich Ihre Idee, Geschichten der Umkehr (und Heilung) von Menschen in Gottesdiensten zur Sprache zu bringen. Ich denke, dass das viele Menschen ermutigen und aufbauen würde. U.a. auch deshalb finde ich die Predigten von Pastor Volkhard Spitzer so überzeugend. Er macht das aber in fast jeder Predigt und seine Anhänger werden immer mehr. Ja, Zeugnisse der Umkehr und eines neuen Anfangs mit Gott wären sehr angebracht und würden von erwartungsvollen Ohren und Herzen sicherlich dankbar aufgenommen. Herzlichen Dank!


