"Kinder sind weiser als Erwachsene denken."
Die Dreharbeiten für die Schlunz-Serie sind abgeschlossen. Was denken die Schauspieler über das Projekt? ERF.de hat Michael Gahr befragt.
ERF.de: Welche Rolle spielen Sie im Schlunz und wie finden Sie die?
Michael Gahr: Ich spiele im Schlunz den Helmut Eschenbach, das ist der Gemeinderatsvorsitzende. Und ich freue mich darüber!
ERF.de: Was hat Sie an der Rolle fasziniert?
Michael Gahr: Wir Schauspieler können uns die Drehbücher nicht einfach aussuchen, gerade in der heutigen Zeit nicht. Wer was anderes sagt, der lügt vermutlich. In der Regel können wir nicht sagen: „Nein, das mache ich nicht. Oder: Das mache ich. Das gefällt mir, das ist so wunderbar, da spiele ich einen zerrissenen Charakter!“ oder so. Zunächst einmal machen wir alles, wenn es nicht gerade faschistoid ist oder schädlich. Aber hier hat’s mir besonders gut gefallen. Und das Schlunz-Drehbuch finde ich sehr witzig und humorvoll. Die Pädagogik, die darin liegt, das Didaktische, ist mit Humor verpackt. Es ist nicht merkbar, nicht spürbar. Es ist kein pädagogischer Lehrfilm. Es sind heitere Geschichten, die ihre moralischen Anweisungen haben.
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ERF.de: Ist es heutzutage wichtig, moralische Botschaften humorvoll zu verpacken?
Michael Gahr: Ganz wichtig. Die Leute wollen nicht mehr ständig belehrt werden. Von den Politikern ebenso wenig wie von anderen. Kinder wissen im Allgemeinen auch mehr als die Erwachsenen denken. Sie sind weiser als die Erwachsenen es meinen. Man fängt immer von ganz unten an bei vielen Kinderfilmen. Das ist gar nicht nötig! Man kann viel höher ansetzen. Und das ist hier der Fall, wirklich wahr. Es sind hübsche lustige Geschichten. Ich hab selber gelacht. Diese Sache mit den Muffins zum Beispiel finde ich urkomisch. Ich kann darüber immer wieder lachen!
ERF.de: Ihnen gefällt also diese humorvoll verpackte Moral im Schlunz?
Michael Gahr: Die gefällt mir gut. Es wird gezeigt, dass ein Gottesdienst nicht eine langweilige Sache des Sonntagvormittags ist, sondern Spaß machen kann, voller Aktion sein kann, voller Farbe, voller Leben. Es ist wie Spielen, die Phantasie spielen lassen! Kindergottesdienst, damit assoziiert man vielleicht einen schlecht sitzenden Anzug und Schwitzen in der Kirche. Das ist hier nicht der Fall!
ERF.de: Wie war Ihr persönlicher Zugang zur Bibel als Kind?
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| Michael Gahr: Gottesdienst ist keine langweilige Sache |
Michael Gahr: Mein Zugang zur Bibel schien mir in der Jugend verschlossen, obwohl wir einen so liebenswerten und klugen Religionslehrer hatten. Die Bergpredigt hat mich schon als 15-Jähriger berührt. Aber die Erinnerungen an unser Verstecktsein in der Zeit des Grauens, das zerstörte Nachkriegs-Berlin überhaupt, diese Not, das alles ließ mich hadern. Ich las früh Sartres Welt ohne Gott, Becketts trostlose Welt ohne Gott und wurde bald ein glühender Sozialist. Die 68er und die Haltung der Kirche dazu von Menschen wie Gollwitzer und Karl Rahner beeindruckten mich. 1986 erst fand ich durch die schwere Erkrankung meiner Frau zur Beschäftigung mit der Religion zurück. Ich bezeichne mich als Christ, und möchte Christ sein, und jetzt - dem Tod nahe - zu Gott zurückfinden, nichts aber mit den verfassten Kirchen zu tun haben. Ihre Lehren sind mir zu einseitig.
ERF.de: Sie haben schon in über 100 Fernsehproduktionen und etlichen Kinostreifen mitgearbeitet. Gab es beim Schlunz etwas, an das der routinierte Schauspieler Michael Gahr sich gerne erinnern wird?
Michael Gahr: Ja, an das unglaublich liebe Verhalten der Produktion. Das war wie Utopie, so unglaublich schön, von der Maskenbildnerin bis zum Produzenten Herrn Kretschmer und dem Regisseur Herrn Hackstock. Als Herr Hackstock erfuhr, dass meine geliebte Frau kurz vor den Dreharbeiten gestorben ist, bekam ich regelrecht eine Welle von Mitgefühl zu spüren. Herr Kretschmer schickte mir ein schönes Buch und einen wunderbaren Brief. Nein, ich kann nicht mit Worten sagen, wie wunderbar ich das fand!
ERF.de: Was wünschen Sie der Schlunz-Serie?
Michael Gahr: Viel Erfolg!
Michael Gahr wurde 1939 in Kostrzyn (Polen) geboren und ist in Berlin aufgewachsen. Dort hat er seine Ausbildung an der Fritz-Kirchhoff-Schauspielschule und der Max-Reinhard-Schule gemacht. Er erhielt Privatunterricht bei Dr. Kluge. Der heute in München lebende Schauspieler hat eine beachtliche Menge an Auftritten in Theater, Film und Fernsehen absolviert und ist auch ein gefragter Synchronsprecher. Zu den über 100 Fernsehproduktionen gehören „Der Alte“ ebenso wie die „Alpenklinik“ oder einzelne Tatort-Folgen.
Gahr wurde mit dem AZ-Stern der „Münchner Abendzeitung“ für die Darstellung des Lennie in „Von Mäusen und Menschen“ geehrt. Die Kinofilme „Man spricht Deutsch“ sowie „Das schreckliche Mädchen“, in denen Michael Gahr große Rollen spielte, wurden in Berlin mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet. „Das schreckliche Mädchen“ war für den „Oskar“ nominiert.
Einen repräsentativen Querschnitt seines Schaffens finden Sie unter www.agenturebisch.de
Autor: Die Fragen stellte Annette Gerling




