Der verlorene Gott
Es gibt Bücher, die haben das Zeug zum Klassiker schon bevor sie erschienen sind. "The Prodigal God" von Timothy Keller ist so ein Buch.
Kaum ein Gleichnis Jesu wird so oft in Predigten aufgegriffen wie das des verlorenen Sohnes. Für den amerikanischen Pastor der Timothy Keller wurde die Geschichte von Verrat und Vergebung zu einem zentralen Thema seines Christseins und Pastorendienstes. Der Leiter der reformierten "Redeemer Presbyterian Church2 in New York hat seine Erfahrungen und Gedanken zu dem Text in dem Buch „The Prodigal God: Recovering the Heart of the Christian Faith“ festgehalten. Im Herbst erscheint es im Brunnenverlag (Basel) nun auch auf Deutsch.
Keller selbst hörte nach eigenem Bekunden vor 30 Jahren eine Predigt, die sein Verständnis des christlichen Glaubens grundlegend verändert hat und als Konsequenz sein Predigen, ja seinen gesamten christlichen Dienst nachhaltig geprägt hat:
„Immer wieder bin ich in meinen Predigten und in der Seelsorge auf dieses Gleichnis zurückgekommen. Durch diesen Text wurden in meiner Predigt- und Pastorenlaufbahn mehr Menschen ermutigt, aufgebaut und inspiriert als durch irgendeinen anderen Text, vor allem dann, wenn ich auf die tiefere Bedeutung der Erzählung eingegangen bin.“
Der Grundgedanke von „The Prodigal God“ ist schnell erklärt: Das Gleichnis handelt – anders als der landläufige Titel vermuten mag – von zwei verlorenen Söhnen. Dabei steht der jüngere der beiden für die Menschen, die auf der Suche nach Selbstverwirklichung Gott den Rücken kehren und die Kontrolle über ihr Leben haben wollen. Der ältere Sohn repräsentiert die Menschen, die moralisch, religiös und selbstbestimmt, Gott durch ihre Verdienste beeindrucken wollen, um die Kontrolle über Gott zu haben. Beide Gruppen, so Keller, leben am Willen Gottes vorbei. Beiden geht es um die Gaben des Vaters und nicht um die Beziehung zum Geber. Und beide Wege – so Keller – führen an Gott vorbei, wobei der Weg des älteren Sohnes der gefährlichere sein kann, weil er auf den ersten Blick so richtig aussieht.
Was an „The Prodigal God“ gefällt sind zum einen die vielen Details, die einem durch Kellers Auslegung plötzlich ins Auge springen und zu einem ganz neuen Verständnis des Textes führen. Faszinierend ist zum Beispiel der Hinweis, dass in der Geschichte ein ganz zentrales Element fehlt, wenn man die Erzählung mit den beiden vorausgehenden Gleichnissen („Das verlorene Schaf“ und „Die verlorenen Münzen“). Macht sich in den beiden anderen Geschichten jemand auf die Suche nach dem, was verloren ist, so fehlt dieser Aspekt in der Geschichte völlig. Jesu Zuhörer, so Keller sei allerdings sofort klar gewesen, wer für diese Leerstelle verantwortlich ist, nämlich der ältere Bruder. Er hätte sich auf den Weg machen müssen, den verlorenen Bruder zu suchen, war aber selbst so sehr in seiner Verlorenheit gefangen. Diese Spannung, die in der Geschichte bis zum Schluss bestehen bleibt, löst Jesus als wahrer älterer Bruder auf, der sich auf die Suche nach Gottes verlorenen Kindern gemacht hat.
Das Besondere aber an Timothy Keller ist, dass er trotz all der interessanten Facetten, die er dem Text entlockt, es dem Leser einfach macht, das große Ganze zu sehen. Die Reduzierung auf eine einfache, aber ganz zentrale Aussage hilft dabei, das Gleichnis besser zu verstehen: Der Mensch findet den Weg zu einem erfüllten Leben weder durch Selbstverwirklichung noch durch Gesetzestreue und fromme Werk, sondern nur durch die rettende Liebe Gottes. Keller fordert deshalb den Leser dazu heraus, den eigenen Glauben, die eigene Frömmigkeit ehrlich zu hinterfragen. Das Ziel: eine tiefere, ehrlichere Beziehung zum Vater:
„Wir werden Gott nicht finden, es sei denn er sucht uns zuerst. Aber wir sollten immer im Auge behalten, dass er dies auf recht unterschiedliche Weise tun kann. Manchmal rennt uns Gott regelrecht entgegen, wie er es im Fall des jüngeren Sohnes getan hat. Dann spüren wir ein ganz tiefes Gefühl seiner Liebe. Manchmal redet er still und geduldig mit uns und versucht uns zu überzeugen, obwohl wir uns weiter von ihm abwenden, wie im Fall des älteren Sohnes […]
Wie weiß man nun, ob Gott gerade bei am Wirken ist? Wenn man anfängt, etwas von der eigenen Verlorenheit zu spüren und auf einmal merkt, wie sehr man sich wünscht, diesem Zustand zu entkommen. Dann sollte es einem spätestens klar werden, dass dieses Verlangen etwas ist, was man nicht selbst hervorbringen kann […]
Was müssen wir also tun, um errettet zu werden? Um Gott zu finden, müssen wir umkehren und die Dinge hinter uns lassen, die wir falsch gemacht haben. Aber wenn das alles ist, dann kann es gut sein, dass man nicht mehr ist als ein älterer Bruder. Um wirklich Christ zu werden, müssen wir auch Buße tun für die Motive, aus denen heraus wir all unsere guten Taten getan haben. Pharisäer bereuen nur ihre Sünden. Christen bereuen auch all die Dinge, mit denen sie versucht haben, ihre eigene Gerechtigkeit zu begründen. Wir müssen lernen, wie wir die Sünde bereuen, die sich hinter all unseren Sünden verbirgt, und auch hinter all unserer eigenen Gerechtigkeit.
Wir müssen zugeben, dass wir unsere Hoffnung und unser Vertrauen letztlich in andere Dinge und nicht in Gott gesetzt haben. Und wir müssen letztlich zugeben, dass wir sowohl durch unsere schlechten wie auch durch unsere guten Taten versucht haben, um Gott herum zu kommen. Oder versucht haben, ihn dadurch zu kontrollieren und zu manipulieren, damit er uns hilft, an all die Dinge heranzukommen, die wir wirklich wollen.“
Timothy Keller hat mit „The Prodigal God“ in seiner ihm eigenen intellektuellen und klaren Art ein Buch geschrieben, das bereits vor Erscheinen das Zeug zum Klassiker hat. Es gelingt ihm, nicht nur an vielen Stellen das Gleichnis vom verlorenen Sohn in einem ganz neuen Licht erscheinen zu lassen, er macht auch die Relevanz deutlich, die diese Erzählung für unseren Glauben haben kann.
"The Prodigal God" erscheint im Herbst im Brunnenverlag (Basel) auf Deutsch, auf Englisch ist es für 9,99€ bei Amazon erhältlich.
Bild und weitere Infos: www.theprodigalgod.com
Leserbrief zu diesem Beitrag
- Von Gudrun am 10.02.2010, 11:30 Uhr.
- Lieber Herr Gerster,
danke für die Möglichkeit, sich zu diesem großartigen Gleichnis hier ein wenig austauschen zu können. Ja, es ist richtig, vor Gott sind beide Söhne schuldig und uns, seinen Geschöpfen, steht es nicht zu, Wertigkeiten zu verteilen. Es ist wunderbar, wenn z.B. in HOF MIT HIMMEL Menschen berichten, wie sie von einem sinnentleerten Leben zum Glauben gekommen sind. Das ist wunderbar und da freue ich mich unendlich über diese Zeugnisse. Ich denke, dass auch der Erstgeborene in diesem Gleichnis später diese Freude für seinen jüngeren Bruder noch nachempfinden konnte – ich hoffe es jedenfalls. Sein Vater hat ihm jedenfalls ein überwältigendes Beispiel seiner unendlichen Liebe vorgemacht. Der Vater ist und bleibt autonom und souverän und seine Geschöpfe haben kein Recht, dass er sich bei ihnen rechtfertigen muss für Liebe oder Leid. So gesehen hat der Erstgeborene den wahren Ring nicht automatisch oder selbstverständlich. Aber auch Lessings Ringparabel greift noch zu kurz, denn über den Wettkampf lässt sich Gott nun offenbar auch nicht beeindrucken und beeinflussen. Nur durch Christus selbst haben wir Gnade gefunden. Wenn Christus kam, zu suchen und zu retten, was verloren ist, dann ist auch der ältere Bruder in Christi Adressatenkreis dabei und muss nicht außen vorstehen. Herzlichen Dank, Herr Gerster, für Ihre Anregungen. - Von Michael Gerster am 10.02.2010, 9:27 Uhr.
- Liebe Gudrun,
vielleicht habe ich es nicht ganz deutlich gemacht. Keller erklärt, dass beide Wege nicht zu Gott führen, weder der Weg der Selbstverwirklichung, noch der Weg als guter, moralischer Mensch Gott zu beeindrucken. Beide Söhne sind verloren, wenn man Verlorensein als gestörte Beziehung zum Vater versteht. Die Gefahr beim Älteren ist eher, dass er sich dessen nicht so bewusst ist, weil er ja all das "Richtige" tut. Beim Jüngeren ist es offensichtlich, dass er sich vom Vater abgewandt hat. Beim Älteren ist es das Herz - und das sieht nur Gott. - Von Gudrun am 09.02.2010, 23:34 Uhr.
- Das Gleichnis vom Verlorenen Sohn habe ich schon in den verschiedensten Interpretationen gehört. Meistens mit dem Fokus auf der Reue und Umkehr des weggegangenen Sohnes. In der vorletzten Auslegung, die ich hörte, sagte der Prediger, dass wir alle uns in unseren jungen Jahren von Gott entfernen, weil wir uns jung, attraktiv, stark, erfolgreich usw. fühlten. Wenn aber die Blüte verwelke und der Erfolg ausbleibe, besännen wir uns und kehrten reumütig zurück. Frau Lapide, eine jüdische Religionswissenschaftlerin, legt das Gleichnis so aus, dass der jüngere Sohn ein Überläufer zu den Feinden, den Römern, war. Die Römer, deren Maskottchen ein Eber war, standen für die Schweine. Der Junge war für die eigene Gemeinschaft tot. Überläufer waren abgelehnt, verrufen und verachtet, deshalb auch „verloren“. Der Vater nimmt seine Bitte um Vergebung an und freut sich, dass der Sohn nicht mehr tot, sondern in die Gemeinschaft zurückgekehrt ist. Sein erstgeborener Sohn aber bliebe sein Liebling und sein Erbe. Es sei nicht richtig vom Vater gewesen, den älteren Sohn nicht selbst über das Fest informiert und ihn dazu eingeladen zu haben und dafür entschuldige sich der Vater beim älteren Sohn – nachzuhören bei ‚http://bibeltv-vod.ip-fernsehen.net/index.php?band=B4002009‘ . – Wenn ich nun von dieser neuen Auslegung von Timothy Keller lese, so denke ich, dass sie ganz in den momentanen Trend passt. Im immer kleiner werdenden Häuflein traditioneller Christen hat man nun den bequemen Sündenbock gefunden. Es kommt mir so vor wie mal auf einer Veranstaltung, als der Leiter den Wenigen, die erschienenen waren, Vorhaltungen machte, wetterte und schimpfte, weil so wenige gekommen waren. Aber zurück zu Herrn Keller: Was ist, wenn es den „bequemen Sündenbock“ gar nicht mehr gibt, weil er ausgestorben ist? Wird dann die Welt heil sein? Ich habe mit einer solchen Auslegung bis jetzt noch ein Problem.
- Von esther am 09.02.2010, 7:11 Uhr.
- Der Text hat mich so beeindruckt, und ich habe immer noch auf leserbriefe gewartetet, aber nachdem keiner kommt, will ich es tun.
Der Gedanke, dass der 2. Sohn auch verloren ist- und noch viel verlorener, weil er in seiner "gesetzestreue" und "rechtschaffenheit" ja keinerlei Verdacht hat dass er irgenwie nicht "gotteskonform" liegen könnte, hat mich ganz arg getröstet. Ich fühle mich mit meinen Brüchen und Schwächen und mit meinem unvollkommenen Leben oft den sogenannten Vorzeigechristen so unterlegen- obwohl ich weiss, dass das falsch ist, aber das Gefühl ist trotzdem da.
Ich habe auch erst - obwohl superchristlich erzogen- über 40 jahre alt werden müssen bis mir das Wunder des gnädigen und liebenden Gottes aufgegangen ist, da ist einfach die Verunsicherung eingepflanzt und heilt nur langsam ab.
Auch dass der 2. Sohn sich eigentlich auf die Suche nach seinem Bruder machen müsste- anstelle an Gottes Tisch/im Warmen zu bleiben- wieviele Christen schotten sich ab.
Die Idee dieses altbekannte Gleichnis so zu sehen ist einfach phänomenal.Danke Timothy Keller.


