In die Stille eintauchen
Vor Gott still zu werden, ist nicht leicht. Ein Tag der Stille in einem Gästehaus kann dabei weiterhelfen. S. Oppliger verrät, wie ein solcher Tag aussieht.
Das Jahr der Stille 2010 lädt dazu ein, Gottes Lebensrhythmus neu zu entdecken. Die Idee, Gott verstärkt in der Stille zu begegnen, ist allerdings nicht neu. Christlich ausgerichtete Gästehäuser bieten schon seit längerer Zeit so genannte Tage der Stille an. Susanna Oppliger ist seit 1992 im Leitungsteam im Sunnebad, einem Haus der Stille in der Schweiz. ERF.de hat mir ihr über Stille gesprochen und darüber, welche Möglichkeiten Stille Tage dem einzelnen bieten.
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| Susanna Oppliger ist Exerzitienleiterin, Seelsorgerin und Referentin zu Themen des geistlichen Lebens. |
ERF.de: Sie sind mit zehn Geschwistern aufgewachsen. Da ging es bestimmt öfters ziemlich laut zu. Hat Ihre heutige Beschäftigung mit der Stille seinen Ursprung in ihrer Kindheit?
Susanna Oppliger: Das kann ich so nicht sagen. Aber ich erinnere mich, dass ich schon als Teenager Momente der Stille gesucht habe, wo ich mit mir, mit Gott und mit meinem Tagebuch alleine war. Das konnte abends spät im Bett bei Kerzenlicht sein oder manchmal bin ich auch an ein See- oder Flussufer geradelt, um alleine zu sein. Ich denke, dass jeder Mensch Formen sucht, wo er mit sich alleine sein kann. Und als Christen nutzen wir solche Stille-Zeiten auch, um die Beziehung mit Gott zu pflegen.
Viele Menschen verbinden mit Stille vor allem die Abwesenheit von Geräuschen oder Lärm. Was ist Stille eigentlich?
Wenn ich von Stille spreche, dann denke ich an das „Sein vor Gott“. In der Stille bin ich in Gottes heilender und liebender Gegenwart – einfach so, wie ich bin. Stille hat auch mit Ruhe und Schönheit zu tun, deshalb finden viele Menschen in der Stille der Natur, in Gottes Schöpfung, eine besondere Nähe zu Gott.
Sie arbeiten im Sunnebad, einem Haus der Stille, wo Stille Tage und Exerzitien angeboten werden. Die Gäste, die daran teilnehmen, kommen aus dem normalen Alltagsgeschäft. Wie helfen Sie ihnen, innerlich ruhig zu werden?
Das Sunnebad ist ruhig gelegen und die ländliche Umgebung strahlt Ruhe aus. An Stillen Tagen und Exerzitien üben wir uns im Schweigen, im Verzichten auf Worte. So brauchen sich die Gäste nicht auf andere Menschen einzulassen und haben die Möglichkeit, ganz bei sich zu sein. Das Ziel des Schweigens ist es, auf die Stimme Gottes zu hören, die durch den heiligen Geist in unserm Innern, in biblischen Texten, Liedern und Gebeten zu uns spricht.
Auch die Mahlzeiten finden im Schweigen statt, dazu gibt es klassische Musik zu hören. Es ist jedoch so, dass in der Stille erst mal aus der Seele auftauchen wird, was im Alltag von Aktivität überdeckt ist. Deshalb bieten wir den Teilnehmern täglich ein halbstündiges geistliches Begleitungsgespräch an, wo ausgesprochen werden kann, was aufbricht.
Reicht ein Tag dazu aus?
Es ist besser als gar nichts! Einige Teilnehmer reisen schon am Vorabend an und haben so etwas mehr Zeit, sich auf die Stille einzustellen. Viele kommen regelmäßig zu den Stillen Tagen. Sie kennen das Haus und den Ablauf des Tages und können so rasch in die Stille eintauchen.
Viele halten die Stille kaum aus
Was motiviert Menschen, einen Tag oder eine ganze Woche in der Stille zu verbringen?
Viele Menschen haben das Bedürfnis nach Stille – aber sie halten sie kaum aus. Deshalb sind begleitete Stille Tage etwas ganz Kostbares. Wir bieten an Stillen Tagen eine gleichbleibende Tagesstruktur an: Am Vormittag gibt es das Morgengebet und Frühstück, Körperwahrnehmungsübungen und einen Input zum Tagesthema. Nach dem Mittagslob und Mittagessen ist der Nachmittag frei für persönliche Stille, Ruhen, kreatives Arbeiten und ein geistliches Begleitungsgespräch.
Die einzelnen Stillen Tage finden ihren Abschluss mit einer Lobpreiszeit und der Abendmahlsfeier. In den Exerzitien treffen wir uns nochmals nach dem Abendessen und dem Abendgebet für einen gemeinsamen Tagesabschluss. Wer sich einmal auf solche Tage einlässt, der spürt die wohltuende und nachhaltige Wirkung von Zeiten der Stille. Diese Menschen kommen immer wieder.
Bei den Übungen ist es Ihnen auch wichtig, dass der Körper zur Ruhe kommt. Warum?
Der Leib ist wie ein „Barometer“, der anzeigt, wie es uns innerlich geht. Innere Unruhe wirkt sich im Leib aus. Es gibt Verspannungen und körperliche Unruhe. Wir beziehen den Leib bewusst mit ein, weil er auch ein „Instrument“ ist. Wenn der Körper ruhig wird, hat das eine beruhigende Wirkung auf unsere Seele.
Die Teilnehmer sind eingeladen, ihren Leib im Stehen, Sitzen oder Liegen aufmerksam wahrzunehmen. Nach Anleitung gehen sie dann mit der Aufmerksamkeit in die verschiedenen Bereiche des Körpers, spüren den Kontakt zur Unterlage und nehmen sich wahr von Kopf bis Fuß. Auch der Atem wir mit einbezogen. Das Ziel ist, dass ich ganz bei mir sein kann und mit mir vor Gott. Dass ich mich öffne für die Begegnung mit ihm.
Sie geben auch den Tipp, im Rhythmus des Atems bestimmte Worte wie etwa einen Bibelvers zu wiederholen, um vor Gott ruhig zu werden. Das erinnert mich an östliche Meditationsübungen. Schaltet man dabei nicht den Verstand aus?
Ich habe kürzlich den Satz gelesen: „Jeder Mensch atmet seine Weltanschauung.“ Dass die Konzentration auf den Atem uns hilft, ruhig zu werden, hat nichts damit zu tun, ob wir Christen sind oder nicht. Es ist einfach so, weil wir Menschen sind. Wir können dieses „Naturgesetz“ nutzen, um biblische Wahrheiten im Herzen zu bewegen.
Das Herz – ein wichtiges, biblisches Wort - ist identisch mit der ganzen menschlichen Person. Nach biblischem Verständnis findet unser Denken, Fühlen und Wollen im Herzen statt. Wenn wir Gott lieben mit ganzem Herzen, dann gehört alles dazu: Verstand, Gefühl und Wille, Leib, Seele und Geist. Wenn wir Worte im Herzen bewegen, ist der Verstand nicht ausgeschaltet, aber unsere Gedanken können dann auch zur Ruhe kommen.
Haben Sie es schon erlebt, dass Teilnehmer sich konkret vornehmen, etwas in ihrem Alltag zu verändern, wenn sie wieder nach Hause fahren?
Ja natürlich. Das Wort „Exerzitien“ bedeutet eigentlich „geistliche Übungen“. Während der Stillen Tage werden neue Gedanken, Bilder, Vorstellungen über Gott und das eigene Leben erkannt und gelernt, die dann im Alltag weiter geübt werden. Deshalb gibt es eine Abschlussrunde, wo jeder Teilnehmer und jede Teilnehmerin etwas ausspricht, was er oder sie als konkreten Übungsschritt mit in den Alltag zurück nimmt. Vielleicht richtet er sich eine „Stille-Ecke“ ein und plant sich kleine Oasen der Stille in seinen Alltag ein. Oder sie schaut jeden Morgen in den Spiegel und sagt: Ich bin eine geliebte Frau!
Vielen Dank für das Gespräch!
Mehr Informationen zum Sunnebad und den Stillen Tagen und Exerzitien, die dort angeboten werden, finden Sie unter sunnebad.ch
Weitere Angebote zu Stillen Tagen finden Sie im ERF.de - Veranstaltungskalender und dem Suchbegriff Stille.
(Fotos: S. Oppliger/ privat; hapekla/ sxc.hu (Beispielfoto))
Leserbrief zu diesem Beitrag
- Von Kristina Zimmermann am 14.02.2010, 17:55 Uhr.
- Das Interview zur Stille ist sehr interessant und ansprechend. Stille Zeit kommt in unserem lauten und schnell lebigen Alltag wirklich zu kurz. Ich bin davon überzeugt, dass man bei einem solchen Seminar Energie auftankt und große Selbsterfahrungen macht. Aber wir können Zeiten der Stille auch als feste Rituale in unseren Alltag einbauen. Der frühe Morgen bietet sich auch dazu an. Ich selbst versuche es auch immer wieder, leider habe ich oft zu wenig Zeit oder ich bin zu träge. Gottes Gegenwart in der Stille zu erleben ist etwas Großartiges.
- Von Rosemarie Such am 08.02.2010, 11:47 Uhr.
- Guten Morgen Frau Oppliger,
vielen Dank für Ihre Gedanken zur Stille. Ich habe für mich herausgefunden, dass ich dass am besten am Abend kann, wenn ich noch einmal die Losungen und Andachten in LIcht u. Kraft lese.
Aber vor allem morgens zusätzlich Anstoß u. Wort zum Tag vom ERF lese.
Gottes Segen und auch Ihnen gute Zeiten in der Stille wünscht Ihnen
Rosemarie Such - Von Gudrun am 05.02.2010, 17:22 Uhr.
- In diesen Rahmen würde auch "Das Ruhegebet. Eine Einübung nach Johannes Cassian" gut passen.
- Von Ingrid Bös am 05.02.2010, 14:25 Uhr.
- Hallo,
ich habe tolle Stilletag in Neusatz im Henhöferheim erlebt. Kann ich nur empfehlen.
Meine Erfahrung mit Stille ist, sich aus dem Alltag lösen und zur Ruhe kommen. Körperlich, gedanklich und vom Herzen her.
Und dann sehen, was einem wirklich umtreibt.
Aber ich will auch sagen, daß es viele Menschen nicht schaffen in die Stille zu kommen. Sie suchen immer Gespräche mit anderen oder Aktivitäten.
Ich glaube jeder sollte für sich herausfinden wie still die Stille für ihn sein kann. Man darf die Erwartungen nicht zu hoch setzen, weil sonst macht man keine gute Erfahrungen damit.
Was auch gut hilft um in die Stille zu kommen ist Meditation und Kontemplation. Aber das sollte man doch in der Gruppe mit Anleidung machen.
Oder was hier nicht angesprochen wurde im obigen Text mit fasten. Das fasten verstärkt die Stille und man hört lauter, was man denkt.
Ich kann nur wünschen viel Muse zur Stille und nicht aufgeben
Gottes Segen
Ingrid - Von HeHe am 04.02.2010, 12:37 Uhr.
- Seit Jahren schon helfe ich Menschen bei der Begegnung mit der Stille und dadurch bei der Begegnung in der Stille. Herzensgebet, Schweigen, Achtsam sein. Wohltuend für Körper, Geist und Seele.
Im Jahr der Stille gehe ich mit Menschen unserer Gemeinde durch die Perlen des Glaubens. Es werden immer mehr Menschen, die diese wohltuenden Kraftquellen aufsuchen - auch wenn es manchmal zunächst wenig wohltuendes zu entdecken gibt.
Liebe Frau Oppliger, ich wünsche Ihnen alles Gute und Gottes Segen für Ihre so hilfreiche und segenreiche Arbeit - Von margit wittig am 04.02.2010, 12:08 Uhr.
- Liebe Frau Oppliger, durch solche stillen Tage vor Gott konnte ich segensreiche Erfahrungen machen. So z.B. hat mich mal eine Freundin auf so einen Wüstentag mitgenommen. Mein Gedankenkarussell war derzeit sehr aktiv, wegen vielerlei Ideen und beruflichen Weiterbildungsplänen. Gott selbst hat mir an diesem Wüstentag erstmal Orientierung geschenkt, wo die berufliche Weiterbildungsreise hingehen soll. Ich habe alles verschriftlicht und diese Aufzeichnungen waren wie ein Kompass für mich. Vor allem hat er mir Mut in mein Herz hineingelegt neue Schritte zu wagen. Immer wieder suche ich solche besonderen Tage, wenn ich spüre - Umkehr ist angesagt oder eine Neuorientierung- ob ganz privat oder beruflich. Von daher kann ich die Gedanken, die im Interview geäußert werden, so gut nachvollziehen.
Ich wünsche Ihnen weiterhin Gottes Segen in diesem Dienst.
LG,
Margit Wittig



