Oh wie schön ist Paraguay.
Das Land im Herzen Südamerikas bietet Touristen neben lateinamerikanischem Charm auch eine Überraschung besonderer Art.
Das Calvin Jahr 2009 lässt die Ereignisse der Reformation wieder neu lebendig werden. Doch nicht nur die großen evangelischen Kirchen sind in dieser Zeit entstanden. 1537 wurde Menno Simons in Amsterdam der Leiter einer Gruppe von Christen, die sich später auch nach ihm benannte: Die Mennoniten. In mehreren Punkten unterschied sich diese kleine Gruppe evangelisch geprägter Christen von der restlichen reformatorischen Bewegung: Sie waren für eine Trennung von Staat und Kirche, lehrten die Erwachsenentaufe und lehnten jegliche Form der Gewaltanwendung ab.
Diese Überzeugungen führten dazu, dass sie von Kirche und Staat über Jahrhunderte hinweg immer wieder verfolgt und vertrieben wurden. Über Westeuropa, Russland und Nordamerika gelangten sie im 20. Jahrhundert schließlich nach Südamerika. Dort siedelten sie sich auch im paraguayischen Chaco an, ein Gebiet mit extremen klimatischen Bedingungen. ERF.de hat sich mit Clarisse Giesbrecht, einer paraguayischen Mennonitin, über ihr Leben dort unterhalten.
ERF.de: Wie kommt es, dass man mitten im Herzen von Südamerika ganze Ortschaften findet, in denen die Menschen Deutsch, Englisch oder Plattdeutsch sprechen und in ihrer Lebensweise ziemlich westlich geprägt wirken?
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| Der paraguayische Chaco - im Sommer herrlich grün... |
Clarisse Giesbrecht: In Paraguay leben insgesamt rund dreißigtausend Mennoniten. Etwa 14.000 davon haben sich im westlichen Teil des Landes, dem sogenannten Chaco angesiedelt. Die erste Gruppe wanderte 1927 in Paraguay ein. In Kanada, wo sie gelebt hatten, waren ihnen mehrere Privilegien versagt worden. So durften sie zum Beispiel keine christlichen Privatschulen mehr führen. Paraguay war zu der damaligen Zeit an der Einwanderung von Ackerbauern interessiert. Deswegen stellt das Land die beantragten Privilegien in Aussicht. Dazu gehörte beispielsweise die Befreiung von der Wehrpflicht für junge Männer und die Gründung von christlichen Privatschulen.
1929 flohen in Russland dann Tausende Mennoniten nach Moskau, um die Ausreise aus dem "kommunistischen Paradies" zu erbitten. Von den über vierzehntausend Flüchtlingen erhielt nur ungefähr ein Drittel die Ausreiseerleaubnis. Sie bekamen in Deutschland für einige Monate Unterkunft. Paraguay wurde auch für diese Gruppe der Mennoniten das Reiseziel, an dem sie ihre neue Heimat aufbauen konnten. Nach dem zweiten Weltkrieg reisten 1947 dann nochmals Flüchtlinge in Paraguay ein. Sie gründeten die dritte der sogenannten Kolonien. Diese Einwanderungsgeschichte erklärt, warum die Lebensweise der Mennoniten westlich geprägt war und immer noch ist.
Gibt es typische Merkmale oder Eigenarten, an denen man bis heute die kanadische, bzw. deutsche und russische Abstammung der Mennoniten merkt?
Zuallerst fällt mir da die die deutsche Sprache bzw. der plattdeutsche Dialekt ein. Sprache verbindet eine Gemeinschaft. So wird eben im Alltagsleben bei uns - in einem Land, dessen offizielle Landessprachen Spanisch und Guaraní sind - vor allem der plattdeutsche Dialekt gesprochen. Aber auch die hochdeutsche Sprache wird in der Schule, in der Kirche und bei offziellen Veranstaltungen gesprochen.
Weitere Eigenarten, die häufig mit der deutschen Kultur in Verbindung gebracht werden und die auch hier bei uns einen hohen Stellenwert haben, sind Werte wie Fleiß, Ehrlichkeit, Arbeitsamkeit, Ordnung, Organisation und Pünktlichkeit. Die schwierigen Verhältnisse in der Ansiedlungszeit verlangte von den Mennoniten eine strategische Planung, die vor allem durch eine Organisation als Gemeinschaft erreicht werden konnte. So wurden durch die Zusammenarbeit der Bürger Zentren geschaffen, in denen eigene Schulen, Krankenhäuser entstanden. Es wurden gemeinsam auch Absatzmöglichkeiten für die Produkte auf dem nationalen Markt gesucht. Dieses Modell der Zusammenarbeit war hier in Paraguay zum damaligen Zeitpunkt wohl ganz neu und somit auch ein Hinweis auf den westlichen Hintergrund der neuen Siedler.
Nicht zuletzt zeigt sich die westliche Herkunft auch an der deutschen und russischen Küche. Zum einen hat man sich bereits an die landestypischen Gerichte und Getränke gewöhnt. Andererseits wird aber dem typisch russischen "Bortschsch" (Suppe), "Vrenitji" (Maultaschen) und Gebäck wie Brötchen und Streuselkuchen ein hoher Wert beigemessen. Von den deutschen Gerichten wären es beispielsweise der "Frankfurter Kranz" oder die "Wiener Würstchen", die man hier kennt und gerne isst.
Die europäische und nordamerikanische Abstammung führt wahrscheinlich auch zu Spannungen mit dem lateinamerikanischen Umfeld. Du selbst hast bei deinem Studium in Argentinien die lateinamerikanische Kultur gut kennengelernt. Was sind für dich die typischen Reibungspunkte und wo profitierst du deiner Meinung nach von den Unterschieden?
Ein typischer Reibungspunkt ist die unterschiedliche Vorgehensweise beim Planen und Organisieren. Eine Sitzung wird in beiden Kulturen unterschiedlich geplant und durchgeführt. Die lateinamerikanische Kultur legt sich da nicht von vorneherein so konkret fest, bzw. plant die Einzelheiten nicht bis ins Detail. Bei uns hingegen ist es sehr wichtig, dass Sitzungen geplant und auch möglichst der Tagesordnung entsprechend durchgeführt werden.
Die Art und Weise wie man Gefühle äußert, kann ebenfalls als Reibungspunkt empfunden werden. Die Lateinamerikaner sind expressive, warme und spontan reagierende Persönlichkeiten. Wir Mennoniten sind hingegen eher zurückhaltend, "kühl" und formell. Das kann aber auch eine Bereicherung sein: Nimmt man beide Reaktionsweisen zusammen, können sie als Ergänzung empfunden und erlebt werden.
Dasselbe gilt auch für die Sprache. Da die Nachkommen der eingewanderten Mennoniten noch nicht alle fließend Spanisch und/oder Guaraní sprechen, sind Missverständnisse und Konflikte im interkulturellen Zusammenleben vorprogrammiert. Andererseits liegt in der Mehrsprachigkeit eine große Chance, neue Denkweisen und andere Menschen, die im lateinamerikanischen Umfeld leben, besser kennen und annehmen zu lernen. Mir ist es deswegen wichtig, Spanisch zu verstehen und selber zu sprechen.
Der christliche Glaube ist für die Mennoniten das tragende Element in ihrer Geschichte und in ihrer Lebensweise. Wie macht sich das bei euch im Chaco konkret bemerkbar?
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| ... im Winter staubig und trocken. |
Der christliche Glaube und das Gottvertrauen waren schon bei der Gründung unserer Gemeinschaften die Basis. Konkrete Auswirkungen des christlichen Glaubens möchte ich zwei größeren Bereichen zuordnen:
Da ist zum Einen der Dienst und die Hilfe am und für den Mitmenschen: Seit die Mennoniten in Paraguay einwanderten, ist die Bibel an die paraguayischen Ureinwohner weitergegeben worden. Einige Mennoniten erlernten dafür extra die indianischen Sprachen, um die Bibel zu übersetzen. In den Indianer- und Paragauyersiedlungen wird auch konkrete Nachbarschaftshilfe und Beratungsarbeit angeboten. Zudem wurden mehrere christliche Werke ins Leben gerufen, wo sich die Liebe zu Gott ganz praktisch am Nächsten zeigt: Durch Behandlung von Leprakranken in einem dazu gegründeten Krankenhaus oder durch die Versorgung von Straßenkindern in einer Kinderherberge.
Der zweite Bereich ist das Pflegen der Gemeinschaft mit Gott und mit anderen Mitchristen. Hier erfüllen die christlichen Gemeinden eine wichtige Funktion. Es werden regelmäßige Gottesdienste und andere christliche Veranstaltungen wie Jugendstunden, Kinderfreizeiten, Evangelisationen oder Hauskreise organisiert und durchgeführt. Das Ziel davon ist es, christliche Werte zu vermitteln und die Liebe zu Gott und den Mitchristen zu vertiefen.
Du selbst bist Lehrerin an einer mennonitischen Gesamtschule. Hast du manchmal den Eindruck, dass die christliche Grundprägung der Gesellschaft auch zu Spannungen, gerade auch bei Jugendlichen, führt?
Ja, ganz sicher kommt es da immer wieder zu Spannungen. Nicht die Herkunft, die Sprache, die Hautfarbe oder die Tradition sind es, die uns zu Mennoniten machen, sondern der christliche Glaube. Der Wert, in einem christlichen Elternhaus aufzuwachsen, ist nicht zu unterschätzen. Viele der Jugendlichen in unserer Gesellschaft haben in ihren Eltern authentische und transparente Vorbilder und erleben eine schöne Kindheit und Jugendzeit. Positiv gesehen lernen Kinder oft dadurch und werden selber zu überzeugten Christen und schließen sich der Gemeinde an.
Auf der anderen Seite muss aber auch gesagt werden, dass ein christlich geprägtes Elternhaus nicht die Garantie ist, dass die Kinder sich bewusst für das Christsein und die Taufe entscheiden. Ich denke die Gefahr besteht, dass Kinder aus christlich geprägten Elternhäusern manchmal vielleicht aus einer gewissen Verantwortungshaltung den Eltern gegenüber oder unter einem gewissen Gruppendruck heraus Christ werden. Da ist es dann nicht die eigene Überzeugung, die zu einer bewussten Entscheidung führt.
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| Auf dem Weg zur Schulandacht... |
Wie versuchst du persönlich mit diesen Spannungen umzugehen?
In meinem täglichen Umgang mit den Schülern habe ich beobachtet, dass Spannungen, die mit der christlichen Grundprägung der Gesellschaft zu tun haben, am ehesten durch offen geführte Gespräche angegangen werden können. Solche Gespräche ergeben sich im Schulalltag oder entstehen auch durch bestimmte Unterrichtsinhalte. Gerade im Fach Ethik sehe ich hier Chancen, einen positiven Beitrag zu leisten und Orientierung zu geben. So habe ich als Lehrerin auch die Möglichkeit, mit der Hilfe Gottes ein authentisches Christein im Alltag auszuleben und Stellung zu nehmen zu unterschiedlichen Fragen. Dabei ist es mir auch immer wieder wichtig, dass die Schüler merken, dass wir alle - auch als Lehrer – keine perfekten Christen sind, sondern dass wir alle gemeinsam unterwegs sind.
Neben Deiner „doppelten Identität“ als Mennonitin und Paraguayerin warst du schon einige Male in Deutschland. Gibt es Dinge, die dir bei deinen Besuchen hier positiv oder auch negativ aufgefallen sind?
An Schulen positiv aufgefallen ist mir vor allem die gute Organisation des Schulalltags sowie die komplette Ausstattung. Überhaupt, dass viel Wert auf eine gründliche und gute Grundausbildung und ein umfassendes Allgemeinwissen gelegt wird. Beeindruckend waren für mich bei den Besuchen auch die vielen sauberen Gegenden Deutschlands, die perfekte Organisation des Verkehrs. Man kann in kurzer Zeit ganz Deutschland bereisen und hat so die Möglichkeit, vieles zu sehen und kennenzulernen. Hinzu kommt das breite und vielseitige Kulturangebot, das Deutschland für mich attraktiv macht. Auch die vorwiegend interaktiv gestalteten Gottesdienste, die ich miterleben durfte, waren für mich bereichernd.
Ein besonderes Erlebnis im letzten Dezember war für mich das Kennenlernen der Weihnachtsmärkte. Die vielen Lichter, die tolle Stimmung, die Menschen, die guter Laune waren - all das war für mich interessant zu beobachten und wahrzunehmen. Trotzdem habe ich mich da auch gefragt, ob dabei der eigentliche Sinn von Weihnachten nicht vielleicht doch etwas zu kurz kommt. Noch eine Beobachtung, die eher tendenziell zu verstehen ist, habe ich gemacht: Zum einen haben Kinder und Jugendliche in Deutschland enorme Möglichkeiten, was die Ausbildungschancen und später die Karriere anbelangt. Andererseits hatte ich den Eindruck, dass der Leistungsdruck für Kinder schon relativ früh beginnt. Das könnte dazu führen, dass eine unbesorgte Kindheit zu kurz kommt.
Dieses Jahr findet die mennonitische Weltkonferenz in Asuncion statt. 6000 Mennoniten aus aller Welt werden dazu erwartet. Was wird deiner Meinung nach den typisch paraguayischen Charakter dieser Veranstaltung ausmachen?
Zum einen wird es - besonders für Personen, die sonst auf der Nordhalbkugel leben - eine besondere Erfahrung sein, Asunción im paraguayischen "Winter" mit Durchschnittstemperaturen um die 15 Grad Celsius zu erleben. Interessant dürfte es auch sein, mit 6000 Mennoniten aus aller Welt in einer eher kleinen Hauptstadt wie Asunción ein vielseitiges Tagungsangebot wahrzunehmen – es geht dort zuweilen recht chaotisch zu.
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| Mennonitisch - paraguyischer Asado |
Auch dass es möglich sein wird, einen Einblick in unterschiedliche Einrichtungen zu bekommen, die von den Täufermennoniten in Paraguay ins Leben gerufen wurden, ist bestimmt reizvoll. Dazu gehören zum Beispiel ein Krankenhaus für Leprakranke, die Kinderherberge "El Abrigo", der christlichen Fernsehkanal "Red Guaraní" oder die Radiostation "Obedira".
Die warmherzige und freundliche Kultur der Paraguayer zu erleben, ist meines Erachtens ein weiterer wichtiger Punkt. Da Asunción in diesem Jahr auch die Kulturhauptstadt Amerikas ist, wird es jede Menge touristischer Attraktionen geben, wie typisch paraguayische Harfen- und Gitarrenmusik, spezielle Konzerte, landestypische Gerichte wie den Asado (gegrilltes Fleisch) und den Mate (heißer Matetee). Diese Atmosphäre dürfte dazu führen, dass Paraguay als Land im Herzen von Südamerika wahrgenommen und erlebt wird.
Mehr Informationen zur Geschichte der Mennoniten und den Kolonien in Paraguay:
Arbeitsgemeinschaft mennonitischer Gemeinden in Deutschland
Kolonie Menno (Einwanderung 1927; Webseite in Spanisch und Englisch)
Kolonie Fernheim (Einwanderung 1930; Webseite in Spanisch)
Kolonie Neuland (Einwanderung 1947; Webseite in Deutsch, Spanisch und Englisch)
Mennonitische Weltkonferenz 2009
(Fotos: A.Isaak/H.Keller)
Autor: Hanna Keller






