Ökonomie im Widerspruch zum Evangelium
Der einstige Bundesminister und scharfzüngige Debattenredner Heiner Geißler bleibt auch mit 80 Jahren ein kritischer Geist.
Auch als Senior-Politiker, der seit 2002 nicht mehr Bundestagsabgeordneter ist, meldet sich der nun 80jährige Heiner Geißler immer wieder zu Wort. 2007 trat der ehemalige CDU-Minister, -Abgeordnete und –Generalsekretär dem globalisierungskritischen Netzwerk „Attac“ bei. Der von der katholischen Soziallehre wertgeprägte Geißler durchschaut die Abläufe der Politik wie kaum ein zweiter und weiß, dass die ökonomischen und ökologischen Probleme der Menschheit nur im Weltmaßstab zu lösen sind. Dabei bleibt er auch in seinem im letzten Jahr erschienenen Buch „Ou Topos. Die Suche nach dem Ort, den es geben müsste“ ein um die sozio-ökonomische Befriedung Ringender.
Geißler wurde am 3. März 1930 im schwäbischen Oberndorf geboren, war Ende des Zweiten Weltkriegs noch im Jungen-Volkssturm und lernte im Donautal klettern. Prägungen, die ihn mit seinem politischen Engagement und seiner Passion fürs Bergsteigen lebenslang begleiteten.
Das erste Studium der Philosophie an der Jesuiten-Hochschule München nach seinem Abitur am Kolleg St. Blasien 1949 tauschte er gegen die Rechtswissenschaften. Die Jurisprudenz schloss er mit der Promotion zum Kriegsdienstverweigerungsrecht und mit dem Zweiten Staatsexamen ab. Nach Beginn seiner politischen Karriere als Jung-Unions-Vorsitzender, Regierungsrat und Bundestagsabgeordneter in Baden-Württemberg wechselte Geißler 1967 bis 1977 als Sozialminister nach Rheinland-Pfalz, wo er 1970 die bundesweit ersten Sozialstationen gründete.
Seinem Mainzer Ex-Ministerpräsidenten Helmuth Kohl folgte Geißler nach Bonn, war dort zwölf Jahre Generalsekretär der Bundes-CDU, 1982 bis 1985 Bundesfamilienminister mit Akzenten in der Geschlechter-Gleichberechtigung und 1980 bis 2002 Bundestagsabgeordneter für seinen südpfälzischen Wohnort-Wahlkreis. Zu Helmuth Kohl geriet Geißler zunehmend in ein kritisches Verhältnis und räumte 1999 in der CDU-Spendenaffäre sogar die Existenz schwarzer Konten bei der Partei ein.
Scharfzüngiger Debattenredner
Geißler wurde als scharf zuspitzender Debattenredner bekannt. Seiner sozialkritischen Gesinnung wegen erhielt er den Spitznamen „Herz-Jesu-Marxist“. So formulierte er 1976 als einer der ersten die Neue Soziale Frage und befand 1982 in der Nachrüstungsdebatte, dass der Pazifismus der 1930er Jahre Auschwitz erst möglich gemacht habe. 2003 fragte Geißler „Was würde Jesus heute sagen?“ und suchte nach den politischen Botschaften des Evangeliums.
In einem Besuch beim Diakonischen Werk in Berlin 2007 setzte sich Geißler für eine qualitativ gute Pflege ein und sagte „Das ist der Anspruch, den man nie aufgeben darf! Im Pflegebereich braucht man qualifiziertes Fachpersonal. Und das muss die Gesellschaft bezahlen“ (siehe ESW-Informationsbrief 2/2007, Seite15f.).
Leisetreterei bringt nichts
Geißler ermunterte die Sozialverbände ausdrücklich zu „Krach und Streit“. Dem ökonomischen Druck dürfe nicht nachgegeben werden. Diakonie und Caritas befänden sich in einem Machtkampf zwischen denen, die Verantwortung trügen für das Soziale, und jenen, die die Finanzen beherrschten: Politik, Finanzwirtschaft und Arbeitgeberverbände, „die etwas abgeben müssen von ihren Riesengewinnen und hohen Steuereinnahmen“. Diese würden zum Teil für Unsinniges verwendet.
Die christlichen Wohlfahrtsverbände sollen Geißler zufolge das tun, was auch Jesus regelmäßig tat: „Er hat sich mit allen angelegt, die mächtig gewesen sind und es für selbstverständlich hielten, dass es den Menschen schlecht geht, und er hat diesen Streit auch durchgestanden“. Das fehle heute.
Im sozialen Bereich sei mit Leisetreterei nichts zu erreichen. Die derzeitige Ökonomisierung der Gesellschaft „ist eine Situation, die sich in diametralem Widerspruch zum Evangelium befindet“. Und: „Jesus würde diese gesellschaftlichen Verhältnisse nicht akzeptieren: Das halte ich für völlig ausgeschlossen“, sagte Geißler in Berlin beim Diakonischen Werk.
(Quelle: Informationsbrief des Evangelischen Seniorenwerks (ESW))
Foto: inforadio
Autor: Prof. Kurt Witterstätter
Leserbrief zu diesem Beitrag
- Von E.Illi am 10.03.2010, 17:34 Uhr.
- Herrn Geissler habe ich immer gerne gehört. am 9.3. bei Maischberger hat er mir am besten gefallen. Also ich finde, er ist genau in der rechten Partei. Was die anderen wollen und können und dann auch fabrizieren haben wir schon oft erfahren müssen. LEIDER.
- Von Martin Hildebrandt am 08.03.2010, 22:46 Uhr.
- Wenn wir mehr Politiker vom Format des Heiner Geißler hätten, sähe es in unserer Demokratie besser aus. Das kann man leider nur beklagen oder dafür beten, dass sich befähigte Menschen in das schwierige Feld der Politik berufen lassen.
- Von Phoenix am 07.03.2010, 17:04 Uhr.
- Herr Geissler trifft es auf den Punkt. Leider stoert mich auch die Parteienzuegehoerigkeit. Passt irgendwie nicht zusammen finde ich.
- Von Corinna Anhalt am 06.03.2010, 21:14 Uhr.
- Auch ich schätze Heiner Geissler sehr. Wenn ich auch seine Bücher nicht kenne, so habe ich ihn schon oft im Fernsehen gesehen und ich auch anlässlich einer Lesung erlebt. Solche Revoluzzer müsste es in der CDU noch mehr geben. Corinna
- Von Horst S. am 03.03.2010, 19:08 Uhr.
- Ein Mann wie Heiner Geißler braucht dieses Land. Da wo der Mensch und nicht die Partei im Mittelpunkt steht.
Ein wahrer Christenmensch!
Gott segne ihn und seine Familie! - Von Irma am 03.03.2010, 11:46 Uhr.
- Herzlichen Glückwunsch und
Gottes Segen,
Solche Politikier wie Sie fehlen leider heute in unserem Land.
Die geistige ,christliche Führung und Moral in unserer Gesellschaft - Von HeHe am 03.03.2010, 10:25 Uhr.
- Heiner Geißler schätze ich. Ich habe Bücher von ihm gelesen. Er ist für mich ein gradliniger Mann. Ich schätze die Partei, der er angehört nicht. Aber ihn schon. Er ist einer der wenigen, die ihre Meinung sagen, auch wenn er damit aneckt. Und - er ist von seinem Glauben an Jesus getragen. Sehr beeindruckt hatte mich sein Buch: Was würde Jesus dazu sagen.
Ich wünsche ihm alles Gute!



