Rechtfertigung 2.0 – Luther heute verstehen
Was bedeutet Rechtfertigung heute? Die Grundfrage Martin Luthers „Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?“ trifft nicht mehr das Lebensgefühl im 21. Jahrhundert.
Was bedeutet Rechtfertigung heute? Die Grundfrage Martin Luthers „Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?“ trifft sicher nicht mehr das Lebensgefühl im 21. Jahrhundert. „Gibt es überhaupt einen Gott? Und wenn ja, warum lässt er dann so viel Leid in der Welt zu?“ sind eher Fragen, die Menschen heutzutage bewegen. Trotzdem ist die Lehre von der Rechtfertigung des Sünders allein durch Gnade das Herzstück des christlichen Glaubens evangelischer Prägung. Wie aber lassen sich diese für die evangelische Identität so wichtigen Erkenntnisse heute so vermitteln, dass ihre Bedeutung für das alltägliche Leben deutlich wird?
„Frei von dem Druck, das Gelingen unseres Lebens selbst bewerkstelligen zu müssen.“
Der frühere leitende Bischof der Vereinten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands, VELKD, Landesbischof i. R. Horst Hirschler (Rehburg-Loccum bei Hannover), hat vor einiger Zeit ein 48-seitiges Heft veröffentlicht, das genau dieser Frage nachgeht. Unter dem Titel „Christus vertrauen: Was Rechtfertigung heute bedeutet“ übersetzt Horst Hirschler die wichtigen Erkenntnisse Martin Luthers in die Lebenssituation moderner Menschen. „Innerlich frei von dem Druck, das Gelingen unseres Lebens selbst bewerkstelligen zu müssen, werden wir allein durch jenes Gottvertrauen, das sich der Begegnung mit Jesus Christus verdankt“ schreibt der Altbischof. Damit trifft er den Zeitgeist modernen Fragens und Suchens nach einem erfolgreichen und gelingenden Leben.
Kein liebender Gott in Rosa
Dabei findet er selbst für die für das moderne Denken sperrige Vorstellung von der Erlösung durch das Kreuz die passenden Worte. Warum, so greift er die Frage skeptischer Zeitgenossen auf, hängt in unseren Kirchen die Darstellung eines Umgebrachten? Hirschlers Antwort: „Weil Gott uns durch Jesus Christus im Tiefpunkt unseres Daseins aufgesucht hat. Das Kreuz bedeutet: Es wird nichts schön gefärbt, kein liebender Gott in Rosa gemalt. Die Erfahrung der Gottesferne wird schonungslos sichtbar gemacht. Im Anschauen des Kreuzes kann unsere eigene Ferne von Gott bewusst werden: Unser Setzen auf falsche Götter, unsere daraus folgenden Verfehlungen, unsere Schuld. Aber auch jene Gottesferne in Elend und Not, Leid und Tod, in der uns Gott abhanden kommt, ist im Kreuz dargestellt. Christlich kehren wir die Verborgenheit Gottes, die Nachtseite unserer Welt, nicht unter den Teppich.“
„Der verlorene Mensch und der rettende Gott“
Hirschlers Erklärungen zur Rechtfertigungslehre bieten neue Zugänge für kirchenferne Menschen. Das Grundthema des christlichen Glaubens - „der verlorene Mensch und der rettende Gott“ - gewinnt dadurch an Aktualität und Relevanz. An der einen oder anderen Stelle muss man jedoch ein gewisses Abstraktionsvermögen mitbringen, um den Ausführungen zu folgen, wenngleich sich der Autor in der Regel um geeignete Bilder und Vergleiche bemüht. Die Übertragungen in die Moderne sind meistens gelungen und treffsicher zugespitzt. Das führt mitunter dazu, dass manches etwas zu vereinfachend dargestellt scheint. Alles in allem aber ein frischer Zugang für Menschen, die verstehen wollen, welche Bedeutung die Rechtfertigungslehre auch – und gerade - heute bietet.
Die Publikation kann im Internet kostenlos auf den Seiten der VELKD heruntergeladen werden oder per Telefon zum Selbstkostenpreis von 1 Euro zzgl. Versandkosten angefordert werden (Tel.: 05 11/27 96 ).
(Foto:© Pixeljäger - Fotolia.com)
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Leserbrief zu diesem Beitrag
- Von HeHe am 30.10.2009, 10:34 Uhr.
- Liebe Mitarbeitende beim ERF, zunächst vielen Dank für die Vorstellung dieses kleinen Heftes.
Ich schließe mich meiner Vorschreiberin an: viele Menschen suchen einen gnädigen Gott. Ich selbst, katholisch sozialisiert, habe sehr, sehr lange in großer Angst vor Gott gelebt. Immer noch höre ich die Worte meiner Oma, die doch eine so liebe Frau wahr, und der ich alles glaubte: Das Händchen,dass die Schwester schlägt, das wird von Jesus abgesägt. Dieser Satz, nur exemplarisch für viele andere Sätze machten mir Angst. Ich verließ die Kirche und war fast 20 Jahre im Exil, in der Angst, auf der Suche. Getrieben,verängstigt habe ich alles mögliche ausprobiert, Buddhismus in verschiedenen Ausprägungen. Aber - der gnädige Gott hat mich nicht verlassen, nie. Er war immer da, ich sah es nur nicht. Die Bibel las ich wieder und wieder und sagte mir immer: es muss doch was dran sein an Jesus Christus.
Und es vollzog sich langsam, zunächst unmerklich zum Ende hin aber mit Macht ein Wandel. Plötzlich konnte ich Ihn spüren, wie er zu mir sprach: Siehe, ich bin auch bei dir, alle Tage, bis an der Welten Ende.
In unserer Welt, besonders hier bei uns, in unseren Gemeinden, örtlich aber auch kirchlich gesehen, suchen die Menschen nach dem gnädigen Gott. Die Frage der Erlösung, des Gerufen- und Geliebtseins ist die alle Menschen umtreibende Frage. Helfen wir ihnen, den gnädigen Gott zu finden, Ihn zu erkennen. Sich ganz auf Ihn zu verlassen. Der Herr ist mein Licht und mein Heil, vor wem sollte ich mich fürchten. Der Herr ist meines Lebens Kraft, vor was sollte mir grauen. (Ps27). Ein Leitvers meines neuen Lebens, der mir viele dunkle Zeiten erhellt und den Weg weist. Imme wieder. - Von Frau Bétis am 30.10.2009, 9:34 Uhr.
- Sehr geehrtes Team,
hingegen zu Ihrer Annahme, stellen sich viele Menschen heute noch die Frage danach, "wie bekomme ich einen gnädigen Gott"? Denn viele treten aus der Kirche eben deswegen aus, weil sie diesen gnädigen Gott in der Kirche nicht kennenlernen, nicht gefunden haben.
Ein gnädiger Gott ist nämlich alles, was der Mensch sich heute erhofft und auf seinem Lebensweg doch sucht: Ein Gott, der ihn liebt und versteht, verzeiht und hilft, weiterzukommen.
Mit freundlichen Grüßen


